Ein böser Junge 2

Eine etwas andere Richtung, die aber in die gleiche bescheuerte Kerbe schlägt.
Letztendlich steckt wohl eher ein wirtschaftliches Konzept hinter diesen ganzen Quatsch. Ein
systemisches Konzept der Ökonomisierung.
Gerne werden moralische oder ethische Gründe für neue Begriffe bzw. Bezeichnungen für
Handlungen, Maßnahmen oder Menschen gesucht und gefunden. Aus Patienten werden Klienten,
aus Klienten werden Bewohner, aus Bewohnern werden Kunden.
Patient ist fast schon ein Schimpfwort geworden, bedeutet es doch so etwas wie „der Leidende“.
Durch Wirtschaftsinteressen werden die Räume immer kleiner, in denen emotionale Bindungen
entstehen könnten. Das ganze kaschiert man dann durch trendige neue Begriffe und effizientere
Konzepte, die eine moralisch orientierte Differenzierung suggerieren.


Im Zuge der Inklusion kann der Bewohner, mein „Kunde“, sich fast ausschließlich von Müllermilch,
Süßis und Weißbrot ernähren. Ein daraus resultierender, rasanter Verfall, wird mit Ohnmacht und
erhöhten Pflegebedarf auf der einen Seite und vorprogrammierten Leid auf der anderen bezahlt.
Und natürlich Medikamente ohne Ende. Teils auf beiden Seiten.
Eine „scheinbare“, gewollte Mündigkeit des Menschen, der hinter dieser Bezeichnung steht, wird
nur vorgegaukelt.


Daraus entwickeln sich kuriose Situationen. Menschen mit Intelligenzminderung sollen in
Begleitung wählen gehen bzw. per Briefwahl wählen und ihre eigene Bankomatkarte bekommen,
ihr Essensgeld wird auf das eigene Konto überwiesen, was dann mit erheblichen Aufwand
zurücküberwiesen werden muss. Und wählen? Die meisten würden mich wählen, wenn ich denn
gewählt werden wollte. ^^
Und warum das alles? Weil es nun Kunden zu betreuen gilt. „The customer is king!“
Der Bewohner wird so quasi zu meinem Chef und mein Chefkollege wird zum Koordinator.


Positiv gedacht sind es vielleicht die ersten Gehversuche zu einem gleichberechtigten und freieren
Lebenskonzept?! Inklusionsprozesse und differenziertere Begriffe, die einer bewussteren
Geisteshaltung vorauseilen!? Ein schöner und frommer Gedanke.
Nicht, das ich etwas gegen Inklusion oder eine differenzierten Haltung und Benennung der Dinge
habe, aber die kuriosen Blüten, die das ganze treibt, haben etwas von Schildbürgertum.
Diese eigentlichen guten Ansätze sind durch Wirtschaftsinteressen verwässert, wenn nicht
korrumpiert.


Scheint ein elementarer Teil von Weg-Arbeit zu sein, denn Alternativen oder gar Lösungen sind
nicht in Sicht. Klar, wo man etwas tun kann, sollte man es auch tun. Aber der wesentlichere Teil von Veränderung liegt ganz woanders. Ein Fakt, den ich immer noch zu lernen habe. Ganz klar.
Um innerhalb des Systems (Matrix) systemfreier zu werden, muss oder sollte man von sich selbst
frei(er) werden.
„Er mueß aufgeen, i verglüe'n.“ ^^
Damit verändert sich dann auch das System!


Zum Glück ist der eigene Weg endlos, während der Weg des Systems endlich ist.
Wüsste auch nicht, wer das Rennen machen würde, wenn beides endlos wäre.

 

(Simon Steiner)

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