Sehr nützliche Kapitel VI

Viele, welche die Gebote tun, scheinen dahinzuschreiten, doch da sie die Stadt noch nicht erreicht haben, müssen sie draußen bleiben. Denn weil sie die Abzweigungen von den königlich geraden Wegen, d. h. die üblen Taten, welche den Tugenden benachbart sind, unbemerkt aufgriffen, eilen sie unverständig dahin. Man bedarf nämlich der Gebote, welche ja weder das Zuwenig noch das Zuviel, sondern die gottgefällige Absicht sowie allein den göttlichen Willen suchen. Steht es aber nicht so, ist die Mühe umsonst, wenn man die Pfade Gottes nicht gerade machen will, wie die Schrift sagt. Bei jedem Werk nämlich wird nach der Absicht der Handlung gefragt.

 

(Gregorios der Sinaite, "Sehr nützliche Kapitel", Kapitel 14)

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Kommentare: 11
  • #1

    Rudi (Freitag, 17 April 2020 17:25)

    Ein tolles Kapitel. Ich versuche mich jetzt doch mal im Austausch ;-)

    Weil es ganz schön verzwickt ist gehe ich satzweise vor:
    "Viele, welche die Gebote tun, scheinen dahinzuschreiten, doch da sie die Stadt noch nicht erreicht haben, müssen sie draußen bleiben" ...würde ich eher als 'Gebote dem Buchstaben nach halten' deuten.
    "Denn weil sie die Abzweigungen von den königlich geraden Wegen, d. h. die üblen Taten, welche den Tugenden benachbart sind, unbemerkt aufgriffen, eilen sie unverständig dahin."
    Was ist der königlich gerade Weg? Die üblen Taten, welche den Tugenden benachbart sind empfinde ich als die Gebote die man dem Buchstaben nach hält, welche aber im einen Fall genau richtig sind, im anderen aber negativ, weil sie im Kontext nicht passen. Der gerade Weg wäre dann der Weg, auf dem man dies berücksichtigt und innerlich auf die Richtigkeit im höheren Sinne prüft. Das wäre dann rein äusserlich aber der Weg, der parallel zum äusserlich geraden Weg des Buchstabengebots läuft. Also äusserlich betrachtet ist es der parallele Weg, aber erst richtig innerlich ausgerichtet wird er zum geraden Weg. Spannend finde ich noch das königlich. Gut göttlich = königlich passt. Der königliche Weg führt zum König, passt auch. In meiner Empfindung löst sich das eher so auf, dass das geschriebene Gebot eine Orientierung bietet. Wenn man nach der Empfindung prüft, dann kann man naheliegende Korrekturen vornehmen. Es wird das Ergebnis aber noch etwas schnörkelig sein. Richtet man sich aber konsequent auf die göttliche Führung aus, dann betritt man den geraden königlichen Weg. Dann ist es sogar möglich, dass der äussere Weg kreuz und quer beliebig verläuft, weil jetzt tiefste Zusammenhänge ihre Berücksichtigung finden. Dieser königliche Weg ist aber für Dritte nicht erkennbar, weil wir nicht in Herzen schauen können. Die Stadt liegt also nicht am Ende des äußerlich geraden Wegs, wo sie der Buchstabengetreue zu sehen glaubt, sondern scheinbar beliebig irgendwo. Eigentlich aber am Ende des königlich geraden Wegs, der nirgends vorgezeichnet ist. Der Rest ist dann eigentlich selbsterklärend.

  • #2

    Ruth Finder (Freitag, 17 April 2020 23:21)

    Mein früherer Chef aus dem Bioladen ist ein Mitglied der "Anthroposophischen Gesellschaft". In einem Gespräch hat er mir erzählt, dass sich der Bremer Ableger regelmäßig trifft. Ich habe ihn gefragt, was sie denn so dabei machen würden.
    Sie würden unteranderem Vorträge anhören, diskutieren und sich miteinander über verschiedenen Themen austauschen, hat er mir geantwortet. Aber zu jedem Treffen gehört Interpretation eines vorgelesenen Textes oder einer Geschichte dazu. Ich war positiv überrascht und wir haben darüber gesprochen, wie inspirierend und bereichernd so was sein kann, aber auch wie knifflig und auf der Verständnisebene herausfordernd.

    Tatsächlich ist die Interpretationsarbeit ein wichtiger Bestandteil unseres Lehrnens im Studienkreis. In der ESG wird ihr einen großen Wert beigemessen, denn durch sie schärft man sein spirituelles Verständnis. Manchmal kommt man auf nichts drauf und manchmal sieht man etwas ganz klar; manchmal dauert das (es "arbeitet" in einem) und manchmal ist eine Idee schnell da; manchmal kann man den ganzen Text erfassen und manchmal nur ein Teil, einen Satz davon. Auch interpretieren von Interpretationen ist erlaubt.^^ Dabei gibt es nicht richtig oder falsch und es macht Spaß.

    Zu dem Kapitel VI konnte ich nur fragmentarisch etwas sagen. Rudis Ansatz find' ich echt gut. Besonders das gefällt mir: "Dann ist es sogar möglich, dass der äussere Weg kreuz und quer beliebig verläuft, weil jetzt tiefste Zusammenhänge ihre Berücksichtigung finden (das berühmte Tanzen der Meister? - Anm. R.F.) Dieser königliche Weg ist aber für Dritte nicht erkennbar, weil wir nicht in Herzen schauen können. Die Stadt liegt also nicht am Ende des äußerlich geraden Wegs, wo sie der Buchstabengetreue zu sehen glaubt, sondern scheinbar beliebig irgendwo. Eigentlich aber am Ende des königlich geraden Wegs, der nirgends vorgezeichnet ist."

