Nutzen für die Seele

Es ist nicht recht, wenn Menschen, die von Natur aus eher benachteiligt sind, an sich selbst verzweifeln, im gottliebenden und tugendhaften Lebenswandel leichtsinnig werden und ihn geringschätzen, als ob er für sie unerreichbar und unfassbar wäre. Vielmehr müssen sie sich in der Leistungsfähigkeit üben und sich um sich selbst kümmern. Denn selbst wenn sie nicht imstande sind, entsprechend ihrer Tugend im höchsten Maß ihr Heil zu erwerben, so werden sie doch durch Übung und Verlangen entweder besser oder zumindest nicht schlechter. Und dies ist kein geringer Nutzen für die Seele.

 

(Philokalie, Buch 1, Antonios der Große, "Über die Sittlichkeit des Menschen und den rechtschaffenen Lebenswandel in 170 Kapiteln", Kapitel 41)

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Kommentare: 3
  • #1

    Clemens (Montag, 09 März 2020 16:53)

    Die Philokalie weist (in der deutschen Übersetzung von 2004) im Vorwort zum Buch von Antonios selbst darauf hin, dass es sich wohl nicht um ein Werk von Antonios selbst handelt, sondern um ein christlich leicht überarbeitetes Werk eines Stoikers. Trotzdem oder gerade deswegen ein lesenswerter Text. Die Philokalie ist eindeutig ein Buch, dass nicht so leichthin durchgelesen werden kann. Ich bin weiter gespannt.

  • #2

    Ruth Finder (Dienstag, 10 März 2020 16:04)

    Der Richtigkeit dieses Gedankens ist nichts hinzufügen, aber ein wichtiges Weiterdenken - ein überaus tröstliches - wäre möglich (in Form einer chassidischen Geschichte):

    Der Vater von Rabbi Jizchak Eisik von Zydachow fragte seinen Sohn: "Wie verstehst du das Wort unserer Weisen: "Wer sich bei Nacht mit der Lehre befasst, zu dem zieht Gott bei Tag einen Faden der Gnade hin?" Wir stehen doch immer mitternachts auf und befassen uns mit der Lehre, und doch sind wir bei Tag in großer Not und Bedrängnis. Wo ist da der Faden der Gnade?"
    Der Rabbi antwortete: "Vater, dass wir dennoch, ohne der Bedrängnis zu achten, Mitternacht um Mitternacht aufstehen und uns mit der Lehre befassen, eben das ist der Faden der Gnade."

  • #3

    Clemens (Dienstag, 10 März 2020 16:46)

    "Antonios" könnte hier so verstanden werden, als gäbe es eine Reihe von Leuten, die höchste Tugend hätten und höchstes Heil erwerben würden. Das halte ich hier eher für eine Randerscheinung. Insofern wären wir alle angesprochen als die, die bei rechter Bemühung "zumindest nicht schlechter" werden müssten. Also nicht abschlaffen...