Was ist Sake? - 29. November 2014

Der Meister stand vor den Schülerinnen und Schülern und hatte vor sich einige Sachen aufgebaut: Ein sehr großes Glasgefäß und drei geschlossene Kisten. Als Beginn seiner Lehrrede öffnete der Meister die erste Kiste und holte daraus Pflaumen hervor, die er in das Glasgefäß füllte. Er fragte die Schülerinnen und Schüler, ob das Glas voll sei. Sie bejahten es.

Als nächstes öffnete der Meister die zweite Kiste. Sie enthielt Linsen. Diese schüttete er zu den Pflaumen in das Glas. Er bewegte das Gefäß sachte und die Linsen rollten in die Leerräume zwischen den Pflaumen. Dann fragte er die Schülerinnen und Schüler wiederum, ob das Glas nun voll sei. Sie stimmten zu.

Daraufhin öffnete der Meister die dritte Kiste. Sie enthielt Sand. Diesen schüttete er ebenfalls in das Gefäß zu dem Pflaumen-Linsen-Gemisch. Logischerweise füllte der Sand die verbliebenen Zwischenräume aus. Er fragte nun ein drittes Mal, ob das Glas nun voll sei. Die Schülerinnen und Schüler antworteten einstimmig "ja".

Der Meister holte zwei Fläschchen Sake aus seiner Jacke hervor, öffnete diese und schüttete den ganzen Inhalt in das Gefäß und füllte somit den letzten Raum zwischen den Sandkörnern aus. Die Schülerinnen und Schüler lachten.

"Nun", sagte der Meister, als das Lachen nachließ, "ich möchte, dass ihr dieses Glasgefäß als euer Leben anseht.

Die Pflaumen sind die wichtigen Dinge in eurem Leben: Eure unentwegte Suche, eure Praxis, eure spirituellen Lehrer, eure edlen Freunde, eure Gesundheit, eure Partner und Kinder, wenn ihr welche habt - die wirklich wichtigen, ja unverzichtbaren Aspekte eures Lebens, welche, falls in eurem Leben alles verloren ginge und nur noch diese verbleiben würden, euer Leben trotzdem noch erfüllen würden."

Er fuhr fort: "Die Linsen symbolisieren die anderen Dinge im Leben wie euer Hobby, eure Arbeit, das Haus, in dem ihr wohnt. Der Sand ist alles Andere, die Kleinigkeiten."

"Falls ihr den Sand zuerst in das Glas gebt", schloss der Meister, "gibt es weder Platz für die Linsen noch für die Pflaumen. Dasselbe gilt für euer Leben. Wenn ihr all eure Zeit und Energie in Kleinigkeiten investiert, werdet ihr nie Platz haben für die wichtigen Dinge. Achtet zuerst auf die Pflaumen, die Dinge, die wirklich wichtig sind. Setzt Prioritäten. Dann fügt einiges an Linsen hinzu. Der Rest ist nur Sand."

Eine der Schülerinnen erhob die Hand und wollte wissen, was denn der Sake repräsentieren soll.

Der Meister schmunzelte: "Ich bin froh, dass du das fragst. Das zeigt euch, egal wie euer Leben auch eingerichtet sein mag, es ist immer noch Platz für ein oder zwei Fläschchen Sake."

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Kommentare: 1
  • #1

    K (Donnerstag, 09 April 2020 08:42)

    Diese Geschichte hat mich sehr angesprochen. Sie regt mich zur Überprüfung meiner Lebensprioritäten an.
    Wie oft bin ich mit „Kleinigkeiten“ beschäftig, die vielen Dinge im Alltag, mit denen ich mich von wesentlichen Dingen abhalte? Im Bild gesprochen, wie oft kippe ich zuerst den Sand ins Gefäß?
    Zu den „ein oder zwei Fläschchen Sake“ assoziiere ich die Dinge, die ich meiner Alltagspersönlichkeit „gönne“: z. B. einen entspannenden Film kucken, Schokolade essen (trotz Bewusstsein über die kritikwürdigen Produktionsbedingungen und die schlechten Auswirkungen auf meine Gesundheit), mich unnötig über etwas aufregen usw.

    Bemerkenswert finde ich auch, dass in der richtigen Reihenfolge (Pflaumen, Linsen, Sand, Sake) eingefüllt, viel in dem Glas Platz hat. In der umgekehrten, „falschen“ Reihenfolge sind es vor allem die Pflaumen, also die wesentlichen Dinge im Leben, die keinen Platz mehr haben.

    Gieße ich zuerst Sake ins Glas und kippe dann die Pflaumen dazu, was passiert?
    Ein Teil des Sakes (je nachdem wie viel ich vorher reingegossen habe) wird von den Pflaumen verdrängt und läuft über, wird also aus meinem Leben entfernt.
    Die Plaumen werden zum Teil im Sake ertränkt...auch ein interessantes Bild, d. h. ein Teil der wichtigen Dinge im Leben werden durch den Einfluß der Kleinigkeiten und unwesentlichen Dinge dominiert.

    Es ist förderlich und im Rahmen der Weg-Arbeit unerlässlich, mir von Zeit zu Zeit kritisch mein Glas und dessen Befüllung anzuschauen und Korrekturen vorzunehmen: Mehr Sand und Linsen raus, und mehr Pflaumen rein. Und dann an die ganz konkrete Umsetzung gehen.