    Selber habe ich zu der folgenden Sequenz aus Rudis Kommentar eine Überlegung und eine aus meiner Sicht passende Katz-Geschichte dazu.

    R.: "(...) dass das geschriebene Gebot eine Orientierung bietet. Wenn man nach der Empfindung prüft, dann kann man naheliegende Korrekturen vornehmen. Es wird das Ergebnis aber noch etwas schnörkelig sein. Richtet man sich aber konsequent auf die göttliche Führung aus, dann betritt man den geraden königlichen Weg."

    Die Überlegung: Verstand (Gebote erfassen und zur Orientierung annehmen) plus Herz (Empfindung) dazu beide im richtigen Geiste ( Ausrichtung auf die göttliche Führung) = Weg-Arbeit (gerader königlicher Weg).

    Die Geschichte:

    Himmlische Arithmetik

    Eine kleine Enkelin von Rabbi Jakov ben Katz stürmte übermütig bei dem Fangenspiel mit ihren Geschwistern in die Stube, wo sich der Rabbi gerade mit einigen seiner Schüler über den Weg des Menschen unterhielt. Im gleichen Moment schnappte das Mädchen auch den letzten Satz auf, den der Reb an seine Zuhörer richtete. Er sagte: "Also, eins und eins macht drei!"

    Fragend wie auch die Schüler schaute die Kleine den Rabbi an. Sie zog schüchtern am Rabbis Mantel und sagte leise: "Aber Großvater, eins und eins macht doch zwei?!"

    Der Rabbi streichelte liebevoll über ihren Kopf und bestätigte ihr: "Recht hast du, mein Kind, Recht hast du. Na, geh weiter spielen!"

    Als die Enkelin weg war, drehte er sich wieder zu seinen Schülern um und vollendete seinen Satz: "Ein liebendes Herz und ein aufgeweckter Geist machen rechte Gedanken, rechtes Reden und rechtes Tun."

    Die Schüler nickten diesmal zustimmend.







  • #3

    R.G. (Samstag, 18 April 2020 08:16)

    Gute Deutung, Rudi und RuFi.^^

    Man könnte hier auch die Gefahr des spirituellen Materialismus herauslesen. Selbst wenn wir mit Verständigkeit unseren Weg gehen, laufen wir immer (wieder) Gefahr, dabei UNBEMERKT (aus Unachtsamkeit, mangelnder Innenschau und Selbstanalyse, dem Gefühl des „ich hab`s“...) die „Abzweigungen von den königlich geraden Wegen“ (Ausrichtung verlieren, sich einrichten mit dem, was man "erreicht" hat) aufgreifen. Die üblen Taten resultieren dann aus dem Eigenwillen, der aufgegeben werden muss, so man denn „die Pfade Gottes gerade machen will“, also sein Denken, Fühlen und Tun allein auf Gottes Willen zum Wohle Aller ausrichten will. Dann werden sie die „Stadt erreichen“ (Spirituelle Gemeinschaft).

  • #4

    Rudi (Samstag, 18 April 2020)

    "1+1=3" dürfte dann wohl die kürzeste denkbare Interpretation des ursprünglichen Textes lauten. :-) Würdest du die ohne Kommentar an den ursprünglichen Text fügen und nach dem Kontext fragen könntest du nach einer Stunde vermutlich die ersten Rauwolken über unseren Köpfen aufsteigen sehen :-) Tolle passende Geschichte RuFi.

  • #5

    Rudi (Samstag, 18 April 2020 16:08)

    RuFi was ist das berühmte Tanzen der Meister? Stammt das aus einer Geschichte?

  • #6

    Ruth Finder (Samstag, 18 April 2020 19:33)

    Hallo zusammen!

    Rudi hat mich auf eine (wahn^^)witzige Idee gebracht.

    Ich gebe hier zwei mathematischen Formeln zum Besten:

    (-) + (-) = (-)

    (-) - (-) = ergibt unter Umständen (+) oder (-). Aber ursprüngliche (erste) Minus wird auf JEDEN Fall kleiner.

    Zu welchem Thema, das in den letzten Tagen im Blog aufgetaucht war, passen sie?

    Und jetzt möchte ich Rauchwolken über euren Köpfe aufsteigen sehen.

    PS: Hi Rudi! Ich habe heute 9 Stunden im Laden mit Kunden "getanzt". Jetzt reicht es nur noch für eine romantische Komödie auf Netflix.

    Morgen schreibe ich dann etwas zu deiner Frage... oder ich gebe den Ball an jemand anders weiter. ^^

  • #7

    R.G. (Samstag, 18 April 2020 19:57)

    Ich versuchs mal:
    (-) + (-) = (-)
    Negatives Elemental + das sich damit gedankliche, emotionale Befassen bis hin zur Tat = Vitalisierung des negativen Elementals

  • #8

    R.G. (Samstag, 18 April 2020 20:03)

    (-) - (-) = (-)
    Negatives Elemental - das sich damit gedankliche, emotionale Befassen bis hin zur Tat = devitalisiertes Elemental (+)
    oder zumindest ein geschwächtes Elemental (ein kleineres -)

  • #9

    Ruth Finder (Samstag, 18 April 2020 20:19)

    R.G, du hast in der himmlischen Arithmetik aufgepasst.

  • #10

    R.G. (Samstag, 18 April 2020 20:21)

    Freu freu...

  • #11

    Rudi (Samstag, 18 April 2020 22:20)

    Mist, ich war spät.....hätte es aber eh nicht rausgekriegt. :-)