Textinterpretation und -kommentar

 

Die Praxis der Textinterpretation und der Textkommentierung ist ein wichtiger Teil der spirituellen Arbeit. Sie dient der Schulung auf verschiedenste Weise. Als erstes ist sie natürlich interessiertes, wahrheitsforscherisches Quellenstudium.

 

Dann ist sie das Erlernen der Fähigkeit, Texte verschiedener Herkunft vor einem gemeinsamen spirituellen Hintergrund "in eins zu lesen". Also nicht das Trennende in den Vordergrund zu stellen, sondern das Gemeinsame und Gleiche herauszuarbeiten, das teils nur durch kleine Winkelabweichungen der Blickrichtung dem ungeübten Leser einfach als fremd und anders erscheint.

 

Danach ist sie - trotz des In-eins-lesens - die Möglichkeit, Ungenauigkeiten und blinde Flecken sowohl des bearbeiteten Textes zu diskutieren und zu erkennen, als auch umgekehrt ebensolche Ungenauigkeiten und Flecken bei sich selbst zu bemerken und zu bearbeiten.

 

Und letztlich ist sie die schlichte Freude es zu tun und die Resultate zu teilen.

 

Und die Dankbarkeit gegenüber jenen, die die Texte verfasst, tradiert, übersetzt und online oder sonstwie bereitgestellt haben.

 

Den vorliegenden und für die Interpretations- und Kommentararbeit als Beispiel dienenden Text entnahmen wir der Webseite http://viewonbuddhism.org. Einer recht umfangreichen, hauptsächlich englischsprachigen (aber auch polnisch und deutschen) Quelle für "Buddhistisches". Genauer gesagt findet sich der Text hier: http://viewonbuddhism.org/buddhismus-deutsch/g-37-uebungen-bodhisattvas.htm

 

Die 37 Übungen der Bodhisattvas - von Gyalse Thogme Zangpo

 

1. Nun, da ihr den kostbaren Menschenkörper, das Floß, das so schwer zu finden ist, erlangt habt, um euch selbst und die anderen über den Ozean von Samsara zu setzen, bemüht euch unablässig – Tag und Nacht – im Hören, Nachdenken und Meditieren. Dies ist die Übung der Bodhisattvas.

Zur Klärung des Begriffes "Bodhisattva". Wenn wir uns an der Wikipedia orientieren, dann sehen wir, dass dort keine große Klarheit herrscht. Wahrscheinlich auch, weil die verschiedenen Schulen unterschiedliche Gewichtungen der verschiedenen Arten von "Erleuchteten" vertreten.
Als Einstieg könnte man sagen, dass neben dem "Buddha" noch drei Erleuchtungswesenstypen existieren: Arhat, Pratyekabuddha und Bodhisattva.
Der Arhat entspricht dem Ideal der alten buddhistischen Schulen (in der alten Zeit – heute sieht die einzige noch existierende alte Schule das teilweise anders). Er hat in der Nachfolge (der Lehren) eines Buddhas ebenfalls Erleuchtung erlangt und geht nach seinem Tod ins Nirvana ein. Bis dahin lehrt er andere Suchende die von ihm gelernten und erfahrenen Lehren.
Der Pratyekabuddha hat eigenständig ohne Anleitung durch einen Buddha Erleuchtung erlangt und geht – ohne irgendwelche Lehren formuliert und weitergegeben zu haben – nach seinem Tod ins Nirvana ein. Andere meinen, er sei Lehren gefolgt, lehre sie aber selbst niemandem.
Der Bodhisattva stellt seinen Wunsch nach dem Nirvana hinter den Wunsch zurück, allen Wesen vorher Erleuchtung zuteil werden zu lassen bzw. sie auf ihrem Wege dorthin anzuleiten. Bezüglich seiner Rangposition zu Arhat und Pratyekabuddha gibt es unterschiedliche Bewertungen. Von "er wird in der nächsten Inkarnation Buddhaschaft erlangen" (was ihn etwas niedriger stellt als die anderen beiden Erleuchtungswesenstypen), bis zur Aussage, dass die Arhatschaft Grundlage der folgenden zehn Bodhisattvastufen sei, ist einiges zu lesen. Es klingt teilweise sogar so, als sei ein Schüler, der für sich die Bodhisattvagelübde annimmt, schon ein Bodhisattva. Das halte ich jedoch für falsch gesehen. Dieser Schüler arbeitet daran, Bodhicitta (Erleuchtungsgeist) als Haltung (Ausrichtung) in sich zu verwirklichen und dann zum Seinszustand zu machen. Damit scheint mir der Weg zum Bodhisattva aber noch lange nicht abgeschlossen.
Interessant übrigens bei der unterschiedlichen Bewertung der verschiedenen Erleuchtungswesen: Wenn der Bodhisattva das höchste Ideal ist – was aus den alten Texten übrigens nicht hervorgeht... Buddha hat in den ältesten Texten nicht von Bodhisattvas gesprochen – dann wäre ja die Frage berechtigt, warum der Buddha denn nicht dem Bodhisattvaideal entsprochen hat und statt dessen ins Nirvana eingetreten ist?
Die buddhistischen Schulen lösen die Frage scheinbar durch die Aussage, der Buddha sei vor seiner Inkarnation mit der krönenden Buddhaschaft ein Bodhisattva gewesen. Aber dann hätte er es doch durchziehen müssen, bis alle Wesen Erleuchtung erlangt hätten, oder? Buddha – ein Drückeberger? So fällt die etwas demagogische Kritik der Mahayanisten an den Arhats letztlich auf ihren eigenen Buddha zurück. So läuft es häufig in der Welt, wenn man genau hinschaut.
Thogme betont in "1" die Kostbarkeit der menschlichen Inkarnation. Ich sehe dies positiv genommen als Motivationshilfe für Unentschlossene (halte es aber inhaltlich vom Gesamtbild her für falsch – Kostbarkeit ergibt sich aus anderen Sachverhalten). Wenn wir dann noch die anderen Existenzformen ins Auge nehmen, die anklingen, dann sind vor allem die unangenehmen Inkarnationen (z.B. Tiere, Höllenwesen, Hungergeister) negativ gesehen auch durchaus als "kirchliche" Drohungen zu verstehen. Im spirituellen Kontext absolut unwürdig! Trotzdem darf man hier noch unterscheiden: Im christlichen Kontext ist die Hölle in der Regel als andauernde, ewige Bestrafung gesehen und angedroht worden. Im Buddhismus ist die Hölle temporär.
Thogmes unablässige Bemühung – Tag und Nacht – im Hören, Nachdenken und Meditieren entspricht ganz dem christlichen "lectio, meditatio, contemplatio" als spirituellem Weg.
Interessant in allen 37 Texten: Bis auf zweimal spricht Thogme von "Übung der Bodhisattvas" (zweimal spricht er von "Praxis der Bodhisattvas" – was auch an der Übersetzung liegen kann). "Übung" impliziert ja auch einen nicht-abgeschlossenen Weg zu irgendeinem Endzustand. Logisch auch bezogen auf mögliche Bodhisattva-Stufen. Ich lese darin vor allem, dass auch die entwickeltsten Meister weiterhin praktizieren/üben.
(Clemens Satorius)

Folgendes drängt ^^ sich mir auf:
Wenn man die spezifische Sichtweise auf die möglichen Inkarnationen außen vor lässt, könnte man sagen, dass der menschliche Körper (die menschliche Existenz) deswegen als kostbar angesehen wird, weil der Mensch als Ganzes gesehen die ERKENNTNISFÄHIGKEIT besitzt. Jeder hat diese Gabe! Die muss man aber fördern, üben und praktizieren, indem man aufnehmend hört, nachdenkt und meditiert.
Selbstverständlich sind das Oberbegriffe für vielfältige andere geistigen Fähigkeiten (z.B. Nachdenken: Reflexion, unterscheidender Verstand, Herstellung der Zusammenhänge usw.). Der bewusste Weg zur Weisheit beginnt mit der Erkenntnis dieser Tatsachen. Deswegen diese primäre Stellung in Thogmes Gelübden und in allen anderen spirituellen Schulen.
(Ruth Finder)


2. "Zuneigung und Anhaftung gegenüber Freunden entstehen spontan und ohne Anstrengung, so wie Wasser den Berg hinabfließt. Abneigung und Hass gegenüber Feinden lodern wie Feuer. Von der Finsternis der Unwissenheit umhüllt, vergesst ihr, was anzunehmen und was zu verwerfen ist. Das Heimatland aufzugeben, ist die Praxis der Bodhisattvas."

Aus meiner Sicht geht es hier unter anderem darum, dass wir durch einen Mangel an Wissen leicht verführbar für das "Gute" und das "Schlechte" sind. Das wiederum wird zur Gewohnheit, zum Charakterzug, zu eigener Wirklichkeit – wir können das oft nicht mehr abstellen (schwierig wie bei "den Berg hinabfließendem Wasser" oder bei dem "lodernden Feuer"). Durch dieses Anhaften – das auch letztendlich Nicht-wissen-wollen impliziert, weil anstrengend und unbequem – verengen sich unsere Möglichkeiten, herauszufinden, was für unsere Entwicklung und unseren Fortschritt notwendig wäre. Also diese so funktionierende "Wirklichkeit", die zu unserem "Heimatland" geworden ist, in Frage zu stellen, wäre schon ein guter Anfang.
(Ruth Finder)

"Das Heimatland aufgeben" bedeutet hier, die Positionierung in der Welt aufgeben. Die Abgrenzungen und Einschließungen aufgeben. Im Weitesten: Zuneigung und Anhaftung ebenso wie Abneigung und Hass generell und allem gegenüber aufgeben. Im übertragenen Sinne auch die Aufgabe der Umhüllung durch die Finsternis der Unwissenheit, die uns Anzunehmendes wie zu Verwerfendes nicht erkennen lässt.
Eng an der Vorstellung von der Vergänglichkeit aller Dinge orientiert könnte man Thogme so verstehen, dass Freundschaft wie Feindschaft zu überwinden sei. Wir würden den Spruch unterm Strich aber eher so verstehen, dass wir nach und nach allen und allem gegenüber eine freundschaftliche Haltung kultivieren, bis in jeder Situation anhaftungsfreie Zuneigung spontan und ohne Anstrengung entsteht. Platz für Abneigung und Hass würde dann keiner mehr bleiben.
(Clemens Satorius)


3. Gebt ihr schlechte Plätze auf, nehmen die störenden Gefühle nach und nach ab. Gänzlich frei von Ablenkung vermehrt sich Heilsames spontan. Durch geistige Klarheit entsteht Vertrauen in den Dharma. Sich auf Einsamkeit zu verlassen ist, die Praxis der Bodhisattvas.

Thogme stellt noch einmal deutlich die andere Herangehensseite zu "Zwei" heraus, wo wir auch aktiv Positives kultivieren – nämlich andersherum "das Aufgeben schlechter Plätze" innerhalb der Elementalsumme der AP durch Aufmerksamkeitsabzug und damit einhergehende Devitalisierung. Dadurch beginnen die positiven Elementale von sich aus spontan in den frei werdenden Raum hinein zu wachsen. Heilsames vermehrt sich!
 Dann noch ein Drehspruch: Durch Klarheit entsteht Vertrauen (in die Lehre) – durch Vertrauen entsteht Klarheit. Und zuletzt der buddhistisch übliche Abkehrspruch: Steig ein in die Einsamkeit. Wir deuten dies wieder als Einstieg in geistige Unabhängigkeit und Ungebundenheit, die NICHT mit Einsamkeit in der Welt gleichzusetzen ist!
(Clemens Satorius)

"Gänzlich frei von Ablenkung vermehrt sich Heilsames spontan." – Einer dieser scheinbaren Widersprüche: Wir müssen weniger werden, damit wir mehr werden.
(Ruth Finder)

Nicht nur die positiven AP-Elementale wachsen in den freiwerdenden Raum hinein, sondern auch die verbliebenen negativen Elementale, die vorher vielleicht nicht so klar erkennbar waren, bekommen mehr Ausdrucksmöglichkeiten und werden dadurch sicht- und bearbeitbar. Ein fortlaufender Reinigungsprozess ergibt sich daraus für den aufmerksamen, sich selbst beobachtenden Weg-Arbeiter.
(Jonas Hochreiter)


4. Bedenkt: von geliebten Freunden, mit denen ihr lange euer Leben geteilt habt, werdet ihr getrennt. Reichtum und Besitztümer, unter Mühen erworben, werden zurückbleiben. Das Bewusstsein verlässt den Körper, in dem es zu Gast war. Das Anhaften an dieses Leben aufzugeben, ist die Übung der Bodhisattvas.


