Noch Meer

Als Nächstes mussten wir schleifen. Schleifen, schleifen, schleifen. Ich glaube, ich schliff ohne Pause bis Weihnachten. Gefühlt: Tag und Nacht. Hockte oben auf dem Boot, kauerte und kroch über das nunmehr nackte Deck, in dicken Wollsocken, und führte die rotierende Schleifmaschine über das freigelegte Holz, so oft und so weit, in kleinen Kreisen und krummen Etappen, dass ich am Stück und geradeaus wohl bis China gekommen wäre.

Wobei keiner glauben soll, dass allein die zurückgelegte Strecke des langsam übers Holz reisenden Schleifpapiers zum Erfolg geführt hätte. O nein! Wie oft unterbrach mich der Freund, dieser Holzpingel, noch aus der entferntesten Ecke der Halle dabei, wie ich mich da oben auf meinem Boot kriechend und ungelenk in der Kunst des Schleifens übte und abrackerte. Wie oft legte er seinen Winkel auf der Werkbank ab, kam herüber und stieg die Leiter empor.

»Nicht so!«

»Wie denn?«

»Du sollst die Schleifplatte mit dem Schleifpapier immer flach aufs Holz setzen, flach wie eine Briefmarke, die auf einem Umschlag klebt.«

»Das tue ich doch, ganz flach und platt auf dem Holz!«

»Nein, das tust du nicht. Du kantest an. Du kantest den Teller mit dem Schleifpapier an. So aber schleifst du Kanten, Senken und Kuhlen ins Holz, und am Ende wirst du nur noch mehr Arbeit haben, das Teak wird nicht halten und du ärgerst dich zu Tode.«

«Ich schleife ganz flach, sieh’ her!«

»Nein, führ’ die Maschine und das Papier ruhiger. Press nicht so. Pressen bringt nichts. Es kostet eben seine Zeit, aber nur so wird die Oberfläche schön und glatt und eben. Alles andere ist Pfusch, hörst du.«

»Ja, ja. So?«

»Ja, fast so. Leg die Hand noch flacher auf die Schleifmaschine, behutsam. Das sind feine Maschinen, die musst du nicht quälen. Hier will keiner gequält werden, und wenn sich einer ein bisschen quälen muss, dann bist du es.«

»Ist’s so gut?«

»Ja, so ist's schon besser. Noch weniger Druck. In kleinen gleichmäßigen Kreisen. Du musst ein Gefühl dafür bekommen, kleine, schöne Kreise, und mit denen arbeitest du dich dann langsam übers ganze Deck.«

»Das dauert Wochen! Da sterbe ich!«

»Nein, es kommt dir nur so vor, als würdest du sterben. Aber du stirbst nicht. Das wird schon. Kleine, feine Kreise, immer in kleinen, feinen Kreisen.«

Dann stieg er die Leiter wieder hinab und ging zu seinem Winkel, zu seinen Fräsen und Klingen. Und so lernte ich, dass keineswegs die Menge der geschliffenen Holzoberfläche zum Sieg führte, nichts dergleichen; man hatte auch noch ein feines Händchen für die Qualität des Schliffs zu entwickeln.

(...) Und es gab noch mehr Leute, die da draußen in den Hallen an ihren Booten herumfuhrwerkten, in den Wintern, jenseits der Ballungsräume und der Ameisen, und ich durfte lernen, dass dort sogar einige am Werk waren, die noch weitaus wahnsinniger waren als mein Freund und ich. Es existierten Menschen, die hatten das Restaurieren alter Holzboote zu einer Art entrückten Philosophie erkoren, zu einer Kunst, zu einem masochistischen späneumrauschten Nirwana, das erst nach unglaublichem Leid zu einer Erlösung führte. Zu nackter, seegehender Schönheit.

(aus "Wer Meer hat, braucht weniger" von M.B.)

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Kommentare: 3
  • #1

    Holzpingel (Mittwoch, 05 Januar 2022 18:22)

    Nein, es kommt dir nur so vor, als würdest du sterben. Aber du stirbst nicht. Das wird schon. Kleine, feine Kreise, immer in kleinen, feinen Kreisen.

  • #2

    R.G. (Donnerstag, 06 Januar 2022 06:15)

    Anleitung zur Weg-Arbeit...

  • #3

    C. (Donnerstag, 06 Januar 2022 10:05)

    Gut, dass wir dafür einen kleinen, feinen Kreis haben!