Innen und außen

Meister Eckhart sprach, es könne kein Mensch in diesem Leben so weit kommen, dass er nicht auch äußere Werke tun solle. Denn wenn der Mensch sich dem beschaulichen Leben hingibt, so kann er vor großer Fülle sich nicht halten, er muss ausgießen und muss im wirkenden Leben tätig sein. Gerade wie ein Mensch, der gar nichts hat, der kann wohl mild sein, denn er gibt mit dem Willen; jedoch, wenn ein Mensch großen Reichtum hat und nichts gibt, der kann nicht mild heißen. Und ebenso kann kein Mensch eine Tugend haben, der sich nicht dieser Tugend hingibt, wenn es Zeit und Raum erlaubt. Und darum sind alle die, die sich dem beschaulichen Leben hingeben und nicht äußeren Werken und sich ganz und gar von äußerem Werk abschließen, im Irrtum und nicht auf dem rechten Weg. Da sage ich, der Mensch, der im beschaulichen Leben ist, kann wohl und soll sich von allen äußeren Werken freimachen, solange er im Schauen ist; aber hernach soll er sich äußeren Werken widmen, denn niemand kann sich allezeit und fortwährend dem beschaulichen Leben hingeben, und das wirkende Leben wird ein Aufenthalt des schauenden Lebens.

 

(Meister Eckhart, Sprüche 11)

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