Hier klingt vor allem eine Übung an, die man "Reduktion auf das Bewusstsein" nennen kann. Es geht nicht darum, dass wir unsere geliebten Freunde verlieren werden. Alle Verbindungen auf spiritueller Ebene bleiben bestehen und werden sogar immer enger werden. Und dabei nicht vergessen: Spirituell verbunden sind wir mit allen Menschen und Wesen, mit denen wir auf unserem Weg durch die Trennungswelten überhaupt je zu tun hatten – also sogar mit unseren schlimmsten Feinden (oder denen, die sich dafür halten/hielten, oder die wir dafür halten/hielten).
Es geht um das Loslassen von Formaspekten. Also beispielsweise Besitztümern. Oder des Zustandes des Reichs eins (aber ebenso des Zustandes des Armseins!).
Dann um das Loslassen "geliebter Freunde" – ebenso bezogen auf Formaspekte. Ihren (der Freunde) speziellen raumzeitlichen Ausdruck. Keineswegs um die Freunde selbst! Der reiche Sportler, der jetzt mein bester Kumpel ist, kann sich ja schon in diesem Leben recht schnell in einen armen Krüppel verwandeln. Wie viel mehr mag er in weiteren Leben verwandelt sein – und wenn wir am Äußeren hängen, dann werden wir ihn nicht erkennen können.
Und der "geliebteste" Freund der AP ist darüber hinaus... Die AP!
Auch ihre Formaspekte, ihren spezifischen Ausdruck, müssen wir loslassen (lernen).
Ebenso wie bei der Übung der "Lücke", bei der wir versuchen, die Lücke zwischen den gedanklich-emotionalen Egoimpulsen zu erkennen und zu weiten, und dort unser Selbst, unser Bewusstsein, unsere Bewusstheit hinter dem AP-Ausdruck zu erkennen und kennenzulernen, können wir in der Übung der "Reduktion auf das Bewusstsein" selbst unsere Formaspekte, unseren spezifischen raumzeitlichen Ausdruck (eigentlich müsste man "Ausdrucke" sagen – oder eben zusammenfassend "Ausdrucksformen") sukzessive erkennen und loslassen.
Dabei können wir dann merken, dass wir all das nicht sind, und dass wir trotzdem nicht weniger werden. Eher reiner und freier! Und wie groß und weit wir (bei aller Demut) eigentlich sind.
(Clemens Satorius)


5. Durch schlechte Gesellschaft vermehren sich die drei Gifte und Hören, Nachdenken und Meditation werden verfallen. Liebe und Mitgefühl werden zugrunde gerichtet. Schlechte Gesellschaft zu meiden, ist die Übung der Bodhisattvas.

Die drei Gifte sind (die Geistesgifte) Gier, Hass und Verblendung. Sie stehen dem Heil(sweg Hören, Nachdenken und Meditieren) entgegen und werden durch schlechte Gesellschaft vermehrt. Und zwar durch Elementalinfektion und über den Karmaweg. Das Meiden schlechter Gesellschaft meint allerdings nur die Kumpanei. Nicht den generellen Kontakt mit weniger spirituell orientierten, oder gar wirklich schlechteren Menschen. Der ist manchmal unvermeidbar und manchmal notwendig. Zudem ist Beobachtung ein Aspekt der Weg-Arbeit. Selbstbeobachtung und die Beobachtung anderer. Erkenntnis durch Beobachtung macht (negatives) Karma weitgehend überflüssig.
Das Meiden schlechter Gesellschaft führt letztlich in gute Gesellschaft – in die spirituelle Gemeinschaft.
(Clemens Satorius)

Das könnte man eins zu eins auf "eigene" – innerhalb von uns befindliche – Gesellschaft in beider Hinsicht übertragen.
(Ruth Finder)

Man sollte beim Begriff "schlechte Gesellschaft" auch nicht auf die Medien vergessen. Elementalinfektionen ergeben sich auch aus dem Konsum von Fernsehen, Filmen, Radio, Internet etc. Auch hier sollte man selektiv unterwegs sein und auf Hygiene achten.
(Jonas Hochreiter)

Sehr treffende Ergänzungen. Interessant finde ich in beiden Zusammenhängen den Unterschied zwischen Kumpanei und Kontakt. Er besteht dort auch. Die Gewichtung ist etwas anders. Bei beiden kann man sich, wie es mir gerade scheint, noch schneller selbst bescheißen – im Sinne von: Man muss doch zumindest informiert sein, man soll ja nicht weltfremd sein etc.
(Clemens Satorius)


6. Wenn man sich dem spirituellen Freund anvertraut, schwinden die Übel, und gute Eigenschaften wachsen wie der zunehmende Mond. Den wahren spirituellen Freund mehr zu schätzen als selbst den eigenen Körper, ist die Übung der Bodhisattvas.

Man könnte auch sagen, durch Weg-Arbeit werden die Übel weniger und die guten Eigenschaften mehr. Wahre Weg-Arbeit bedeutet, mit wachsendem Bewusstsein und daraus resultierender Freude, die AP auch gegen ihre Widerstände zu disziplinieren und immer mehr das Höhere Selbst auszudrücken.
(Ruth Gabriel)

Cool! Das HS als "Spiritueller Freund" gesehen. Da wächst die Freude gleich nochmal...
(Clemens Satorius)

Aus eigener Erfahrung: Spirituelle Freunde sind das Kostbarste und Wertvollste, das man auf dieser Ebene gewinnen kann. Im Gegensatz zu materiellen Dingen, die wir nicht mitnehmen können, ist die Verbindung mit unseren Freunden, die gemeinsame Schau, unvergänglich und dauerhaft, sie ist wahrhaftig.
Der angeführte Vergleich mit dem eigenen Körper, den man weniger wichtig erachtet als die spirituellen Freunde, scheint mir nicht übertrieben.
(Jonas Hochreiter)


Ergänzend zu den anderen Kommentaren erscheint mir bei dieser Übung des Bodhisattvas der Aspekt des Vertrauens herausragend. Er bedeutet neben der aktiven Eigenarbeit auch ein sich Überlassen und Öffnen – sich selbst (Erkennen und Annehmen seiner Defizite) und dem Anderen (Vertrauen in sein Gut-Sein) gegenüber. Dieses Hingeben (Vertrauen) an den spirituellen Freund könnte man als das Pendant zur absoluten Hingabe an Gott verstehen, ist doch in jedem von uns Gott immer präsent.
Nur durch die Verwechslung mit der AP und dem eigenen (materiellen) Körper entsteht die Blindheit an diesem Punkt (Misstrauen): a) unserem wahren und Höheren Selbst gegenüber, weil wir animalischen Impulsen und Identifikationen der AP folgen, und b) dem anderen gegenüber, den wir dadurch für eine potentielle Bedrohung halten.
Trotz der Ausrichtung auf die spirituelle Entwicklung und die Weg-Arbeit sind wir lange nicht frei von Identifikationen der AP oder Absackern in die animalische Ebene, vielleicht finden sie dann über längere Strecken nur wesentlich subtiler, anders oder etwas weniger statt. Aus der Isolation und Identifikation der Alltagspersönlichkeit, dem sich eben gerade nicht mit spirituellen Freunden zu verbinden, kann trotz der Nähe zur Gemeinschaft, trotz sehr günstiger Rahmenbedingungen nicht der positive Effekt für beide Seiten erwachsen, der eigentlich möglich wäre, wenn Vertrauen nicht da ist. So können AP-Aspekte lange unheilsam in die Gemeinschaft hineinwirken und heilsame karmische Verbindungen erschweren. Neid und Eifersucht auf spirituelle Fortschritte anderer und die Angst, schlechter zu sein oder der Wunsch, schnellere Fortschritte (als andere) zu haben, sind vielen da nicht unbekannt.
Vertrauen in diesem Zusammenhang verweist auf die Verbindung jenseits der AP: Wenn wir uns dem spirituellen Freund anvertrauen, sollte das vom (eigenen) Höheren Selbst zum (anderen) Höheren Selbst erfolgen. Vertraut sich uns ein spiritueller Freund an, gilt gleiches. Die Verantwortung liegt gleichermaßen für uns darin, immer mehr auf dieser Ebene Bezug zum spirituellen Freund zu nehmen, egal ob wir eigenen AP-Stürmen unterworfen oder mit denen eines Weggefährten konfrontiert sind. Auch hier gilt es den Weg zu beschreiten. Das wird aber unterstützt durch die Tatsache, dass die Nähe zwischen HS und HS aufgrund der Ebene schon wesentlich größer ist als auf der AP-Ebene, wo noch eine enorme Trennung vorherrscht.
Vertrauen in diesem Zusammenfang erfordert in „brenzligen Situationen“ immer wieder eine Entscheidung, eine Ausrichtung hin auf das Ziel, die spirituelle Befreiung. Das kann in manchen Situationen eine schwierige Entscheidung sein. Sie wird jedoch leichter, wenn wir uns nicht schwankend verhalten, sondern unsere Hinwendung zur Weg-Arbeit immer wieder, gerade in „brenzligen Situationen“ bekräftigen. Auf der Ebene der AP gibt es keine Erlösung, nur den sicheren Tod und ein langes Leiden. In der Hinwendung zum DU (Gemeinschaft, Gott) liegt die Heilung all unserer Leiden.
(Maria)


7. Wie können weltliche Götter, die selbst in den Gefängnismauern von Samsara gebunden sind, euch retten? Sich in den Schutz der drei Juwelen, die nicht trügen, zu begeben, ist die Übung der Bodhisattvas.

Ich deute „weltliche Götter“ als Wissenschaftler, Manager, Religions- und Staatsoberhäupter, Anführer von Revolutionen oder alle, denen man Wissen, Erfolg und Macht zuschreibt, die „wissen, wo es langgeht und die Sicherheit versprechen“. Ihnen zu folgen, die selbst den Karmaweg gehen (Samsara würde ich als den Karmaweg sehen), kann ebenfalls nur den Karmaweg für uns bedeuten. Sich dagegen den drei Juwelen (Lehrer, Lehre und Gemeinschaft)  anzuvertrauen bedeutet, die eigene Entwicklung der Wahrhaftigkeit durch Weg-Arbeit aktiv anzugehen und dadurch Einfluss zu nehmen auf die Rahmenbedingungen kommender Inkarnationen. Wir bekommen in unseren Inkarnationen die notwendigen Rahmenbedingungen für das bestmögliche Lernen unserer Lektionen. Lektionen, die wir bereits gelernt haben, machen gleiche oder schwierigere Bedingungen nicht notwendig, sondern neue Lektionen erfordern neue Bedingungen. Wenn wir sie nicht wahrnehmen, verschärfen sich die Bedingungen, um spürbar zu werden bis wir irgendwann die Lernaufgabe annehmen. In einer Gemeinschaft laufen wir zum einen nicht Gefahr, „betriebsblind“ für uns selbst zu werden und zum anderen erhalten und geben wir einander (und dadurch auch anderen Menschen) Unterstützung auf unserem Entwicklungsweg und wirken so als „Beschleuniger“.
(Ruth Gabriel)


8. Der Erhabene lehrte, dass die Leiden der niederen Bereiche schier unerträglich und die Frucht übler Handlungen sind. Niemals üble Taten zu begehen, selbst wenn es das eigene Leben kostet, ist die Übung der Bodhisattvas.

