Parabel

Wäre schön, wenn ich den Text jetzt "Parabel-Parabel" nennen könnte, aber das ist wohl sprachlich nicht korrekt. Eher müsste er dann "Parabel-Gleichnis" heißen. Nun denn:

Auf dem Bild sehen wir verschiedene Parabeln. Stärker gekrümmte und weniger stark gekrümmte. Nach oben und nach unten offene Parabeln. Die können wir für eine Überlegung heranziehen.

Beginnen wir mit der nach unten offenen, grünen a=-2-Parabel.

Menschen neigen, wie wir wissen, zu einer in der Regel recht krassen dualistischen Sichtweise. Immer oder nie, ganz oder gar nicht... Eine die Extreme vereinende Schau, eine ausgewogen mittige Position - das fällt uns nicht leicht. Das ist ganz gut durch die untenoffene, grüne Parabel dargestellt, wenn wir uns vorstellen, dass wir eine gedachte Kugel irgendwo auf der oberen Seite der Parabel auflegen. Die Parabel müssten wir uns dazu vielleicht noch besser als parabelförmig gebogenes Blech vorstellen. Eine auf dem Kopf stehende Rinne.

Legen wir die Kugel ein wenig links von der Mitte hin, wird sie sofort ganz nach unten rollen. Rechts passiert das gleiche nach rechts. Und selbst, wenn wir eine ausgewogene Mittelstellung hinzukriegen versuchen, wird sie sofort ganz nach links oder nach rechts rollen - und dies umso schneller, je steiler die Parabel ist. Grün ist am steilsten, daher geht es auch am schnellsten.

Wir können die Parabel einmal sozusagen als Grundhaltung sehen oder wir können uns vorstellen, dass unsere Grundhaltung aus einer Summe vor Parabeln besteht, die jeweils einzelne Aspekte unserer subjektiven Lebensrealität betreffen. Unsere Haltung zu Walfang, Raumfahrt, vorehelichem Sex, Knoblauch, Flüchtlingen, Politikerdiäten, Spiritualität, Gummibärchen, Ölindustrie... Ahnung haben vielleicht nicht so viele, Meinung hat jeder. Und die ist in der Regel eben einseitig hundertprozentig. Oft besonders da, wo wir besonders wenig wissen.

Nun kann man einerseits am Wissen bezüglich einzelner Punkte herumschrauben. Man kann sich informieren, belehren lassen usw. Da geschieht dann möglicherweise das, was wir auch aus der Wissenschaft kennen: Eine Erkenntnis bewirkt hundert neue Fragen, die wir vorher gar nicht hatten/ haben konnten.

Nichts also gegen Wissensausbau, aber es ist sicher schwieriger, unendlich viele denkbare Einzelaspekte abzuklären, als unsere Herangehenshaltung zu modifizieren. Weg von einer dualen, hin zu einer polaren Haltung, die die Polextreme nicht als Normalzustand begreift, sondern im Gegenteil als seltene Ausnahmen. Erwachsene Menschen sind im Schnitt 165 cm groß, auch wenn es welche gibt, die 50 cm groß sind - oder 245 cm.

Wenn wir unsere Haltung durch spirituelle Praxis schrittweise modifizieren - die untenoffene Parabel immer weniger steil werden lassen - dann wird die gedachte Kugel auch immer weniger schnell zu den Extremen rollen. Sie wird es aber doch noch die ganze Zeit tun. Solange, bis die Parabel schließlich keine mehr ist, sondern nur noch eine waagerechte Linie. Aber schon vorher können wir die Kugel mit bewusster Aufmerksamkeit leichter und leichter auf der immer weniger steilen Außenseite der Parabel halten, da der (nennen wir es) "Falldruck" der Kugel immer geringer wird. Wir können besser und besser realistischere Positionen innerhalb eines polaren Spektrums einnehmen. Lässt allerdings die Aufmerksamkeit nach, neigt die Kugel immer noch zum Fall in die Extreme.

Erst mit der Waagerechten gelangen wir an einen Umschlagpunkt. Die Parabel beginnt, sich an den Rändern zu heben, wird obenoffen. Und damit wird der Mittelpunkt der Parabel zum natürlichen Ruhepunkt der Kugel. Je weiter wir die die Parabel steiler werden lassen, desto mehr drängt die Kugel zur Mitte, zur ausgewogenen Haltung.

Der Buddha soll gesagt haben, dass wir nicht lieben, nicht hassen und nicht gleichgültig sein sollen. Er meinte damit möglicherweise diesen natürlich ruhenden Mittelpunkt, der im Einzelfall keineswegs Indifferenz bedeutet. Er ist im Bild der obenoffenen Parabel eine zu den Extremen offene Grundhaltung, in der möglicherweise vorkommende Abweichungen (L. sagt: "Wir alle sind Schüler!") praktisch von selbst wieder zur Mitte hin ausgeglichen werden.

 

Interessant für weitere Überlegungen scheinen mir hier zwei Momente der Entwicklung. Einmal die Waagerechte. Kann man diesen Zusand näher definieren? Oder nur hinspüren? Ist er von gewisser Dauer? Millisekundenkurz?

 

Der zweite Punkt wäre die obenoffene Parabel, die zuletzt so steil wird, dass sie sich abschließend zur senkrechten Linie wandelt. Da steckt noch was drin.

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Kommentare: 1
  • #1

    Clemens (Freitag, 06 März 2020 18:26)

    Die waagerechte Linie kann auf Einzelindividuen bezogen als Moment der Erstinkarnation gedeutet werden.

    Die senkrechte Linie, die aus der obenoffenen Parabel mit dem Wert a=unendlich wird, wäre als Gott in den Trennungswelten (und darüber hinaus) zu sehen.

    Schaut man auf die untenoffenen Parabeln, dann könnte man die aus a=minus unendlich entstehende Linie als Jaldabaoth deuten. Da wäre dann die Wandlung durch alle Werte von minus unendlich bis unendlich die Verwandlung von Jaldabaoth in Sabaoth - und praktisch unsere Aufgabe.

    Man könnte aber auch davon abweichend sagen, dass Sabaoth der waagerechten Linie entspricht, mit der er völlig gleichwertig, neutral und unentschieden jede Punkt jedes Spektrums darstellt. Da wäre dann die obere Senkrechte wieder der jenseitige Gott, der von Sabaoth gänzlich frei sich selbst gegenüber in den Trennungswelten offenbart würde.