Superkomplexitäten

Es gehört zu unseren evolutionsbiologischen Altlasten - und damit auch in den Bereich der animalischen Ebene - dass wir unnötige Anstrengungen vermeiden. Wir kennen das bildlich in Form der Löwen, die alle zwei Tage jagen, sich vollfressen und dann zwei Tage im Schatten auf der Seite liegen. Der Mensch ist allerdings mit einem kalorienverbrauchenden Bestandteil ausgestattet, den der Löwe in dieser ausgeprägten Form nicht hat: mit einem großen Gehirn. Dass wir damit wahrscheinlich wesentlich komplexere Gedanken denken können, heißt aber eben nicht, dass wir es auch die ganze Zeit tun.

 

Wenn es für die animalische Ebene zweckdienlich ist - also dem physischen Bestehen und Wohlbefinden dient oder sinnvoll für die Fortpflanzung ist - kann der Denkapparat Beachtliches leisten. Aber gerne wird er auch auf Sparflamme betrieben. Dazu dienen Vereinfachung und Nicht-wissen-wollen.

 

Nun haben wir uns durch unsere Kultur- und Technikentwicklung in vielen Weltgegenden aus der drängenden Not des Überlebenskampfes herausgenommen. Es wäre eigentlich an der Zeit, uns freiwillig und offen den Superkomplexitäten um uns herum zu stellen und uns ihnen graduell verstehend demütig und teilweise sogar verehrungsvoll anzunähern. Will sagen, es gibt um uns herum viele komplexe Zusammenhänge, die wir (als Menschheit und als Individuen) bestenfalls in ihren Basisaspekten zu verstehen beginnen können. Das sind im Grunde sämtliche "natürlichen" Regelmechanismen. Ökosystem, Wettergeschehen, körperliche Abläufe etc. Aber auch gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische Abläufe.

 

Das alles durchdringen wir keinesfalls. Wir wiegen uns aber gerne in der Gewissheit, dass das alles schon irgendwie läuft, dass es dafür Spezialisten gibt, die das schon regeln oder dass das uns persönlich ja gar nicht betrifft. Und damit unterliegen wir der in uns angelegten Bequemlichkeit, die noch auf Kaloriensparen eingestellt ist. Grade dadurch aber verweigern wir im Grunde den nächsten evolutionären Schritt, der nämlich in der schrittweisen und eben auch demütigen Verantwortungsübernahme in allen uns zugänglichen Bereichen (man denke an die drei Säulen!) besteht. Und obwohl man diese Aussage auf die Menschheit insgesamt anwenden kann, trifft sie auch und vor allem auf uns persönlich zu. Die Menschheit ändern - dazu können wir bestenfalls einen sehr kleinen Beitrag leisten. Uns selbst ändern - da wäre schon etwas mehr möglich.

 

Eine entsprechende Haltung zu kultivieren, ist sicher kein schlechter Vorsatz für das neue Jahr.

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Kommentare: 1
  • #1

    Simba (Donnerstag, 30 Dezember 2021 19:27)

    Gut gebrüllt, Löwe!