Durch das gnadenlose Ausagieren der endlosen Wünsche der AP nehmen wir auf der einen Seite das Leid Anderer und der Umwelt billigend in Kauf (üble Taten) und sind andererseits selbst auch „Opfer“ der eigenen Taten, zum einen durch die Auswirkungen in unserer Welt und zum anderen durch das dadurch entstehende Karma (Frucht übler Handlungen). Der Wunsch, sich daraus befreien zu wollen, zieht eine Priorisierung/Ausrichtung nach sich. Da unsere innere Entwicklung das Einzige ist, das unvergänglich ist, muss sie sinnvollerweise auch „Vorrang“ haben, in letzter Konsequenz sogar vor einer Schädigung unseres Leibes und dem Verlust unseres Lebens.
(Ruth Gabriel)

Wie viele merken nicht einmal bei sich selbst, dass sie in einer "Hölle" leben (leiden). Um wie viel weniger wissen sie darüber in Bezug auf die anderen, die unter ihren unmittelbaren oder indirekten üblen Taten leiden! Man sollte versuchen, alle drei Säulen der spirituellen Entwicklung im Auge zu behalten und das Wissen um "was, wie und tun" zu erlangen. Und da sind wir wieder bei 37.01. und dem Kommentar dazu.
"Wieder gelesen (-gehört, -gesehen, -besprochen), neu gelesen" ist daher wahr und ein wichtiger Teil der spirituellen Arbeit, denn leider ist es eben nicht so, dass wir uns erinnern, sobald wir einmal etwas gehört haben – und auch nicht so, dass, nur weil wir irgendwann das Wissen parat haben, wir es auch immer anwenden (können). Daher erinnern, erinnert werden, sich erinnern lassen.
(Ruth Finder/Clemens Satorius)

"Niemals üble Taten zu begehen, selbst wenn es das eigene Leben kostet, ist die Übung der Bodhisattvas."
Hoffentlich bleibt uns die letzte Konsequenz erspart. Aktuell aber bedeutet das, dass es uns unser "altes" Leben – im Sinne unserer verfestigten Gewohnheiten und Strukturen auf allen drei Ebenen des Menschen in Bezug wiederum auf die drei Säulen – kostet, wenn wir anstreben, bewusst üble Taten zu unterlassen.
(Ruth Finder)


9. Das Glück der Drei Welten gleicht dem Tautropfen auf der Spitze eines Grashalms. Ein flüchtiger Augenblick nur, und es ist vergangen. Nach der höchsten Stufe der Befreiung zu streben, die unvergänglich ist, ist die Übung der Bodhisattvas.

Nicht religionsgebunden sondern frei spirituell kann das Glück der drei Welten auch als die Einrichtung in den Entwicklungszyklen Hyliker, Psychiker und Pneumatiker gedeutet werden. Die höchste Stufe der Befreiung geht weit darüber hinaus. Es ist die Befreiung von jeglichem Eigenwillen, die Auflösung der Dualität und die vollständige Hingabe an Gott/das Eingehen in Gott. Und dies ist unvergänglich, da Gott unvergänglich ist.
(Ruth Gabriel)

"Religionsgebunden" kann man hier die Thai-Variante zu den "Drei Welten" lesen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Traibhumikatha
Eine andere Stufenfolge und -zahl der Unterstufen der drei Welten findet sich hier:
http://www.buddha-dhamma.de/daseinsber.htm
Die drei Welten selbst sind kurz Karma-Loka (Welt des Begehrens), Rupa-Loka (Formwelten) und Arupa-Loka (formlose Welten).
Jenseits davon kommt noch der Nirvanabereich...
(Clemens Satorius)

Wir können die drei Ebenen – physische, psychische und noetische – die drei Welten nennen. Die körperlichen (sinnlichen), gefühlsmäßigen (emotionalen), gedanklichen (intellektuellen) Freuden (Glück) dieser Ebenen sind in jedem Moment und durch die Zeiten vergänglich. Den Zugang zum HS außerhalb der Welten der Trennung zu finden, dauerhaft auf dieser Ebene sein zu können – befreit sein von sich selbst! – ist eine unvergängliche Größe.
(Ruth Finder)


10. Wenn eure Mütter leiden, die seit anfangsloser Zeit so gütig zu euch waren, was ist dann mit dem eigenen Glück erreicht? Deshalb, um unzählige Wesen von Leiden zu befreien, den Bodhicitageist zu erzeugen, ist die Übung der Bodhisattvas.

Hier klingt die buddhistische Vorstellung an, dass, wenn wir "seit anfangsloser Zeit" im Samsara (in wörtlich "beständigem Wandern") unterwegs sind, mittlerweile jedes Wesen im Wechsel der Inkarnationen schon einmal unsere Mutter gewesen ist. Da wäre dann zwar auch jedes Wesen auch schon Vater, Freund, Bekannter, ja, sogar schon jede Art von Feind gewesen, aber die Absicht ist eben, den Kontakt mit anderen Wesen maximal zu emotionalisieren, um dadurch das Bodhisattva-Ideal zu bestätigen und zu unterstreichen.
(Clemens Satorius)


11. Alles Leid – ohne Ausnahme – entspringt dem Wunsch nach eigenem Glück. Aus der Geisteshaltung, die auf das Wohl der anderen ausgerichtet ist, entsteht vollkommene Buddhaschaft. Eigenes Glück vollkommen einzutauschen gegen das Leid der Anderen, ist die Übung der Bodhisattvas.

Ich möchte diese Übung anhand der folgenden Geschichte interpretieren.
Hinabsteigen
Rabbi Schlomo von Karlin sprach: "Wenn du einen Menschen aus Schlamm und Kot heben willst, wähne nicht, du könntest oben stehenbleiben und dich damit begnügen, ihm eine helfende Hand hinabzureichen. Ganz musst du hinab, in Schlamm und Kot hinein. Da fasse ihn dann mit starken Händen und hole ihn und dich ans Licht."
Das "konventionelle" Glück, dem man nachjagt, führt zur "Ellbogengesellschaft", zur Gleichgültigkeit, zur Selbstzufriedenheit, zur Einrichtung. Aber auch das Glück, das man empfindet, wenn man etwas erkannt hat, Gleichmut anstrebt, das man durch das HS bestimmte Leben erlangt hat, führt  womöglich auch zum Leid bzw. vermindert es nicht, wenn man "oben stehen bleibt" – sprich, so gewonnenes Glück nicht mit anderen teilt. Und zwar durch Unterstützung, durch lehrende Aufklärung, durch die Haltung der liebenden Güte. Das ist nicht einfach! Wenn man das doch macht ("hinabsteigt"), verwickelt man sich dabei unter Umständen wieder ("Ganz musst du hinab, in Schlamm und Kot hinein."). Aber eben durch die bestehende geistige Stärke ("starke Hände") gibt es die Möglichkeit, zusammen mit anderen zu wachsen und weiter zu kommen ("ans Licht" treten).
(Ruth Finder)


12. Jenen, die aus großer Gier euch aller Habe berauben oder andere zum Stehlen veranlassen, euren Körper, euren Besitz und die Tugenden der drei Zeiten zu schenken, ist die Übung der  Bodhisattvas.
13. Auch wenn man euch den Kopf abschlägt, obwohl ihr schuldlos seid, durch die Macht des Mitgefühls alle Sünden auf euch zu nehmen, ist die Übung der Bodhisattvas.
14. Und wenn euch jemand auf alle Arten herabsetzt und verleumdet, dass es durch dreitausend Welten schallt, mit dem Herz voller Liebe als Antwort seine positiven Qualitäten hervorzuheben, ist die Übung der Bodhisattvas.
15. Sollte euch jemand vor allen Leuten bloßstellen, eure Fehler breittreten und schlecht über euch reden, dieses Wesen als spirituellen Freund zu betrachten und sich vor ihm zu verneigen, ist die Übung der Bodhisattvas.
16. Wenn jemand, den ihr wie euer eigenes Kind umsorgt und behütet habt, euch dennoch wie einen Feind behandelt, ihm besondere Zuwendung zu schenken, wie eine Mutter ihrem erkrankten Kind, ist die Übung der Bodhisattvas.
17. Wenn jemand, von gleichem oder niedrigerem Stand, von Stolz getrieben euch herabsetzen will, ihm Respekt zu erweisen wie dem eigenen Guru, ist die Übung der Bodhisattvas.

12-17 schildern unterschiedliche aversive Extremsituationen und maximal positive Gegenreaktionen. Christlich auf die kurze Formel "Liebet eure Feinde" gebracht – oder auch etwas ausführlicher im biblischen Kontext:
Mt 5,44: Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,
Lk 6,27: Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen;
Lk 6,35: Vielmehr liebt eure Feinde und tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.
Man kann probeweise schauen, wie schnell man im Alltag gereizt reagiert, wenn einem wesentlich moderateres Unbill widerfährt. Dann weiß man, dass die Umsetzung noch ein wenig Zeit braucht. Allerdings: "Ist das Ideal genannt, ist der Weg auch schon bekannt."
Lediglich in 17 finde ich die Formulierung etwas fragwürdig: "Wenn jemand, von gleichem oder niedrigerem Stand, von Stolz getrieben euch herabsetzen will..." Als ob dies bei "höheren Ständen" (die es ja gar nicht gibt) a) keine Herausforderung wäre und b) eine gewisse Berechtigung hätte.
(Clemens Satorius)


18. Und wenn ihr noch so arm, von Menschen stets verachtet seid, von schwerer Krankheit befallen, dennoch die Leiden aller Wesen auf euch zu nehmen, ist die Übung der Bodhisattvas.

Das deute ich als einen Hinweis auf die drei Säulen des spirituellen Lebens. Unabhängig von den Bedingungen, unter denen wir leben, und seien sie noch so schwierig, üben Weg-Arbeiter, SEINE Liebe widerzuspiegeln. Wenn man erfüllt von dieser Liebe ist, dann ist der größte Wunsch den man hat, dass es Anderen gutgehen möge und dass man bereit ist, dafür alles zu tun, was man kann. Und auch zu unterlassen, was Anderen Leid und Schaden zufügt, auch wenn es eigenes materielles Leid bedeuten sollte. Ich denke da an Tierversuche für die Medizin, Arbeitsstellen in schädlich agierenden Unternehmen, Kaufen von Konsumgütern, die unter schlimmen Bedingungen für Mensch, Tier und Natur hergestellt werden usw. Stets immer weniger Leid zu verursachen ist die Übung der Weg-Arbeiter
(Ruth Gabriel)

zu "Und wenn ihr ..., von Menschen stets verachtet seid, ... , dennoch die Leiden aller Wesen auf euch zu nehmen ist die Übung der Bodhisattvas."
Wohltun
Durch das Dorf, in dem Rabbi Mosche von Kobryn, als er noch ein Kind war, mit seinen Eltern wohnte, zogen einst täglich Scharen Bedürftiger, die einer Hungersnot in Litauen entkommen wollten. Seine Mutter mahlte Korn auf einer Handmühle und buk an jedem Morgen Brot, um es unter den hungernden Menschen auszuteilen. An einem Tag kamen viel mehr Leute als sonst in das Dorf. Das Brot reichte nicht für alle, aber der Ofen war geheizt und Teig lag in den Schüsseln. Eilig nahm Mosches Mutter davon, knetete die Laibe zurecht und schob sie in den Ofen. Die Hungrigen jedoch brummten, weil sie warten mussten, und etliche Freche unter ihnen verstiegen sich zu Scheltworten und Flüchen. Darüber brach die arme Frau in Tränen aus.
"Weine nicht, Mutter", sagte der Knabe, "tue nur deine Arbeit und lass sie fluchen und erfülle Gottes Aufgabe! Vielleicht, wenn sie dich lobten und segneten, wäre sie wenig erfüllt."
(Ruth Finder)

Die Übungen 18 und 19 beschreiben spezifische Rahmenbedingungen, die mit unterschiedlichen Entwicklungsanforderungen und Übungsmöglichkeiten einhergehen. Wenn man arm, krank, ungeliebt oder gar mit Verachtung anderer leben muss, machen uns diese leidvollen Erfahrungen nicht automatisch zu einem besseren Menschen. Ganz im Gegenteil, es ist sogar sehr schwer, gerade dann eine heilsame Gegenbewegung, richtiges Verhalten zu kultivieren. Diese schwierigen Rahmenbedingungen verengen meist den eigenen Blickwinkel, da sie ganz zentrale menschliche Grundbedürfnisse treffen, wie geliebt und positiv wahrgenommen zu werden, heil zu sein, teilzuhaben am Leben. Es ist schwer, sich davon zu distanzieren und den Blick zu weiten, sich nicht mit dem materiellen Körper, Schmerzen, fehlender Bedürfnisbefriedigung, Hunger oder fehlender Liebe und Anerkennung zu identifizieren. Und dann einen Schritt darüber hinaus zu gehen und noch die Leiden und Probleme anderer Menschen auf sich zu nehmen, erfordert schon sehr viel Willen, Mut und Erkennen. Für diese Übung des Boddhisattva fehlt auf weltlicher Ebene, vermutlich sogar oft im spirituellen Bereich, das Verständnis und die Motivation. Kennt doch wahrscheinlich jeder Gefühle oder Gedanken, wie „das kann ich jetzt nicht auch noch übernehmen, wo ich doch mit meinen eigenen Problemen schon genug zu tun habe“. Oder dieses innere Sträuben der AP gegen die Vorstellung, für andere etwas zu tun, wenn es einem gerade nicht so passt. Oder nach dem Motto: Erleuchtung sofort und mir zuerst. Eine Sichtweise, die sich auch im Zuge der Weg-Arbeit in vielen Facetten lange noch hinter sogar positiv aussehendem Tun und Wirken verstecken kann. Im Buddhismus gilt deswegen die Praxis zur Entwicklung von Liebender Güte und Mitgefühl als ein Königsweg zur Erleuchtung.

