Glorie

Die unfassbare Glorie des Absoluten freisetzen - von Andrew Cohen

Kurze Zeit nachdem ich im Frühjahr 1989 nach Kalifornien umgezogen war, habe ich erkannt, woran die spirituelle Szene in den USA krankt. Ich fand heraus, dass die absolute Notwendigkeit, den Ruf des spirituellen Lebens und seine Erfordernisse über alles andere zu stellen, um in diesem Leben wirklich frei zu sein, die meisten unserer suchenden Zeitgenossen überfordert. Ja, das erschreckende Ausmaß an Kompromissbereitschaft, das in der spirituellen Welt unserer Zeit zum Ist-Zustand geworden ist, erschütterte mich wie nie zuvor. Die naive Annahme meinerseits, nämlich, dass die meisten Suchenden in der Tat auf der Suche sind – was soviel heißt, wie wirklich den Preis zu verstehen, der von jedem zu zahlen ist, der wahre spirituelle Freiheit in diesem Leben sucht – wurde sehr schnell widerlegt. Es zeigte sich, dass ganz offensichtlich nur wenige Suchende und Meditierende ernsthaft die Möglichkeit in Betracht ziehen, konsequent diesen Weg zu gehen. Ja, mir wurde allmählich klar, dass spirituelle Erfahrung für die meisten Suchenden lediglich eine Möglichkeit bietet, dem Gewöhnlichen zu entfliehen. Der Ruf des Absoluten – der Ruf, konsequent den Weg bis zum Ende zu verfolgen –, angeregt von der begeisterten Bereitschaft, alles aufzugeben, um Erfolg zu haben, scheint bei vielen zu sehr auf den Solarplexus zu schlagen.

Der Befreiungsruf ist unpersönlicher Natur. Dieser Ruf kommt vom Absoluten. Ein Appell, den das SELBST an das Selbst richtet. Wenn man diesen Ruf unmittelbar vernimmt – und sei es nur für den Bruchteil einer Sekunde, unzensiert von Angst oder Zeit –, dann weiß man in dieser Sekunde alles. Man erkennt – wenn auch nur für diesen kurzen Augenblick –, dass nur dies wahr ist und alles andere falsch. Dank dieser Erkenntnis versteht man, dass das Festhalten an allem und das Investieren in alles, was als falsch, vergänglich und unwirklich erkannt wurde, als Ignoranz zu bezeichnen ist, die Knechtschaft, Leiden und womöglich ewige Stagnation bewirkt. Die Vision unendlicher Befreiung, dieses weite Feld ohne Anfang und Ende, wirkt auf die meisten Suchenden sehr bedrohlich. Sie bleiben weiter dem Trugbild der Selbstsucht verhaftet und geben sich meistens lieber der Illusion hin, sich durch kleine und immer berechnete Schritte zur Grenzenlosigkeit hin zu bewegen.

Der Ruf vom SELBST an das Selbst, zu erwachen, ist von Natur aus absolut. Wie könnte es anders sein? Diejenigen, die reinen Herzens sind, werden nicht widersprechen. Doch jene, die noch sehr an dieser Welt hängen, erleben den Ruf des Absoluten als höchste Bedrohung all dessen, was war, und all dessen, auf das sie künftig hoffen. Die Reaktion des Individuums, das noch diesem Leben verhaftet ist, auf die kompromisslose Natur des Rufs des Absoluten ist ein NEIN, das aus seinem tiefsten Innern ertönt.

