Sehr nützliche Kapitel

Vernunftbegabt zu sein oder so zu werden, wie man von Natur aus war, ist vor der Erlangung der Reinheit und Unverdorbenheit unmöglich. Erstere nämlich wurde von der sinnlichen Haltung der Unvernunft, letztere von der Verdorbenheit des Fleisches in ihre Gewalt gebracht.

 

(Gregorios der Sinaite, "Sehr nützliche Kapitel", Kapitel 1)

 

Aufgabe:

 

Andersherum ausgedrückt: Die Erlangung der Reinheit und Unverdorbenheit ist Vorbedingung dafür, vernunftbegabt zu sein oder so zu werden, wie man von Natur aus war.

 

"Erlangung" ist als Prozess zu lesen. Nicht als erreichtes Endziel.

 

Ebenso werden wir im Prozess schrittweise vernunftbegabt(er) und werden ebenfalls schrittweise so, wie wir von Natur aus waren (sind). Hier ist von der göttlichen Wesensnatur die Rede, die wir ganz offenbarten, als wir noch nicht in die Trennungswelten eingetreten waren - und die wir als Potenz auch in den Trennungswelten haben, aber noch nicht (voll) offenbaren können.

Die Reinheit wurde von der sinnlichen Haltung der Unvernunft in ihre Gewalt gebracht. Das ließe sich hier genauer definieren...

Die Unverdorbenheit wurde hingegen von der Verdorbenheit des Fleisches in ihre Gewalt gebracht. Das ließe sich hier ebenfalls genauer definieren...

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Kommentare: 3
  • #1

    Ruth Finder (Samstag, 21 März 2020 21:27)

    Verzeiht mir: Meine Vernunft und mein "Fleisch" sind seit gestern von irgendwelchen Viren verdorben, deswegen nur ein paar Gedankenfetzen.^^

    Ich sehe hier drei Ebenen des Menschen - physische ("Fleisch" - Körper), psychische ("Sinnlichkeit" - Emotionen/Gefühle) und noetische ("Vernunft/Unvernuft" - Gedanken).

    Die Reinheit - göttliche Impulse/Intelligenz - fließt die ganze Zeit. Wir als "Kanal" könnten sie von "oben" (noetischer Bereich) bis ganz nach "unten" (physische/animalische Ebene) unverfälscht/unverdorben leiten.

    Unreine Gedanken/"Unvernuft" aber können meistens unreine Gefühle/Emotionen/"Sinne" hervorbringen. Und dementsprechend verdorben ist meistens unser Handel/das Resultat - also Tätigkeiten der festen Materie/ "des Fleisches".

    "Der Kanal" ist fast verstopft, stinkt - das Ego hat ihn in Beschlag^^ genommen. Es kann nichts Reines von oben nach unten gelangen und nichts Unverdorbenes rauskommen.

    Wie R.G. einmal geschrieben hatte: Weg-Arbeit ist, "den Kanal" frei zu putzen.

    Oder mit den Worten von Rabbi Sussja:

    Rabbi Sussja von Annipole kam auf seiner Wanderung eines Nachts in ein Dorf und kehrte in einer Schenke ein. Die Hausleute schliefen schon, nur ein Mädchen saß bei einem kleinen Lämpchen und besserte einen Pelz aus. Rabbi Sussja legte sich wie gewöhnlich neben dem Ofen. Bald hörte er, wie die Großmutter ihrem Enkelkind zurief: "Sarale, richte den Pelz, ehe das Lämpchen erlischt!"
    Rabbi Sussja griff an sein Haupt. "Ach, wie schön die Worte sind." Eine Erweckung kam über ihn. Er lief im Zimmer auf und ab und rief immer wieder: "Ach, wie schön die Worte sind: Richte den Pelz, ehe das Lämpchen erlischt..." Oft pflegte er sündhafte Leute mit diesem Ausspruch zur Umkehr und Buße zu ermahnen.

    Und noch was zu Reinheit von Rabbi Nachman:

    Alle Nöte des Menschen kommen aus ihm selbst, denn das Licht Gottes ergießt sich ewig über ihn, aber der Mensch macht sich durch sein allzu körperliches Leben einen Schatten, so dass das Licht Gottes nicht zu ihm gelangen kann.

  • #2

    Clemens (Sonntag, 22 März 2020 19:01)

    "Die Unverdorbenheit wurde hingegen von der Verdorbenheit des Fleisches in ihre Gewalt gebracht."

    Ich lese hier das Problem mit der animalischen Ebene heraus. Das "Fleisch" ist natürlich nicht grundsätzlich verdorben, aber wenn es das Basisregulativ ist, dann ist es durch seinen naturgegebenen Egoismus eben nicht die ideale Richtschnur für ein spirituelles Leben.

    Die Unverdorbenheit ist nicht Reinheit, sondern Unwissenheit bei der Erstinkarnation in den Trennungswelten. So gesehen wäre ein Verdorbener schon weiter zu denken, als ein Erstinkarnierter. Steil, aber er ist zumindest im Prozess schon weiter. Sagt aber andererseits auch nichts darüber, dass er "schneller durch" wäre. Wie schon häufiger angemerkt: Dies ist ja kein Wettrennen oder Vergleichsspiel.

  • #3

    Clemens (Montag, 23 März 2020 17:55)

    "Die Reinheit wurde von der sinnlichen Haltung der Unvernunft in ihre Gewalt gebracht."

    Bei der sinnlichen Haltung der Unvernunft muss ich an den Text "Der Schlund" von Bruder Silvio denken. Hier der Teil, an den ich denke:

    "Die Liebe ist ein Tod von erhabener Macht.
    Sie entkleidet den Sterbenden von seinem Selbst.
    Während die Massen sich klammern an Dinge,
    die nur die Sinne schauen,
    sucht sie sich, in aller Stille,
    die zur Freiheit geweihten."

    Die "Dinge, die nur die Sinne schauen" hindern die Reinheit an ihrem Rein-Sein, da die Unvernunft durch (unvernünftige ^^) Identifikation mit grober Form der Entwicklung Verwicklung entgegenstellt.