Eine solche Methode ist Tonglen. Pema Chödron schreibt dazu: „Alle fühlenden Wesen ohne Ausnahme besitzen Bodhichitta, also die angeborene Zartheit des Herzens, seine natürliche Neigung, zu lieben und sich um andere zu kümmern. Um uns gegen die Erfahrung von Schmerz und Unbehagen abzuschirmen, haben wir jedoch im Laufe der Zeit massive Barrieren aufgebaut, die unsere Zartheit und Verletzlichkeit überdecken. Das führt dazu, dass wir oft der Entfremdung, Wut und Aggressivität anheimfallen und uns der Sinn des Lebens abhandenkommt – sowohl auf der individuellen als auch auf der globalen Ebene.

Tonglen oder „sich selbst an die Stelle eines anderen zu versetzen“ ist eine Praxis zur Entwicklung von Liebe und Mitgefühl. Das tibetische Wort tonglen bedeutet wörtlich „geben und nehmen“ oder „aussenden und aufnehmen“. Damit ist gemeint, dass wir bereit sind, unser eigenes Leiden und unsere Schmerzen sowie die von anderen aufzunehmen und Glück zu uns selbst und allen anderen auszusenden. Tonglen oder die Übung des Aussendens und Empfangens kehrt diesen Prozess der Verhärtung und Abschottung (AP vom HS) um, indem es Liebe und Mitgefühl kultiviert. Statt vor Schmerz und Unbehagen davonzulaufen, nehmen wir sie in der Praxis des Tonglen voll und ganz zur Kenntnis und machen sie uns ganz zu eigen. Statt ständig auf unseren eigenen Problemen herumzureiten, versetzen wir uns in die Situation anderer Menschen und würdigen unsere gemeinsame Teilhabe am Menschsein. Dann beginnen die Barrieren zu schmelzen, und unser Herz und Geist fangen an, sich zu öffnen.“

D.h. es geht um bei dieser Übung des Boddhisattvas darum, 1. sein Joch aufzunehmen, ob es gut ist (Reichtum, Anerkennung) oder nicht (Armut, Krankheit, Verachtung) und nicht damit zu hadern, es nicht innerhalb der AP zu bekämpfen und uns auch nicht darauf auszuruhen. 2. Zu erkennen, dass unser eigenes Leiden nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Meer des Leidens aller Wesen ist. 3. Die Trennung zwischen uns und anderen, die sich auf der relativen Ebene durch die Existenz in getrennten materiellen Körpern zeigt, als relativ und nur auf einer Ebene, der grobstofflichsten, zu erkennen. 4. Die mit der grobstofflichen Trennung einhergehende Illusion der Trennung aller Wesen (und Trennung von Gott) und der daraus entwickelten Egoifizierung zu erkennen und diese aktiv zu überwinden. Die übliche egobezogene Haltung "Alles Gute möchte ich, alles Unangenehme will ich nicht" zu transformieren in eine liebevolle und wohlwollende Haltung sich selbst und allen anderen gegenüber.
(Maria)


19. Auch wenn ihr sehr berühmt seid, viele euch verehren und ihr so viele Schätze erworben habt wie der Gott des Reichtums, zu bedenken, dass alle Reichtümer dieser Welt ohne Essenz sind und daher nicht arrogant zu sein, ist die Übung der Bodhisattvas.

Ich denke, dass hier von der Gefahr der Einrichtung die Rede ist. Wir dürfen uns sicherlich an Schönem, was uns zuteil wird, erfreuen, doch nicht daran anhaften und verweilen, denn das ist nicht Sinn und Ziel unserer Reise. Es sind nur Gegebenheiten, denen wir  auf unserem Weg begegnen. Weg-Arbeit besteht aus dem wachsenden Erkennen, dass kein Wissen, kein Reichtum, kein Ruhm usw. etwas Wesen(tliches) besitzt, das uns auf unserem Weg erhalten bleibt und innerlich wachsen lässt. Die Einrichtung geht Hand in Hand mit der Arroganz, oder anders gesagt, mit dem Hochmut.  Dieser ist die Illusion, getrennt und unabhängig von Gott zu sein und zu glauben, WIR hätten dies Wissen und jenen Reichtum ganz allein erarbeitet und verdient. Das Gegenteil von Hochmut ist die Demut, das Erkennen, dass wir nur für ein sauberes Gefäß sorgen können und Gott aus Gnade sich darin eingießt.
(Ruth Gabriel)

Ein sehr guter, viele Aspekte der Weg-Arbeit aufzeigender Gedanke (Kommentar).
(Ruth Finder)

Ja, das teile ich auch so.

Hängengeblieben bin ich am Aspekt des Wissens. Wissen als Haben wird uns mit dem Tod (oder früher) genommen. Wissen, das wir zur Modifikation unseres Wesens nutzen, zu Sein wird, nehmen wir als Werdende mit. Das scheint mir der Unterschied zu sein, ob Wissen überdauernd ist oder nicht. Frei formuliert: „Lasst uns Schätze sein und werden, uns und anderen. Lasst uns (materielle) Schätze am Wegesrand liegen lassen lernen!“
(Maria)


20. Solange ihr euren inneren Feind, den Hass, nicht überwunden habt, werden eure äußeren Feinde – auch wenn ihr sie besiegt – sich immer wieder erheben. Den eigenen Geist daher mit der ganzen Macht von Liebe und Mitgefühl zu zähmen, ist die Übung der Bodhisattvas.

Das Äußere ist immer nur der Spiegel des Inneren, daher kann echte, nachhaltige Wandlung nur in der Änderung unseres Charakters passieren – und nicht im ändern wollen des Anderen, unserer Mitmenschen oder gar der Welt. Wir müssen zuerst bei uns selbst beginnen, dann erst können wir eine positive Änderung unserer Mitmenschen und in weiterer Folge unserer (Um)welt erwarten. Die „Feinde“ sind also nicht im Äußeren zu suchen, sondern oft tief versteckt in unserem Inneren. Es geht auch gar nicht darum, diese zu vernichten, sondern sie lediglich unter Kontrolle zu bringen, sie zu „zähmen“. Es wäre ja auch ein Kampf gegen Windmühlen, unsere animalischen Triebe vernichten zu wollen. Das Mittel zur Wandlung unserer AP ist nicht der Hass oder der Kampf, sondern Liebe und Mitgefühl, allerdings gepaart mit liebevoller Strenge und Konsequenz als deren Ausdruck. Dadurch erreichen wir die gewünschten Änderungen, die sich dann auch im Äußeren manifestieren werden. Direkte Änderungen im Äußeren, die in der rechten Art und Weise gemacht werden, unterstützen natürlich auch wechselwirkend die gewünschte innere Wandlung.
(Jonas Hochreiter)


21. Die Gegenstände des Verlangens gleichen salzigem Wasser: je mehr ihr davon trinkt, um so stärker wird euer Verlangen danach. Was auch immer Bindung erzeugt aufzugeben, ist die Übung der Bodhisattvas.

Wir können etwas weiter ins Detail gehen: Die Gegenstände gleichen Wasser. Das Verlangen gleicht Salz.
Gegenstände sind nicht nur physische Objekte, sondern alle Erscheinungen der Trennungswelten. Von diesen Erscheinungen brauchen wir eine Reihe, um unsere APs in den Trennungswelten zu erhalten. Eine Reihe – nicht alle. Und zwar "nicht alle" als Summe, denn auch ein Durstiger braucht nicht alles Wasser, und auch "nicht alle" im Sinne einer Auswahl. Wir brauchen einige, andere nicht. Bezüglich einer klugen Auswahl müssen wir unterscheiden lernen.
"Verlangen" ist nicht im Sinne von Bedürfnissen gemeint. Es meint hier Identifikation mit dem Bedürfnis. Im Extrem Identifikation, die über Leichen geht. Diese Art Verlangen versalzt jedes Bedürfnis. Kluge Bedürfnisse ebenso wie unkluge. Durch das Verlangen werden letztlich alle Bedürfnisse schädlich, denn durch die egoistische Identifikation neigen wir dazu, uns nicht zu fragen, wie wir unser Bedürfnis gestillt bekommen.
Aufgabe also: Salzen und unkluges Wählen aufgeben. Reihenfolge egal bis jeweils wechselnd.
(Clemens Satorius)

Elementale nähren sich dadurch, dass wir sie vitalisieren. Je mehr wir dem Verlangen nachgeben, umso mehr stärken wir das jeweilige Elemental. Das wiederum hat zur Folge, dass unser Verlangen sich dadurch ebenfalls verstärkt. Ein Teufelskreis. Wir können das Elemental zwar nicht zerstören, doch können wir ihm die Vitalität entziehen und es dadurch schwächen oder sogar auflösen. Und das geschieht dann, wenn wir üben, unserem Verlangen nicht nachzugeben, sondern standzuhalten.
(Ruth Gabriel)


22. Was immer euch erscheint, ist euer eigener Geist. Der Geist selbst ist von jeher frei von begrifflichen Abgrenzungen. Dies zu erkennen und den Geist freizuhalten von dualistischem Denken, ist die Übung der Bodhisattvas.

Die buddhistische Tradition sieht hier wohl die klare, uranfänglich reine Wesensnatur des "Geistes", der sich im Individuum wie in einer Welle auf dem Meer temporär Form gibt, bevor die Welle wieder vergeht. In den Ausdruck dieser angenommenen Wesensnatur zurückzukehren, bedeutet für das Individuum (die Welle) dann ein hohes Maß an Befreiung von dualistisch-egoistischen Positionen.
Wir würden diese "Wesensnatur" eher dem HS außerhalb der Trennungswelten zuschreiben und den Zugang dazu als hilfreich für die Mission des HS innerhalb der Trennungswelten betrachten – und auch als Übungsansatz der willigen/disziplinierten AP nahelegen.
(Clemens Satorius)

Ach ja, und die Sache mit dem eigenen Geist, der alles ist, was uns erscheint... Hier klingt wohl an, dass es keine Objektivität gibt, solange unser Geist noch durch egoistische Positionen gefärbt ist. Jedwede Färbung überträgt sich in unsere Wahrnehmung der Erscheinungen der Welt wie in einen Spiegel. Erst wenn der eigene Geist kristallklar bis in die untersten Bereiche der Trennungswelten hineinreicht ist Objektivität möglich, indem "NICHTS" sich im Spiegel spiegelt. Der leere Spiegel eben.
(Clemens Satorius)

Mir erscheint ^^ die Erörterung und die Ergänzung dazu (die war notwendig) von Clemens zu 37.22 klar, verständlich, anwendbar, ja, inspirierend.
Gerne würde ich an dieser Stelle hinzufügen: "Das hätte ich nicht besser schreiben können." ^^
(Ruth Finder)


23. Wenn euch etwas gefällt, betrachtet es wie den Regenbogen zur Sommerzeit: schön und dennoch unwirklich. Daher Verlangen und Anhaften aufzugeben, ist die Übung der Bodhisattvas.

Übung 23 versucht wie Übung 24 zuerst die (aus buddhistischer Sicht) Substanzlosigkeit und Unwirklichkeit allen Geschehens in den Trennungswelten darzustellen. In Übung 23 die positive Seite, in Übung 24 die negative Seite. Darauf folgend dann der Hinweis auf den richtigen Umgang damit. Hier in Übung 23 wird geraten, Verlangen und Anhaften bezüglich positiver Reize aufzugeben. Es wird nicht zwingend eine gleichgültige Haltung gegenüber "schönen" Dingen gefordert. Wir dürfen – wie oben bereits angesprochen – Schönes durchaus genießen. Wir würden es gar nicht als schön erkennen können, wenn wir es nicht genießen könnten.
Interessant finde ich dabei, dass die Vergänglichkeit eine Voraussetzung dafür ist, dass wir etwas als schön erleben können. Ein Himmel, der immer voller Regenbogen wäre, würde uns als völlig normal erscheinen. Wer erlebt es schon normalerweise als schön, dass er Luft atmen kann. Oder Wasser trinken. Das Atmen muss man aber nur eine Minute lang verhindern, und schon findet man es wieder schön. Ein Tag ohne Flüssigkeit verwandelt ein Glas Wasser in eine tolle Sache.