Solche Menschen wissen kaum, wie außergewöhnlich die Freude ist, die man verspürt, wenn man der spirituellen Weiterentwicklung höchste Priorität einräumt. Wenn man sich ein Leben ohne Kompromisse und frei von jeder Heuchelei zu eigen macht, dann wirkt dies unendlich befreiend in seiner Tiefe und Einmaligkeit. Durch nichts anderes wird das Individuum so befähigt, seine volle und ungeteilte Aufmerksamkeit der Zerstörung all dessen zu widmen, was unehrlich, falsch und unwahr ist. Das Individuum, das den kühnen Schritt gewagt hat, die Welt mit all ihren Kompromissen hinter sich zu lassen, um vollständig und unwiderruflich die Saat dieser Kompromisse in sich selbst zu zerstören, wird vielfach, wenn es erfolgreich ist, zum Feind der Quelle dieser Kompromisse. Und die Quelle dieser Kompromisse, im kollektiven/individuellen Verstand, ist eine fundamentale und zutiefst existentielle Furcht vor Auflösung, Nichtexistenz und Bedeutungslosigkeit. Sie stellt einen absoluten und endgültigen Verlust an Freiheit für das falsche und begrenzte Bewusstsein des Selbst dar. Diese Furcht, die gewöhnlich unbewusst und unbezweifelt bleibt, bringt das Individuum dazu, blindlings starren Auffassungen von der Natur der Wirklichkeit nachzulaufen, einschließlich hohler und zerstörerischer Vorstellungen vom persönlichen Selbst, die fast immer dazu dienen, eine Welt zu schaffen, in der eine tiefgreifende Weiterentwicklung blockiert wird und in der das Gesetz der geistigen Stagnation regiert.

Die moderne spirituelle Welt ist in vielerlei Hinsicht in einer ähnlichen Verfassung. Trotz der Tatsache, dass anscheinend immer mehr Menschen Interesse an der spirituellen Dimension des Lebens bekunden, bleiben die tieferen Schichten der fundamentalen Verhaftung in Zeit und Geschichte gewöhnlich weitgehend unberührt. Am verräterischsten an unserer Gegenwart ist die Tatsache, dass selbst jetzt, wenn jemand vorbehaltlos die tiefsten Implikationen des radikalen Rufs des Absoluten in Betracht zu ziehen wagt, sich dieses Individuum in den Augen der anderen häufig verdächtig macht. Und wenn man nicht nur die Implikationen dieses Rufs betrachtet, sondern auch bedingungslos auf ihn zu reagieren wagt und so der kollektiven Norm entrinnt, wird man häufig misstrauisch und manchmal sogar voller Hass beäugt – nicht nur von der Gesellschaft im allgemeinen, sondern auch von denen, die selbst ein tiefes Interesse an spirituellem Leben bekunden.

Der spirituelle Status quo der Zeit, in der wir leben, scheut sich vor Extremen – ganz einfach aus Angst, die gleichen Fehler, die viele in jüngster Vergangenheit gemacht haben, zu wiederholen, indem sie sich entweder zu sehr auf charismatische und vielfach korrupte spirituelle Führer einlassen oder indem sie den Ruf des Absoluten so ernst nehmen, dass sie Alltägliches in einer Weise vernachlässigen, die als unverantwortlich zu bezeichnen ist. Dies ist durchaus verständlich. Doch Tatsache ist, dass sich das Absolute nicht um unsere Ängste und unsere Alltagssorgen schert! Das wahre SELBST sorgt sich ausschließlich um sich selbst. Der Grad, zu dem wir bereit sind, Seinem Ruf zu folgen, ist das Maß, in dem die explosive Macht der Wahrheit und der Liebe – ungehindert durch den Status quo – in dieser Welt offenbar sein wird. Befreit aus den Klauen des aus dem Innern kommenden NEIN, offenbart sich diese Macht als ein zerstörerischer Wirbelsturm, der ausschließlich vollkommenen Frieden und grenzenlose Harmonie nach sich zieht. Der spirituelle Status quo einer Epoche bedarf einer permanenten Revolution von Körper, Geist und Seele. Andernfalls ist das Ergebnis unausweichlich die Unterdrückung der Kraft des Lebens selbst.

Heute wie in der Vergangenheit und selbst in ferner Zukunft wird die unfassbare Erhabenheit unserer ureigenen wahren Natur in den unzugänglichen Tiefen unserer Herzen eingesperrt bleiben, wenn wir nicht bereit sind, gewaltige Risiken einzugehen, wenn wir nicht bereit sind, den Ist-Zustand aufzugeben und zu überwinden, wenn wir nicht bereit sind, furchtlos und von ganzem Herzen dem Ruf des Absoluten zu folgen.

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Kommentare: 1
  • #1

    R.G. (Donnerstag, 23 Dezember 2021 19:18)

    Sehr sehr treffend.
    Und immer wieder traurig zu sehen, dass wunderbar formuliert werden kann, was nicht auf sich selbst angewendet wird.
    Das muss demütig machen.