Transformation?

Als Chögyam Trungpa Rinpoche, ein großer (wenn auch umstrittener) tibetischer Meister, erstmals in die USA kam, war er dafür berühmt, daß er immer auf die Frage nach der Bedeutung des Vajrayana sagte: „Es gibt nur Ati.“ Mit anderen Worten, es gibt nur erleuchteten Geist, wohin man auch schaut. Ego, Samsara, Maya und Illusion – sie alle brauchen wir nicht loszuwerden, denn sie existieren eigentlich gar nicht: Es gibt nur Ati, es gibt nur Geist, es gibt nur Gott, es gibt in der gesamten Existenz nur nonduales Bewußtsein.

Praktisch niemand verstand diesen Ansatz, niemand war auf diese radikale und authentische Sicht der bereits immer existierenden Wahrheit gefaßt - und so führte Trungpa schließlich eine ganze Serie von „niederen“ Praktiken ein, die zu dieser radikalen und höchsten „Nichtpraktik“ hinführten. Er führte die Neun Yanas als Grundlage der Praktik ein - mit anderen Worten, er führte neun praktische Stadien bzw. Stufen ein, die zur höchsten „Nichtpraktik“ des schon immer existierenden Ati hinaufführten.

Viele dieser Praktiken waren einfach „übersetzend“, und einige ließen sich auch als weniger bedeutende Transformationspraktiken bezeichnen: winzige Transformationen, die Körper und Geist empfänglicher für radikale, vollendete Erleuchtung machten. Diese übersetzenden und niederen Praktiken mündeten in die „perfekte“ Praktik der Nichtpraktik - oder die radikale, sofortige, authentische Erkenntnis, daß es schon von Anfang an nur Ati gab. Obwohl also die höchste Transformation das vorrangige Ziel und das allzeit existente Fundament war, mußte Trungpa übersetzende und niedere Praktiken einführen, um die Menschen auf die Offensichtlichkeit dessen, was ist, vorzubereiten.

Genau das gleiche geschieht bei Adi Da, einem anderen einflußreichen (und gleichermaßen kontroversen) Meister (der jedoch in den USA geboren ist). Ursprünglich lehrte er nichts anderes als den „Pfad des Verstehens“: kein Weg, um erleuchtet zu werden, sondern eine Prüfung der Frage, warum man überhaupt Erleuchtung sucht. Der Wunsch nach Erleuchtung selbst ist eigentlich nichts anderes als die besitzergreifende Tendenz des Egos selbst, und so ist es gerade die Suche nach Erleuchtung, die verhindert, daß sie erreicht wird. Die „perfekte Praktik“ ist daher nicht die Suche nach Erleuchtung, sondern die Erforschung des Motivs für eben diese Suche. Sie suchen offensichtlich, um die Gegenwart zu meiden, und doch enthält die Gegenwart allein die Antwort: Ewiges Suchen bedeutet, ewig das Wesentliche nicht zu begreifen. Sie SIND immer schon erleuchteter Geist, und daher ist die Suche nach dem Geistigen mit dem Negieren des Geistigen gleichzusetzen. Sie können das Geistige genauso wenig erlangen, wie Sie Ihre Füße oder Ihre Lungen erwerben können.

Niemand verstand dies. Und daher führte Adi Da, genau wie Trungpa, eine ganze Serie übersetzender und niederer transformierender Praktiken ein - genauer gesagt, sieben Stadien der Praktik -, die zu dem Punkt führten, an dem Sie völlig auf die Suche verzichten konnten – offen für die schon immer vorhandene Wahrheit Ihres eigenen ewigen und zeitlosen Zustands, der voll und ganz von Anfang an vorhanden war, den Sie aber aufgrund Ihres wilden Verlangens zu suchen brutal ignorierten.

Was Sie auch immer von jenen beiden Meistern halten mögen, eine Tatsache bleibt: Sie haben mit den beiden vielleicht ersten großen Experimenten in den USA aufgezeigt, wie die Vorstellung, daß „es nur Ati gibt“ - d.h. nur Geist gibt (und daß die Suche nach dem Geistigen dessen Wahrnehmung verhindert) -, einzuführen ist. Und beide fanden heraus, daß - so offen wir auch für das Ati, die radikale transformierende Wahrheit dieses Augenblicks sein mögen - übersetzende und niedere transformierende Praktiken dennoch fast immer die Voraussetzung für diese letzte und ultimative Transformation sind.

 

(aus: Ken Wilber, Eine Spiritualität die transformiert)

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Kommentare: 1
  • #1

    R.G. (Dienstag, 14 Dezember 2021 19:07)

    Mir scheint das Folgende von Markos recht gut zu passen:
    166 Es ist zwar gut, das hauptsächliche Gebot zu beachten und sich um nichts im einzelnen zu sorgen noch im einzelnen um etwas zu beten, sondern allein das Reich Gottes und sein Wort zu suchen. Wenn wir uns aber noch um jedes einzelne Bedürfnis kümmern, müssen wir auch um jedes beten. Wer nämlich ohne Gebet etwas tut oder bedenkt, gelangt nicht glücklich an das Ziel der Angelegenheit. Und dies ist es, was der Herr gesagt hat: "Ohne mich könnt ihr nichts tun."