Anders herum wird das Trinken von Wasser nach zwei Litern schon unangenehm... Egal wie durstig man war. Es gibt also keine Beständigkeit schöner Erfahrungen. Gemeint ist also wohl mit "Anhaften" weniger das permanente Tun, als das Bedürfnis nach zyklischer Wiederholung. Dieses Bedürfnis ist wiederum nicht zu Verwechseln mit der Notwendigkeit zyklischer Wiederholung – wo sie eben notwendig ist. Wie beispielsweise beim Atmen. In vielen Bereichen sind zyklische Wiederholungen aber nicht notwendig. Hier kann krankhafte Bindung entstehen. Shopping, Bierchen, Lieblingsserie etc. Da kann man entweder auf die drei Säulen achten, oder eben direkt die Anhaftung erkennen und abwägen. Und die eine oder andere Anhaftung mehr aufgeben...


24. Die verschiedenen Leiden gleichen dem Sterben eines Sohnes im Traum. Ihr habt euch durch Verstrickung in die täuschenden Erscheinungen, die ihr für Wirklichkeit hieltet, erschöpft. Widrige Umstände daher als Illusionen zu betrachten, ist die Übung der Bodhisattvas.

Die Empfindung des Leids, das bei dem Verlust unseres Kindes im Traum entsteht, ist real. Doch entsteht dieses Leid aus einer Illusion. Genau so ist es in unserem Leben. Alles Leid entsteht aus der Illusion, dass wir getrennt und unabhängig von Gott sind und dadurch das Wesentliche im Außen, in den Umständen finden können. Da wir uns mit unserer AP verwechseln, opfern wir den Großteil unseres Lebens dafür (erschöpfen wir uns darin), die egoistischen Wünsche zu bedienen, die ohne Ende immer weiter nachwachsen, da es auf dieser materiellen Ebene nichts Bleibendes geben kann (Einrichtung) und vergessen das Wirkliche, nämlich aus unserer Abhängigkeit herauszutreten und uns zu befreien (Ausrichtung). Nur dadurch werden wir immer mehr Gott Ausdruck verleihen können, verwirklichen, wirksam werden, aus Möglichkeiten Wirklichkeit werden lassen. Als Weg-Arbeiter haben wir zu den uns gegebenen jeweiligen Umständen folgende Arbeitshypothese: Es sind die notwendigen Umstände für uns, die diese innere Entwicklung ermöglichen. Daraus ergibt sich die logische Schlussfolgerung, dass es keine widrigen Umstände gibt, diese also eine Illusion sind. Diese Haltung in uns zu entwickeln und immer weiter zu festigen ist die Übung der Weg-Arbeiter.
(Ruth Gabriel)

Ein sehr guter Kommentar. Wie sagte Ruth F. letztens: "Hätte ich gerne auch so geschrieben!" :-)

Mir ist ergänzend folgendes zur Übung und beim Kommentarlesen eingefallen: Diese Übung beschreibt den Weg zur Befreiung auf einer Meta-Ebene, die Richtung, wie dies auch bei den anderen Übungen der Fall ist. Diese Anweisung verweist darauf, dass auch aus einer Illusion enormes Leid entsteht. Es gibt wohl für die meisten Menschen wenig schmerzhafteres, als das eigene Kind sterben zu sehen. Warum kann eine Illusion solche Schmerzen und Leid verursachen? Weil wir es hier mit zwei Ebenen zu tun haben, die beide – in gewisser Hinsicht – real sind. Die Illusion ist, solange wir in ihr leben und keine andere Sicht, keinen Abstand, kein Erkennen haben, lebendig, sozusagen relativ-absolut wahr. Wir schaffen uns so die Welt und sind – lange Zeit – mit den leidvollen Ergebnissen unserer Weltsicht, den daraus resultierenden Vorstellungen, Erfahrungen, Worten und Taten konfrontiert. Wir vitalisieren die Illusion, so wie die entsprechenden Elementale, die die jeweilige Illusion unterfüttern. Und nehmen sie gleichzeitig wieder als Bestätigung für unsere Weltsicht, stecken im Kreislauf von Samsara fest. Und solange keine Spiegelung da ist, die eine befreiende Perspektive mit sich bringt, sind das Leiden und die Illusion absolut real. Die andere Ebene, die hier als Befreiungsweg beschrieben ist, ist die absolute Realität, noch realer oder einzig real, nämlich von der Warte der Nicht-Identifikation, der Nicht-Illusion, unbuddhistisch formuliert, von der Warte des erkennenden HS und der göttlichen Perspektive aus. Erst wenn man auf dem Befreiungsweg voranschreitet, macht man zunehmend die Erfahrung, wo man mit Illusionen zu tun hat und wie man seine göttliche Macht (wir erschaffen permanent) zum Wohl oder Leid einsetzen kann. Lange Zeit ist es für den Weg-Arbeiter wahrscheinlich ein Hin- und Herfallen, Schweben und zunehmend bewussteres Wechseln zwischen den zwei Ebenen. Bei fortschreitender Weg-Arbeit wird jedoch sukzessive der erlebte und erlittene Realitätsgehalt der Illusion kleiner. Und man kann zunehmend mehr von der Warte des geklärten HS die Illusion der ersten Ebene erkennen und mit ihr arbeiten. Nicht umsonst ist es eine Übung für einen Bodhisattva (um ein Erleuchteter zu werden), die jeweiligen Illusionen im Leben zu erkennen und zu überwinden – als großer ganzer Weg und im jeweiligen Detail der tagtäglichen Weg-Arbeit.

Hier ist mir sehr bewusst geworden, warum Liebe und Mitgefühl so enorm wichtig sind: Weil man sonst kein Bodhisattva werden kann. Befreiung ist, bezogen auf das enorme Leid, das schon allein ein Mensch von der ersten Inkarnation bis zur Theose produziert und zu überwinden hat, harte Arbeit. Diesen Weg bewältigt man – natürlich neben zunehmender Bewusstwerdung und Erkenntnis – nur mithilfe von Liebe und Mitgefühl. Die Liebe Gottes ist die erste und größte, die uns uranfänglich begleitet. Ohne sie würden wir nicht mehr „heimfinden“. Der verborgene, göttliche Funke in uns begleitet uns auf unserer Reise durch die Trennungswelten. Parallel werden wir durch Liebe und Mitgefühl der vorangegangenen Schüler und Lehrer auf dem Weg unterstützt. Und zunehmend entwickeln wir auch Liebe und Mitgefühl für uns selbst und die anderen auf dem Weg. Gott liebt uns sowieso die ganze Zeit. Wenn wir dies dauerhaft in uns wissen, spüren und ausdrücken, mit den beiden Ebenen aktiv arbeiten können, sind wir dem Ziel, die Illusion zu erkennen und zu überwinden einen großen Schritt näher gekommen.
(Maria)

"Weil wir es hier mit zwei Ebenen zu tun haben, die beide – in gewisser Hinsicht real sind." (Maria)
Oh, wie schön die Worte (und die Ausführungen dazu) sind! Rabbi Sussja lässt grüßen. ^^

Es gibt Gut und Böse.
Und es gibt nur Liebe.

Hier: Es gibt Leid verursachende widrige Umstände
Und sie sind alle zu unseren Gunsten.

Zu erkennen, dass es überall gleichzeitig zwei sich nur scheinbar ausschließende Wahrheiten gibt, ist ein Befreiungsschlag.
Nicht in einer Ebene stecken zu bleiben, die "Werkzeuge" erwerben und sie benutzen, um auch auf die andere Ebene zu kommen, ist die Weg-Arbeit.
(Ruth Finder)

Nach einer schlafarmen Nacht (zu viel grüner Tee – oder es lag an der blasphemischen Dinkel-Mandel-Milch drin :-)) ist mir noch Folgendes eingefallen:

Das Ablegen und Erkennen der Illusion ähnelt dem Reifeprozess einer Frucht, z.B. eines Apfels. Alles gehört zum Apfel dazu, das Wachstum des Baumes aus einem Apfelkern bis hin zur Blüte, Reifen und Ernten der Frucht. Komplexer betrachtet, fließen dann auch die weiteren Rahmenbedingungen mit ein, die über den Baum hinausragen bzw. in die der Baum hineinragt wie Erde, Sonne, Regen etc. Das Reifen des Apfels von der Blüte bis zur Ernte vollzieht sich nicht auf einen Schlag. So verhält es sich auch mit dem Überwinden der Illusion. Es reicht nicht, die Illusion einmal zu erkennen, damit man sie überwunden hat. Es ist auf verschiedenen Ebenen ein fortwährendes Erkennen, Überwinden und Werden. Ein der Illusion entwachsen hinein in etwas Neues, aber auf Basis der jeweiligen Illusion. Und das Schwierige an dieser Illusion ist, dass man sich weiterhin mit ihr verwechseln kann, solange nicht ein gewisser Punkt der Entwicklung vollzogen ist. Es fällt schwer, sie abzulegen, weil man die Illusion auch noch ist. D.h., dass auch über längere Strecken das Erkennen und Ersetzen unheilsamer Elementale sich wie ein kleiner Tod, ein sterbender Sohn anfühlt, da wir uns mit unserer Elementalmischung identifizieren, sie viele Inkarnationen lang immer wieder vitalisiert haben (sozusagen gestillt, sie kamen wie hungrige Kinder zu uns). Nicht umsonst ist eine grundsätzliche spirituelle Frage: „Wer bin ich?“ weil sie auf das Erkennen dieses grundlegenden Sachverhalts dieser Übung abzielt: Zu überlegen, wer und was man wirklich ist. Und anzufangen, daran zu arbeiten, wirklich zu werden.
(Maria)


25. Wenn jemand, der Erleuchtung wünscht, sogar den eigenen Körper aufgeben muss, gibt es noch einen Grund, äußere Objekte zu erwähnen? Freigiebig ohne Hoffnung auf Lohn oder karmische Frucht zu sein, ist die Übung der Bodhisattvas.

Ja, Thogme, gute Frage. Da wird alles Gequatsche überflüssig. Und klar: Freigiebig zu sein und dabei auf Lohn und karmische Frucht zu hoffen, ist keine Freigiebigkeit. Es ist im schlimmsten Fall Geschacher.
Warum aber sind wir dann überhaupt über Lohn und karmische Frucht informiert?
Durch das Wissen um karmische Frucht und Lohn wird die Sache für Geber erst wirklich schwierig. Denn nun müssen sie mit ihrer Haltung sehr eng navigieren. Sie dürfen sich durchaus über Lohn und Karmafrucht freuen, auch beides genießen, aber nicht erwarten. Das ist nicht einfach hinzukriegen in einer scheinbar linear und dual, gewiss aber polar gestalteten Welt.
Das Gold wird im Feuer geläutert.
(Clemens Satorius)

Zur Erheiterung eine Geschichte nach M. Buber:
Ein Mann in Rabbi Sussjas Stadt sah, dass er sehr arm war, und legte ihm jeden Tag im Bethaus einen Zwanziger in den Tefellinbeutel, damit er sein und der Seinen Leben zu fristen vermöchte. Seither wuchs der Wohlstand des Mannes von Mal zu Mal. Je mehr er besaß, um so mehr gab er an Sussja, und je mehr er ihm gab, um so mehr besaß er.
Einmal besann er sich aber, dass Sussja ein Jünger des großen Maggids war, und es geriet ihm in den Sinn: wenn schon die Gabe an den Schüler so vielfältig gelohnt werde, welch ein Reichtum würde über ihn kommen, wenn er den Meister selbst beschenkte. So fuhr er nach Mesritsch und erwirkte von Rabbi Bär mit vielen Bitten, dass er eine ansehnliche Gabe von ihm annahm.
Von diesem Augenblick an schwand sein Wohlstand mehr und mehr, bis aller Gewinn der gesegneten Zeit dahin war. Da kam er in seiner Betrübnis zu Rabbi Sussja, erzählte ihm alles und befragte ihn, was dies sei: habe doch er selbst ihm gesagt, dass der Meister unmessbar größer sei als er.
Sussja antwortete ihm: "Sieh, solang du gabst und nicht hinsahst, wem du gibst, sondern Sussja war dir recht oder ein anderer, so lange gab auch Gott dir und sah nicht hin. Als du aber begannst, dir edle und auserlesene Empfänger zu suchen, tat Gott desgleichen."
(Ruth Finder)

Sehr eng navigieren und dabei die größtmögliche innere Weite bewahren. Ja, nur große Weite macht enges Navigieren erst machbar. Oder: Größere Weite ermöglicht engeres Navigieren. Und umgekehrt. Damit hätte man der Linearität ganz klar ein Schnippchen geschlagen. Und aus in Extreme verfallender Dualität könnte ein weiter polarer Raum geschaffen werden.
(Thomas von Bremerhaven)


26. Wenn ihr aufgrund des Fehlens von Disziplin nicht einmal euer eigenes Wohl bewirken könnt, ist der Wunsch, das Wohl anderer zu erwirken, zum Lachen. Daher, Disziplin zu bewahren die frei von weltlichem Streben ist, ist die Übung der Bodhisattvas.

