23 Kapitel - 21

21 Haben sich manche von den unreinen Gedanken rasch vertreiben lassen, dann wollen wir nach dem Grund suchen, weshalb dies geschehen ist. Hat der Feind nichts gegen uns vermocht aus Mangel an Gelegenheit, weil die Materie schwer zu beschaffen war, oder durch die in uns bestehende Leidenschaftslosigkeit?

Wenn zum Beispiel einer aus der Reihe der Anachoreten in Betracht zieht, mit der geistlichen Leitung einer Stadt betraut zu werden, verbringt er nicht viel Zeit mit der Vorstellung dieses  Gedankens - und wird aus dem eben Gesagten in seinem Verhalten verständlich. Kommt ihm aber ein Gedanke an den Besuch einer Stadt, und zwar der erstbesten, und denkt er genauso, so ist dieser selig wegen seiner Leidenschaftslosigkeit.

Und wenn man genau hinsieht, merkt man, daß man auch bei den anderen Gedanken in gleicher Weise verfahren kann. Dies ist nötig zu wissen im Hinblick auf unsere Bereitwilligkeit und unsere Kraft. Wir sollen ja sehen, ob wir den Jordan bereits durchquert haben und den Philistern nahe sind, oder ob wir noch in der Wüste leben und von den Heidenvölkern geschlagen werden.

Es scheint mir nämlich der Dämon der Geldgier ganz und gar verschlagen zu sein und unglaublich begabt in der Täuschung. Ist er durch äußerste Entsagung in Bedrängnis geraten, so spielt er augenblicklich den Verwalter und Wohltäter der Armen. Er nimmt im voraus schon jene Gäste ganz gebührend auf, welche noch nicht da sind, und entbietet anderen Darbenden seinen Dienst. Er besucht die Gefängnisse der Stadt und kauft natürlich die in die Sklaverei Verkauften los. Er rät einem, sich reichen Frauen anzuschließen, und legt einem ans Herz, anderen wiederum zu Willen zu sein, welche einen fetten Geldbeutel besitzen. Und hat er so die Seele allmählich hinters Licht geführt, verstrickt er sie in die Gedanken der Geldgier und übergibt sie dem Dämon der eitlen Ehrsucht.

Der führt ihr eine Schar Leute vor Augen, welche Gott für so edle Maßnahmen verherrlichen, und sorgt nach und nach für solche, die sich miteinander über das Priesteramt unterhalten. Und er prophezeit den Tod des bestehenden Priesters und trägt einem auf, nicht zu entfliehen, nachdem man Unermeßliches geleistet hat. Und so kämpft der unglückselige Geist - von diesem Gedanken gefesselt - gegen jene Menschen, die dies nicht positiv aufgenommen haben. Denen aber, die dies taten, bringt er bereitwillig Geschenke dar und zollt ihnen Anerkennung aufgrund ihres Wohlwollens. Manche aber, die sich ihm widersetzen, übergibt er den Richtern und kündigt ihnen an, sie würden aus der Stadt verbannt.

Befinden sich diese Gedanken aber noch länger im Herzen und treiben sich dort herum, kommt sogleich der Dämon des Hochmuts heran, läßt fortwährend Blitze und geflügelte Drachen durch die Luft der Zelle sausen und wirkt letztlich den Raub der Einsicht. Wir aber wollen, nachdem wir diesen Gedanken den Untergang angewunschen haben, in Dankbarkeit mit der Armut zusammenleben. Wir haben ja nichts mit in die Welt gebracht, und so ist es offensichtlich, daß wir auch nichts mit fortnehmen können. Haben wir Nahrung und Kleidung, so soll uns das genügen, in Erinnerung an Paulus, der sagt: "Die Wurzel aller Übel ist die Geldgier."

 

(Evagrios Pontikos - 23 Kapitel über die Unterscheidung der Leidenschaften und Gedanken 21)

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