Kapitel 94

Der Geist ist nicht die Seele, sondern eine Gabe Gottes, welche die Seele behütet. Der Geist, der Gott wohlgefällig ist, eilt der Seele voraus und rät ihr, die zeitlichen, materiellen und vergänglichen Dinge zu verachten, die ewigen, unvergänglichen Güter dagegen liebzugewinnen. So wandelt der Mensch in seinem Leib und erkennt und betrachtet durch den Geist zugleich die himmlischen, die göttlichen und alle sonstigen Dinge. Der Geist, der Gott liebt, ist der Wohltäter und das Heil der menschlichen Seele.

 

(Philokalie, Buch 1, Antonios der Große, "Über die Sittlichkeit des Menschen und den rechtschaffenen Lebenswandel in 170 Kapiteln", Kapitel 84)

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Kommentare: 3
  • #1

    Clemens (Samstag, 28 März 2020 19:37)

    Es gibt eine Reihe von Geist-Seele-Konzepten. Mir erscheinen sie ziemlich willkürlich und ich weiß oft wirklich nicht, was mehr für das eine, als das andere Konzept spricht. Oder anders, ich kann mich nicht entscheiden. Letztlich meide ich, die Begriffe in Beziehung zu setzen. Hat vielleicht jemand ein klares Konzept zur Hand?

    Eines, das ich so bisher noch nicht gehört oder gelesen habe, ist dieses hier von Antonios. Ich kenne die Theologie dahinter nicht. Scheint sowas zu sein, wie der Heilige Geist in persönlicher/individuumsgebundener Dosis. Wo kommt sie her? Ist sie etwas, das wir mit der Taufe erhalten (sollen)? Oder ein etwas blickwinkelabweichendes Modell von göttlicher Wesensnatur?

  • #2

    Antonios (Sonntag, 29 März 2020 12:56)

    95. Wenn die Seele in den Leib gekommen ist, wird sie sogleich von der Trauer und der Lust verdunkelt und verdorben. Trauer und Lust sind dabei wie die Säfte des Leibes. Der Gott liebende Geist aber arbeitet dagegen, versetzt den Leib in Trauer und rettet die Seele, indem er am Leib wie ein Arzt Messer und Feuer anwendet.

  • #3

    Susanne (Samstag, 04 April 2020 18:58)

    Angeregt durch Deinen Beitrag versuche ich es mal ganz praktisch. Angelehnt an das dritte Testament, dessen Ausführungen ich mit begrenztem Sein zumindest nachvollziehen kann. In diesem Punkt.
    Als Einstieg ein Zitat:
    „Der Mensch könnte ohne Geist existieren, allein mittels des beseelten körperlichen Lebens; aber er wäre dann kein menschliches Wesen. Er würde Seele besitzen und ohne Geist sein, aber er könnte sich dann nicht selbst führen, noch wäre er das höchste Wesen, welches das Gesetz durch den Geist erkennt, das Gute vom Bösen unterscheidet und jede göttliche Offenbarung empfängt. (59, 56)31. Der Geist soll die Seele erleuchten, und die Seele soll den Körper führen.“
    Ich glaube tatsächlich, dass es so einfach ist. Gehen wir einmal von der Dunkelheit aus, in der sich die Mehrheit der Menschen befindet. Warum ist es dunkel, wenn Geist-Seele bereits zusammen arbeiten würden (an einem Strang ziehen)? Ausgehend vom Gedanken, dass ein Funke der göttlichen Flamme den Geist im menschlichen Wesen darstellt, demgegenüber also das Licht. Somit erst einmal getrennt voneinander, dennoch geführt im Sinne vom Unbewegten Beweger, der die Verwirklichung des Geistes anstrebt. Wie wird das erreicht? Hier auf Erden, solange wir in Unkenntnis leben durch Leid – wenn wir also nicht den göttlichen Gesetzen folgen. Wodurch entsteht die Dunkelheit? Der treibende Faktor ist meines Erachtens der freie Wille, mit dem wir uns über Gottes Gesetz stellen KÖNNEN und regelmäßig daran scheitern^^. Gefolgt von Unwissenheit, dennoch ausgestattet durch die permanente Anwesenheit des Geistes (wenn auch noch nicht körperlich durchleuchtend) mit Ge-Wissen und Intuition. Was und wie kann uns dann ein Licht aufgehen^^? Impuls - Erfahrung – Erkenntnis – Umsetzung – Entwicklung – mehr Licht bis zur Einheit, in der die Seele als Gefäß für den Geist im Körper dienen kann. In dieser Reihenfolge. Ich möchte es deswegen gerne auch anders formulieren. Es heißt, wir wären geistige Wesen in einem menschlichen Körper. Nun, für mich schaut es eher nach beseeltem Geisteswesen aus. Warum? Geist (Himmel) und Materie (Erde) formen die Seele und diese ist das individuell persönliche „Mittelstück“ in der Triade und somit Mittler zwischen Geist und Materie. Sozusagen das Persönlich-Individuelle, was in Unwissenheit nach unten (Erde) und mit zunehmender Ge-wissheit immer mehr nach oben ausgerichtet denkt, fühlt, redet, handelt, bis es völlig vom Licht durchleuchtet als Geistmensch hervorgeht. Selbstredend, dass alle 3 Aspekte göttlicher Substanz sind. Rein schwingungstechnisch geordnet in aufsteigender Reihenfolge nach Schwere/Dichte/Langsamkeit: Körper – Seele - Geist.
    Erkenntnis: Ich tendiere zu getrennter Sichtweise dieser Aspekte, die erst mit der Reife als Einheit funktionieren, aber vorher nur durch erst einmal nicht erkennbare, „unsichtbare“ Führung miteinander „kommunizieren“ und sich berühren.