Ausgehend von der Aussage von Ludwig, dass wir alle Lehrer und Schüler zugleich seien, wäre die Verpflichtung zur Disziplin automatisch eingeschlossen. Und das Sich-Drücken-Wollen vor dem Lehrauftrag könnte als gelebter Hang der AP zur Disziplinlosigkeit verstanden werden...
Punkt 26 gibt auch Auskunft über den beklagenswerten Zustand der Welt. Wenn wir an all die Politiker, Monarchen und Diktatoren denken, die nicht einmal ihr eigenes (spirituelles) Wohl bewirken können, dann erkennen wir, dass sie natürlich nur ihrem weltlichen Wohl, ihrem egoistischen Wohl dienen. Und dieses steht – Gesetz der Trennungswelten – oft dem weltlich/egoistischen Wohl anderer entgegen. (Beim spirituellen Wohl wäre das ja anders.)
Da können sie behaupten was sie wollen.
Folgerichtig fährt Thogme fort: "Daher, Disziplin zu bewahren die frei von weltlichem Streben ist ist die Übung der Bodhisattvas." Das ähnelt stark der Ablehnung weltlicher Macht durch Jesus in Matthäus 4.8-10:
"Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen."
(Clemens Satorius)


27. Für einen Bodhisattva, der den Reichtum guter Handlungen anzusammeln wünscht, gleichen alle die ihm schaden einem kostbaren Schatz. Daher frei von Abneigung und Hass Geduld zu üben, ist die Übung der Bodhisattvas.

Die zu lieben, die einen selbst lieben, ist keine große Hürde – schwierig allenfalls auf AP-Ebene, wenn man ihnen gleichgültig gegenübersteht oder sie gar hasst. Hier könnte Übung 27 schon im Kleinen ansetzen.
Im Großen aber "die Feinde" zu lieben, das ist wirklich schwer umzusetzen. Entsprechend groß ist der Verdienst, und über die Größe des Verdienstes die Umdeutung der Feinde in quasi segensreiche Unterstützer vorzunehmen, ist der Anfang der tatsächlichen Befreiung von Abneigung und Hass. Der Anfang deswegen, weil wir uns ja letztlich auch frei von dem Streben nach Verdienst befreien sollen – weswegen die Schatz/Verdienst-Motivation ja eigentlich eine falsche ist.
(Clemens Satorius)


28. Wenn ihr seht, dass selbst die Shravakas und Pratyekabuddhas, die nur nach ihrem eigenen Wohl streben, sich anstrengen, als gelte es, ein Feuer auf ihrem Haupt zu löschen, werdet ihr die Anstrengung zum Wohle der Anderen – die Quelle aller guten Eigenschaften – hervorbringen. Dies ist die Übung der Bodhisattvas.

Unabhängig von der buddhistischen Bedeutung könnte man diese Buddhaschaften als verschiedene Stufen oder verschiedenes Erkennen deuten. Shravaka als Erwachen auf der Alltagspersönlichkeitsebene mit dem Ziel das eigene Leiden in den Trennungswelten zu minimieren, Pratyeka als Erwachen auf der Ebene des HS mit dem Ziel eigenes leidverursachendes Verhalten zu minimieren und schließlich Bodhisattva als Zugang zum HS außerhalb der Trennungswelten. Letzteres hat kein Ziel außer, dass es getragen ist von der vollkommenen Hingabe zu Gott. Daraus resultiert, dass wir Gottes Liebe in den Trennungswelten widerspiegeln, indem wir hilfreich unseren Mitmenschen dazu dienen, ebenfalls den Weg des Menschen zu erkennen und zu gehen. Das setzt natürlich voraus, dass wir große Fähigkeiten auf unserem Entwicklungsweg „erworben“ haben, siehe Nr. 26 und die drei Säulen des spirituellen Lebens
(Ruth Gabriel)


29. Wenn ihr gelernt habt durch Vipashyana (lag-thong), fest gegründet auf Shamatha (shi-nä), die Geistesgifte zu bezwingen, euch in meditativer Sammlung zu üben, die jenseits der „vier formlosen Stufen“ ist, ist die Übung der Bodhisattvas.

Erstmal ist die obige Übersetzung so wohl nicht leicht verständlich. Mir scheint dazu mindestens ein Wort zu fehlen. Und dazu kann auch noch etwas mehr geschraubt werden. Mein Vorschlag einer Richtigstellung: „29. Wenn ihr gelernt habt, durch Vipassana (Einsichtsmeditation) – fest gegründet auf Shamatha (ruhiges Verweilen) – die Geistesgifte zu bezwingen, euch dann in meditativer Sammlung zu üben, die jenseits der „vier formlosen Stufen“ ist, das ist die Übung der Bodhisattvas.“
Etwas verwirrend ist das dann aber immer noch. Wenn man annimmt, dass die „vier formlosen Stufen“ die vier formlosen Meditationsvertiefungen (Jhanas) darstellen sollen, die selbst schon sehr fortgeschrittene Vertiefungen nach den ersten vier Meditationsvertiefungen sind, dann folgt darauf nur noch der Endzustand vollkommenen Verlöschens von Empfindung und Wahrnehmung. Eine ziemlich krasse Hundertprozentigkeit nach der selbst schon krassen Formulierung des „Bezwingens der Geistesgifte“. Nehmen wir letzteres als graduell, dann scheint das Üben meditativer Sammlung auf der höchsten denkbaren Stufe (also jenseits der acht Jhanas) recht verfrüht.
Eine englische Textversion spricht übrigens gar nicht von Vipassana und Shamatha: „29. Knowing that through profound insight, thoroughly grounded in sustained calm, the disturbing emotions are completely conquered, to practice the concentration which utterly transcends the four formless states is the practice of a Bodhisattva.“
Das hieße dann nach meinem lückenhaften Verständnis etwa: „29. Wissend, dass die störenden Emotionen durch tiefgründige Einsicht, die in ununterbrochener Ruhe begründet ist, vollständig überwunden werden, jene Konzentration zu praktizieren, die die vier formlosen Zustände vollkommen transzendiert, ist die Praxis eines Bodhisattva.“
Das klingt ziemlich anders. Die Hürde ist aber immer noch hoch.
(Clemens Satorius)


30. Da ohne unterscheidende Weisheit (sherab) – durch die fünf Paramitas allein – vollkommene Erleuchtung nicht erlangt werden kann, über jene Weisheit zu meditieren, die die wirksamen Methoden beinhaltet und die drei Aspekte (kor-sum) nicht erdenkt, ist die Übung der Bodhisattvas.


Ohne den Geisteszustand der Weisheit/des unterscheidenden Gewahrseins, der klar und mit Gewissheit unterscheidet, was in einer Situation angemessen ist und was nicht, können uns auch die Tugenden nicht zur Erleuchtung bringen. Wir benötigen diese Klarheit, um zu wissen, wie wir die Tugenden kombinieren und austarieren, um in einer Situation am hilfreichsten agieren zu können, und das bezogen auf uns, unsere Mitmenschen und die Welt. „Täglich mich in die Absolute Seinsheit zu versenken und in die Stille zu gehen mit dem Ziel, meine Gedanken, Wünsche, Worte und Taten ganz auf Seinen göttlichen Willen einzustellen.“ ist die Übung der Weg-Arbeiter.
(Ruth Gabriel)


31. Wenn ihr euch nicht die eigene Verwirrung vor Augen führt, lauft ihr Gefahr, den Dharma nur äußerlich zu praktizieren. Deshalb ständig die eigenen Fehler zu beleuchten und dann aufzugeben, ist die Übung der Bodhisattvas.

Eine besonders makellose Wahrheit, die gar nicht oft genug wiederholt und unterstrichen werden kann. Der Hinweis auf eine quasi innere Klippe, an der zahllose Boote derer zerschellen, die zwar in den Strom eintreten, bei seiner Überquerung aber sich selbst aus den Augen verlieren.
Die Lehren nur auf die äußerliche Welt beziehen – die erste, letzte und stärkste Verteidigungslinie der AP!
Der erste Schritt: Die abendliche Innenschau und Selbstanalyse in Bezug auf die drei Säulen. Letztlich: Ein anhaltendes waches Bewusstsein bezüglich der eigenen Unzulänglichkeit verbunden mit klarer Ausrichtung.
(Clemens Satorius)


32. Wenn ihr unter dem mächtigen Einfluss der Geistesgifte über die Fehler anderer Bodhisattvas sprecht, schädigt ihr euch und andere. Nicht schlecht über jene zu sprechen, die den Mahayanapfad betreten haben, ist die Übung der Bodhisattvas.

Es geht nicht darum, dass nicht über Fehler gesprochen werden darf, sondern darum, mit welcher Motivation wir dies tun. Wir müssen uns immer wieder klar machen, dass der Weg in den Trennungswelten eben ein Weg ist. Zu lernen, unsere Fehlerhaftigkeit anzuerkennen und auszuhalten ist die Basis der Weg-Arbeit. Die Vorstellung, dass wir als Weg-Arbeiter ab einem gewissen Punkt, wenn wir „es geschafft haben“, keine Fehler mehr machen, muss abgelegt werden. Sie führt zu großem Leid und blockiert unsere Entwicklung. Weg-Arbeit hört nicht auf. Siehe dazu auch den Blogeintrag vom 11.02.2018, Perfektionsglaube und Ich-Identifikation.
(Ruth Gabriel)

Hier wird ein Problem beschrieben, das im Laufe unserer spirituellen Entwicklung immer wieder und lange Zeit, in unterschiedlicher Ausprägung und Form, eine große Gefahr darstellt, sei es nun ausformuliert, d.h. in geäußerter und gelebter Kritik oder in gedachter und gefühlter Form. Wozu Jesus ja bekanntlich sagte, dass auch das Denken und Fühlen ein Tun ist.
Als Hyliker und lange Zeit auch als Psychiker (vor dem bewussten Einstieg in die Weg-Arbeit), wo noch eine ungetrennte Identifikation mit der AP und kein bis schwankendes Bewusstsein für das HS vorhanden ist, ist das Wissen um das Wirken der drei Geistesgifte in sich selbst nicht bis wenig bewusst. Es wird bei sich selbst gar nicht oder wenig, bei anderen aber überdeutlich wahrgenommen. Die Erkenntnismöglichkeiten und das (spirituelle) Bewusstsein auf dieser Ebene sind jedoch sehr gering und schwankend. Insofern handelt es sich dabei nicht um wahres Erkennen, sondern um ein mit Projektionen, Identifikationen und Abwehr gefärbtes Wahrnehmen und Verhalten, um von den eigenen Verfehlungen abzulenken und diese zu rechtfertigen. Hier entspricht das „Herumhacken“ auf Fehlern anderer einer animalischen, unbewusst ausgelebten Hackordnung zwischen den toten und schlafenden APs, die so das unheilsame Karma und die Verstrickungen untereinander massiv forcieren.
Als Suchende und Weg-Arbeiter wollen wir uns von solchen unheilsamen und leidbringenden Verhaltensweisen befreien, auf allen Ebenen. Der Auftrag der Weg-Arbeit bezieht sich immer primär auf das Erkennen der eigenen Fehler. Hier besteht unsere größte Entwicklungsanforderung, hier gibt es genug zu tun. Mit dem besseren Erkennen unserer selbst geht natürlich ein verbessertes Erkennen anderer einher. Mit Abstand sind bestimmte Dinge (beim anderen) einfach leichter zu erkennen. Erkennen ist auch gewünscht, denn die Unterscheidung von falsch und richtig ist ein Ziel unseres Weges. Erkennen bedeutet aber hier auch immer zu lernen, wie man mit dem daraus resultierenden Wissen richtig umgeht. Das Ansprechen von Fehlern bei anderen kann hilfreich bis schädlich sein, auch hier gilt es rechtes Erkennen und Tun zu erlernen.
Diese Übung des Bodhisattvas macht deutlich, dass wir immer falsch liegen, wenn wir unter dem Einfluss der drei Geistesgifte (Gier, Hass, Unwissenheit) andere kritisieren, vor allem die, die sich mit uns auf dem spirituellen Weg befinden (andere Bodhisattvas). Denn es ist davon auszugehen, dass sich durch die Weg-Arbeit das Wirken der drei Geistesgifte in uns nicht erledigt, sondern zunehmend verfeinert, subtiler und damit schwerer erkennbar wird, aber noch lange wirksam ist. Darüber hinaus trennt es die miteinander Verbündeten auf dem Weg und macht deutlich, dass man etwas noch nicht richtig verstanden hat, wenn man a) seine Weggefährten und b) im falschen Geist kritisiert. Das wäre so, wie wenn man in das gemeinsame Wohnzimmer kackt, nur weil man Bauchweh hat und nicht zur Toilette gehen will.
Durch die Anforderung, als Weg-Arbeiter zunehmend andere auch zu lehren, werden wir mit einer weiteren Lernaufgabe konfrontiert. Hier ist es eine große Gefahr, dass sich unser Rest-Ego dadurch am Leben erhält und wieder aufwertet, sozusagen versteckt im „Auftrag des Herren“. Hier gilt es herauszufinden, was dieser Lehrauftrag wirklich bedeutet und in welcher Form er heilsam für uns und andere gelebt werden kann.
(Maria)

Übung 32 bezieht sich ja nominell auf spirituelle Geschwister. Übung 34 fasst das allgemeiner und ich würde auch diese Übung (32) auf alle beziehen (sind doch eigentlich alle spirituelle Geschwister). Theoretisch/methodisch kann man die Übung auf zweierlei Weise angehen. Eine dritte Weise ist die Mischform. Sie wird praktisch wahrscheinlich vorherrschen, aber im Bewusstsein des Praktizierenden ist wohl häufig einer der ersten zwei Ansätze favorisiert.
Der erste Ansatz arbeitet am Tun. Man versagt sich die Äußerung negativ (gefärbter!) Inhalte. Hält einfach mal die Klappe – egal, wie es IN einem aussieht. Damit schneidet man zumindest den Karmafaden schon einmal weitgehend ab. Weitgehend, weil beim Anfänger wahrscheinlich immer noch einiges "durchsickert". Klappe gehalten, aber die Gesichtszüge nicht im Griff etc. Das Resultat zu genießen fällt aber wohl schwer, wenn im Inneren noch der Groll arbeitet. Zumindest aber lernt man etwas im Bereich Interaktion und Sozialverhalten.
Der zweite Ansatz arbeitet mit der Wurzel. Negative Impulse werden auf Gefühls- und Gedankenebene angegangen, bevor es zu Äußerungen kommen kann. Das Instrumentarium ist bekannt: relativieren, ersetzen, wegatmen, Zähne zusammenbeißen, loslassen, ignorieren... Der Vorteil ist die größere Nachhaltigkeit der Erfolge. Dafür sind die Erfolge möglicherweise schwieriger zu erzielen.
Nachtrag: Im zweiten Absatz schrieb ich "(gefärbter!)", weil es – wie auch bei Maria anklingt – ja nicht wirklich sein kann, dass wir keinerlei berechtigte Kritik äußern dürfen. Damit würde der spirituellen Gemeinschaft ein wichtiges Entwicklungswerkzeug genommen. Haltung und Geschicktheit der Mittel sind da weitere Lernaufgaben (die auch fehlen würden, wenn wir ein generelles Kritikverbot einhalten wollen würden).
(Clemens Satorius)


33. Um des Gewinns und der Achtung willen streitet man untereinander und die Übung von Hören, Nachdenken und Meditieren wird vernachlässigt. Die Bindung an Haus, Wohltäter, Freunde und Verwandte aufzugeben, ist die Übung der Bodhisattvas.

Im ersten Satz fasst Thogme die Misere der Welt gekonnt zusammen. Es geht praktisch überall vor allem um materielle Vorteile und höheren Sozialstatus – oder besser gesagt, um die beständigen Versuche, beides zu erringen. Die allein zur Befreiung aus diesem Hamsterrad und zur Gnosis führende Trias "lectio, meditatio, contemplatio" findet da kaum Platz, und dieser wenige Raum wird fast nur durch karmischen Druck erzwungen.
Interessant ist, bezogen auf Gewinn/Achtung die Überlegung, wie diese auf die drei Säulen des spirituellen Lebens übertragen aussehen.
Der zweite Satz ist buddhistisch absolut verstehbar – im Zuge der Aufgabe jeglicher Bindung an die Welt. Wir interpretieren ihn bezogen auf den ersten Satz. Nämlich als Aufforderung, die Bindungen an Haus, Wohltäter, Freunde und Verwandte zu egoistischen Vorteilen (Gewinn/Achtung) aufzugeben. Oder anders gesagt, zur Aufgabe des Hängens an diesen Bindungen, nicht zur Verleugnung und Auflösung derselben. Denn unserer Ansicht nach wachsen Bindungen innerhalb der Trennungswelten beständig und ohne Obergrenze – wenn wir die Überwindung der Trennung selbst nicht als "Obergrenze" sehen wollen.
(Clemens Satorius)

Zum Wachsen der Bindungen ein Zitat von Meister Eckhart:

"Was bedeutet das wohl, wenn Gott sagt: "Wer Vater und Mutter, Schwester und Bruder verlässt, Hof, Acker oder was immer, der wird das Hundertfache bekommen und das ewige Leben"? Bei Gottes Wahrheit und bei meiner Seligkeit wage ich mit Gewissheit zu sagen: Wer um Gottes und des Gutseins willen Vater und Mutter, Bruder und Schwester oder was auch immer verlässt, der bekommt das Hundertfache, und zwar auf doppelte Weise. Einmal, dass ihm dann Vater und Mutter, Bruder und Schwester hundertmal lieber werden, als sie es jetzt sind, sodann dadurch, dass ihm nicht nur hundert Menschen, sondern alle Leute, weil sie Leute, weil sie Menschen sind, ungleich lieber werden, als ihm jetzt natürlicherweise Vater, Mutter oder Bruder lieb sind. Dass der Mensch das nicht wahrnimmt, kommt einzig und allein daher, dass er noch nicht Vater und Mutter, Bruder und Schwester und alle Dinge rein um Gottes und des Gutseins willen völlig verlassen hat."
(Ruth Finder)


34. Durch harte Worte verletzt ihr die Gefühle anderer und das Bodhisattva-Verhalten verfällt. Verletzende und unangenehme Worte aufzugeben, ist die Übung der Bodhisattvas.

Harte Worte benutzen wir in der Regel, wenn wir uns mit negativen Aspekten unserer AP verwechseln, wir uns z.B. angegriffen oder falsch behandelt fühlen. Oder wenn wir denken, wir müssten dem Anderen etwas klarmachen, das er nicht weiß oder nicht hat. Dadurch trennen wir uns von Gott und dem Anderen und verlieren sowohl unsere Demut, als auch unseren Wunsch und die Fähigkeit unseren Mitmenschen zu dienen. Mit dem vierten Versprechen der Wahrheitsforscher gesagt: „Unsere Mitmenschen zu lieben und ihnen zu dienen, aufrichtig aus den Tiefen unseres Herzens und unserer Seele, ganz gleich, wie sie sich uns gegenüber verhalten mögen“ ist die Übung der Weg-Arbeiter.
(Ruth Gabriel)


35. Wenn ihr euch erst an die Geistesgifte gewöhnt habt, fällt es schwer, sie durch Gegenmittel zu bezwingen. Deshalb mit Achtsamkeit und Gewahrsein das Schwert der Gegengifte zu erheben und die Geistesgifte, im Moment ihres Auftauchens, zu bezwingen, ist die Übung der Bodhisattvas.

Mit den Geistesgiften ist in der buddhistischen AP-Analyse die als "Drei Geistesgifte" bezeichnete Trias Gier, Hass und Verblendung gemeint. Mit diesen dreien korrespondieren direkt die entsprechenden Geisteshaltungen, die aus ihnen resultieren – nämlich Anhaftung, Ablehnung und Gleichgültigkeit, die sich via Gewohnheit immer tiefer in die Karma- und Charakterkonstellation des auf dem Individuationspfad in den Trennungswelten unterwegs seienden Selbstes hineinfressen und auch die Verwechslung des Selbstes mit der AP prägen und festigen.
Als Gegengifte (Gegenmittel) gelten Liebe und Mitgefühl. Man muss sich aber für den Einsatz dieser Mittel einerseits seiner selbst in der Gegenwart (der anhaltenden Gegenwart, jetzt und jetzt und jetzt...) bewusst sein und sich andererseits der Gegenmittel aktiv bedienen, diese Gegenmittel SEIN!
Thogme spricht dabei von Achtsamkeit und Gewahrsein. Zwei Begriffe, die vielleicht synonym sind/erscheinen. Ich habe einmal von L. gehört, dass der Einsatz von Bedeutungsdoubletten als Versuch gelesen werden kann, die Nichtlinearität und Mehrseitigkeit eines Begriffes zu unterstreichen. Das verstehe ich in diesem Fall so, dass Achtsamkeit beispielsweise das Wissen um innere Befindlichkeiten meint, während Gewahrsein das Wissen um äußere Umstände benennt. Oder dass Achtsamkeit innere UND äußere Zustände in ihrem Gegensatz erkennt, Gewahrsein das Gleiche ungetrennt meint... Oder noch anders ausgedrückt: Wenn ich von Achtsamkeit spreche, und dies scheinbar auf der positiven Seite etwas ausschließt (also jetzt nicht das Gegenteil wie UN-Achtsamkeit), dann ist dies mit dem zweiten Begriff "Gewahrsein." gemeint!
Also – um noch einmal auf den Kern im zweiten Absatz zurückzukommen – man muss mit umfassender und anhaltender Wachheit Liebe und Mitgefühl einsetzen, um die verhärteten Geistesgifte und ihre Auswirkungen auf unser Selbst aufzulösen. Beziehungsweise: Man muss den Weg dorthin beschreiten!
(Clemens Satorius)


36. Kurzum, wo immer ihr auch seid, was immer ihr tut, euch zu fragen, wie der Zustand eures Geistes ist, ständig achtsam und bewusst zu sein und zum Wohle der Anderen zu arbeiten, ist die Übung der Bodhisattvas.

Ja, kurzum. Thogme fasst seine Zusammenfassung nochmal noch enger zusammen. Das ist, wie wenn man die sieben Wahrheitsforscher-Versprechen zusammenfasst zu: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wobei bei diesem Satz das von Thogme mitbenutzte „ständig“ fehlt, obwohl es sicher mitgemeint ist.
Gerade das „ständig“ scheint mir ein wichtiger Knackpunkt zu sein. Es gibt es hier großen Spielraum für Demut, denn innerlich mögen wir uns ja schon feiern, wenn wir das kurzgefasste Ziel (egal ob christlich oder buddhistisch) nur ein paar Mal am Tag umgesetzt bekommen, aber auch mit zwanzig Umsetzungsprozenten, fünfzig, oder siebzig, bleibt beim nicht umgesetzten Rest Raum für gruseligstes Fehlverhalten.
Wir neigen auch generell zu selektivem Vorgehen. Den Nächsten zu lieben, wenn es einem gut geht und der Nächste auch gerade nichts von einem will, ist keine Leistung. Aber wenn die Hütten brennen und der Nachbar rausgetragen werden will, bevor man seinen eigenen Kram ins Freie geschleppt hat...
Mit dem „ständig“ sind wir wieder beim jetzt und jetzt und jetzt. Bei der harten Arbeit, die Beobachtung des Geisteszustandes (der Geisteshaltung) in Verbindung mit einem gewünschten Inhalt vom „Was“ über das „Wie“ und das beharrliche „Tun“ mit daraus resultierenden Erfahrungswerten in einen Dauerzustand, eine Charakterdisposition umzuwandeln – und im weitesten zu teilbarem Karma („zum Wohle der Anderen arbeiten“).
(Clemens Satorius)


37. Die Tugenden, die ihr auf diese Weise durch euer Streben erworben habt, mit jener Weisheit, die makellos die drei Aspekte begreift, der Erleuchtung zu widmen, um unzählige Wesen vom Leiden zu befreien, ist die Übung der Bodhisattvas.

Die Tugenden der Erleuchtung (aller Wesen) widmen? Also "widmen" im Sinne von "einsetzen für". Als vorrangiges Ziel! Denn gewiss werden auch einfach vorhandene Tugenden die Welt etwas besser machen und somit der Erleuchtung aller Wesen näher bringen. Aber es ist eben doch ein Unterschied, ob man seine Tugenden einsetzt, um in der eigenen KFZ-Werkstatt die Kunden nicht übers Ohr zu hauen, um tugendhafte Mädels zu beeindrucken und rumzukriegen, um sich einfach besser als die Anderen zu fühlen – oder eben, um alle Wesen der Erleuchtung näher zu bringen.
Dann müsste man aber schauen, wie man alle Wesen der Erleuchtung näher bringt. Thogme denkt hier sicher daran, ein sichtbares Zeichen für das erfolgreiche Beschreiten des Bodhisattva-Weges zu sein. Das Bodhisattva-Ideal zu propagieren. Und die nötigen Lehr-Inhalte zu vermitteln.
Die Spirituelle Gemeinschaft kürzt das für Weg-Arbeiter ab zu: "Seid einander Lehrer und Schüler zugleich." Das "Einander" kann man natürlich enger und weiter gefasst verstehen, aber Selbstverbesserung und Angebot zum Teilen der Erfahrungen klingen deutlich an.
(Clemens Satorius)

 

Über das Lehren – Ein permanentes Ein- und Ausatmen
Die letzten Tage ist mir etwas klarer geworden, was mit dem Lehrauftrag der Schüler (Schüler-Lehrer, Lehrer-Schüler) zu tun hat.
Eindimensional oder landläufig betrachtet, sieht man Lehren als Tätigkeit, wo man jemanden, der weniger weiß oder erkennt und Unterstützung benötigt, etwas sagt oder empfiehlt, ihn sozusagen direkt be-lehrt. Das hat eine große Bedeutung auf dem spirituellen Weg, da man jede Informationen nicht haben, falsch verstehen und mangelhaft umsetzen kann. Und gerade das Erkennen und Wissen anderer ist da notwendig, wo man selbst weniger erkennen kann. Es ist unterlassene spirituelle Hilfeleistung, wenn man sein Wissen, seine Erfahrung und seine Fortschritte nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit teilt. Vorrangig innerhalb der Gemeinschaft (auf dem Weg zum Bodhisattva), aber in geeigneter Form auch bei allen anderen Menschen. Positiver Nebeneffekt ist, dass durch das Fragen stellen und Lehren das Wissen nicht wieder auf niedere Ebenen absinkt, sondern vertieft und zu gelebtem Wissen, zu Sein wird. Darüber hinaus ist Lehren aber auch auf andere Aspekte bezogen ein sehr vielschichtiger Prozess.
Lehren kann auch bedeuten, jemandem ohne Worte, durch die eigene Weg-Arbeit und die Umsetzung der eigenen Erkenntnisse, durch das gelebte heilsame Beispiel, nützlich zu sein. Sozusagen eine direkte-indirekte Be-Lehrung. Eine wichtige gegenseitige Inspiration und Unterstützung der Weg-Arbeiter untereinander.
Eine Belehrung kann auch sein, dass man jemanden ganz praktisch bei einer eingegrenzten, vielleicht auch alltäglichen Sache, unterstützt und zur Hand geht.
Es kann als Lehrender sehr schwer sein, die Entwicklungsprozesse des anderen, die sich lange leidvoll und (die Lösung ein-)kreisend, für den Außenstehenden meist viel deutlicher zeigen, auszuhalten. Aber auch eine wichtige Übung, das zu tun. Passiv-aktiv zu lehren bedeutet hier: Jemanden, der leidet, sein Mitgefühl zu geben, mit ihm das Leid sprichwörtlich zu teilen, Da-Sein, ohne sofort auf eine andere Handlungsebene zu gehen. Mitgefühl und Da-Sein sind die direkteste, beste (und vorerst einzige) Hilfe, die man jemanden geben kann und die immer wirkt. In direkten, konkreten Belehrungen liegt die Gefahr, dass sich darin eine (innere) Ablehnung des Leidens des anderen versteckt. Das ist zu überprüfen, wenn man schnell mit gezielten und klaren Empfehlungen oder Vorschlägen zur Hand ist. Es muss eingeschätzt werden, inwieweit eine direkte Belehrung zielführend für den anderen ist. Das erfordert beim Lehrenden ein genaues Erkennen der Situation des anderen und des geschicktesten Mittels. Beim Schüler erfordert es Nachsicht im Umgang mit dem sich entwickelnden Schülerlehrer und ein Anerkennen und Wertschätzen der Tatsache, dass sich dieser bemüht. Und bei beiden führt das zu einem vertieften Erkennen der eigenen Stärken und Schwächen, die produktiv genutzt, die gemeinsame Entwicklung intensiviert und potenziert.
Mit der Geschicktheit der Mittel zu arbeiten, heißt auch hier: Erkennen, 1. was und 2. wie es zu tun ist, 3. es tun und 4. aus den daraus resultierenden Erfahrungen zu lernen und wieder bei 1. beginnen. Und die Schritte 1-4 immerfort zu wiederholen.
Lehren ist ein Begegnen. Man lehrt mit dem, was man ist, was man weiß und schon verwirklicht hat. Man übt sich in der weiteren gemeinsamen Verwirklichung (statt Verwicklung) und erlernt die Geschicktheit der Mittel. Wo begegnet der Lehrer dem Schüler? Er begegnet ihm da, wo der Schüler ist. Wir lernen als Schüler-Lehrer, die wesentlichen Inhalte in die Form zu bringen, die der jeweilige Schüler verstehen kann. Wer oder was lehrt? Das Höhere Selbst? Die AP? Lehrinhalte sind dem Höheren Selbst (innerhalb und außerhalb der Trennungswelten) und der göttlichen Ebene zuzuordnen. Wir lehren mit dem Sein (HS), aber nutzen unsere Vehikel (AP) in den Welten der Trennung, um dieses Sein auszudrücken. So ermöglichen wir es auch anderen, von unserem entwicklungsspezifisch „besseren, anderen, größeren“ Zugang zum HS und Gott zu profitieren. Mit dem Lehren gehen verstärkte Rückkopplungsprozesse zwischen den zwei Ebenen (HS, AP) einher (lernen), wodurch wir (HS) weiter wachsen können. Auch dadurch, dass der Schüler uns gleichzeitig zum Lehrer wird und wir uns auch mit seinem unterschiedlich geprägten Zugang zum HS verbinden können. Und wir es so wechselweise immer besser schaffen, das Höhere bis in die letzte Zelle der AP zu verwirklichen.
Belehrung wirkt immer in mindestens zwei Richtungen: Der Lehrende wird durch das Sein und Tun, das Mit-Sein mit dem anderen ebenso belehrt wie er als Lehrer wirkt. Da wir bezogen auf unsere wahre Natur ungetrennt voneinander sind, kann dies auch nur so sein. Auf der praktischsten Ebene denkt man hier vielleicht an Learning by Doing des Lehrers auf der methodischen oder persönlichen Ebene. Aber auch das ist nur eine Ebene. Denn es gilt auch für den Lehrenden, sich inspirieren zu lassen durch die unterschiedlichen Verständnismöglichkeiten, Lösungswege und Erfahrungen, das Anders-Sein. Und immer wieder zu erkennen, dass der scheinbare eigene Vorsprung schnell eine Fallgrube wird, wenn man sich mit ihm identifiziert.
Belehrungen finden auf allen Ebenen, in alle Richtungen und zu allen Zeiten statt. Meist erkennen oder wählen wir nur Ausschnitte, je nachdem, wo wir als Schüler und Lehrende (Schüler-Lehrer, Lehrer-Schüler) stehen, was wir selbst schon erkennen oder wahrnehmen können. Und wie offen wir auch hier für die Be-Lehrungen des anderen sind. Deswegen ist Lehren immer mit eigenem Lernen verbunden, das eine geht nicht ohne das andere, sonst ist kein Fortschreiten auf dem Weg möglich.
(Maria)

Der folgende Abschnitt aus dem Buch "Gog und Magog" von M. Buber zeigt aus meiner Sicht die Essenz jeder Lehrerschaft auf. Ein hohes und weites Ziel ist so eine Haltung, so ein Mit- und Da-Sein.
Rabbi Mosche Löb von Sassow hat sich nie darum bekümmert, ob jemand, dem er half, als fromm und rechtschaffen oder als Ausbund aller Schlechtigkeit galt. Er vertrug es überhaupt nicht, wenn man einen Menschen böse nannte. "Ein Mensch tut wohl Böses", pflegte er dann zu sagen, "wenn ihn der böse Trieb überwältigt, aber dadurch wird er doch nicht selber böse, kein Mensch meint das Böse, entweder gerät er hinein, er weiß gar nicht wie, oder aber er hält das Böse für das Gute. Du musst ihn eben lieben, diesen Menschen, der Böses tut, du musst ihm liebend helfen, dem Wirbel zu entkommen, in den ihn der Trieb zieht, du musst ihm liebend erkennen helfen, was oben und was unten ist, anders als liebend wirst du nichts zustandebringen, sondern er wird dich zur Tür hinausschmeißen, und er wird recht haben. Nennst du ihn aber böse und hassest und verachtest du ihn dafür, dann machst du ihn böse, auch wenn du ihm dann helfen willst, erst recht, wenn du es willst, du machst ihn böse, denn du machst ihn verschlossen. Erst wenn der Mensch, der Böses tut, sich in der Welt seiner Handlungen verschließt, erst wenn er sich in ihr verschließen lässt, wird er böse."
(Ruth Finder)


Gestützt auf die Lehren von Sutra, Tantra und deren Kommentare, und den Unterweisungen der Heiligen folgend, habe ich die siebenunddreißig Übungen der Bodhisattvas zum Nutzen jener niedergeschrieben, die den Bodhisattva-Weg beschreiten möchten.
Da mein Verstand gering ist und ich wenig geübt bin, gibt es hier keine Verse, die Gelehrte erfreuen. Doch da sie sich auf die Sutras und die Erklärungen der Heiligen stützen, halte ich diese Übungen der Bodhisattvas für fehlerlos.
Aber da es mit meinem geringen Verstand schwierig ist, die Tiefen der kraftvollen Bodhisattva-Taten zu ermessen, bitte ich die Heiligen um Nachsicht für Widersprüche, Ungereimtheiten und andere Fehler.
Mögen alle Wesen durch die Tugend, die hieraus erwächst, dem Beschützer Chenresig gleich werden, der im Besitz von höchstem – relativen und absoluten – Bodhicitta weder im Extrem von Samsara noch Nirvana verweilt.
Dies wurde zu meinem eigenen Nutzen und dem Wohl der Anderen vom textkundigen Logiker, dem Mönch Thogme, in der kostbaren Quecksilberhöhle verfasst.

Sehr putzig finde ich Thogmes Selbstbezeichnung als "textkundigen Logiker"! Auch seine betont demütige Selbsteinschätzung davor ("Textkundiger Logiker" fällt gegen "Beschützer" und "Heilige" entsprechend stark ab – auch wenn ich selbst es nicht wagen würde, mich als textkundigen Logiker zu bezeichnen. Wahrscheinlich vor allem, weil ich es nicht bin! ^^ Thogme hingegen vielleicht schon.) ist ziemlich sympathisch und wohl nicht fishing for compliments oder nur Erfüllung einer mahayanistischen Formalie.
Gelehrte und noch mehr eben Beschützer und Heilige so pauschal in den Himmel zu loben halte ich, wie zu erwarten, hingegen wieder für ziemlich fragwürdig. Naja, nicht Heilige an sich, aber als Vorablabel... als als gesichert geltende Tatsache. Da bin ich nicht dabei.
Möglicherweise eine Ungereimtheit und ein Fehler, den wir Thogme nachsehen müssen.
(Clemens Satorius)