Einige Überlegungen zum Begriff Sekte

Ursprüngliche Bedeutung des Begriffes ist Schulrichtung, Sonderlehre, auch Abspaltung - wobei letztere Bedeutung ja für uns schon negativ klingt (warum eigentlich?). Heute wird "Sekte" dagegen nur noch abwertend benutzt, wenn von religiös/spirituellen Gruppen gesprochen wird. Auch wir mussten uns das ja schon ausgesprochen und unausgesprochen nachsagen lassen. Grund dafür: Der Wunsch abzuqualifizieren und/oder zu verletzen.

 

Gegenteil zur Sekte ist heute vielleicht "Kirche". Genauer geschaut war jedoch das Christentum ursprünglich eine jüdische Sekte. Der Buddhismus eine im weiteren Sinne hinduistische. Das Christentum erlebte selbst diverse Spaltungen. Am gravierendsten waren die Trennung von lateinischer und griechischer Kirche im Jahre 1054 und die Reformation ab 1517. Wer blieb Kirche? Wer war Sekte?

 

Man kann wohl sagen: Kirche ist immer der eigene Verein - Sekte der andere!

 

Wir wissen, dass so etwas wie die Vorstellung, dass die einen die Guten seien und die anderen die Bösen, in einer Welt der hauptsächlich grauen Abstufungen (nicht der Extreme) gar nicht funktioniert. Vor allem, wenn wir daran denken, dass sich brutalste Glaubenskriege schon daran entzünden können, dass die eine Gruppe kniend betet und die andere sitzend (fiktives Beispiel).

 

Statt Begriffe wir Kirche oder Sekte zu verwenden, ist es vielleicht besser von "förderlichen Gruppierungen" und "nicht förderlichen Gruppierungen" zu sprechen.

 

Als "förderlich" würden wir "spirituell förderlich" verstehen. Religiöse Gruppen können teils förderlich, teils nicht förderlich sein. Spirituell orientierte im Grunde ebenso. Daneben wird wahrscheinlich fast keine Gruppe für alle förderlich sein können - vielleicht noch am ehesten verborgene Gruppen der ESG. Die sind aber ja auch verborgen, also denen, für die sie nicht förderlich sind (bzw. denen sie nicht förderlich erscheinen würden), nicht zugänglich.

 

In der Wikipedia sind einige Merkmale von "Sekten" aufgelistet. Da steht beispielsweise:

 

- Einschränkungen der Meinungsfreiheit von Gruppenmitgliedern
- Einschränkungen der Bewegungsfreiheit von Gruppenmitgliedern
- wirtschaftliche Ausbeutung der Mitglieder durch lange Arbeitszeiten und minimales Gehalt
- sexuelle Ausbeutung oder Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Gruppenmitglieder (Clemens: Ich würde bei den Missbrauchten immer auch Erwachsene einschließen, wenn es da auch schwerer zu belegen wäre, da ja Mündigkeit zumindest nominell vorliegt.)
- Menschenrechtsverletzungen durch gruppeninterne, gerichtsähnliche Verfahren
- Personenkulte um die Anführer der betreffenden Gruppe
- Familienkonflikte, insbesondere wenn ein Elternteil oder Kinder die Gruppe verlassen haben oder wollen
- Behinderung von Kindern beim Zugang zu Ausbildung, ärztlicher Versorgung und Familienangehörigen außerhalb der Gruppe

 

Also meines Wissens trifft davon kein einziges Merkmal auf uns zu.

 

Letzter Aspekt der Überlegungen: Bei den Begriffen Sekte und Kirche ist durchaus anzunehmen, dass beide förderlich oder nicht förderlich sein können. Beide können auch in graduellen Verteilungen sowohl förderliche Aspekte als auch nicht förderliche Aspekte haben.

 

Beide können auch in Teilbereichen förderlich oder nicht förderlich sein. Das ist etwas anderes, als das Erstgenannte. Ich meine, dass beispielsweise eine Gesamtorganisation durchaus förderlich sein kann, eine lokale oder regionale Gruppe der Gesamtorganisation aber in den Händen von nicht förderlichen Einzelpersonen oder Leuten. Genauso wäre es umgekehrt mit einer nicht förderlichen Gesamtorganisation. Das gilt für Organisationen aller Größen (also für Sekten und Kirchen)!

 

Kurz: Wir müssen die Gruppe, in der wir uns engagieren, selbst auf Förderlichkeit prüfen. Das ist aber auch nicht ganz leicht, weil wir eben unseren ganzen eigenen Müll dabeihaben. Schnell werden Umstände, die der AP nicht passen, als nicht förderlich eingestuft (oder als förderlich, weil sie der AP passen). Auch können wir Dinge hinnehmen, obwohl sie uns nicht förderlich erscheinen, weil wir uns sagen, dass es nur die sich sträubende AP sei, die widerständig sei.

 

Insofern kann man mit der Wikiliste oben schon eine zusätzliche Objektivierung vornehmen. Auch eine Selbstverpflichtung zum Wirken innerhalb der eigenen Gruppe. Die Liste kann zudem sicher ergänzt werden. Beispielsweise um den Punkt, ob solche Überlegungen innerhalb der Gruppe gewünscht werden oder nicht. Ob die Gruppe die Diskussion darüber aushält. Wie mit Kritik umgegangen wird. Wie mit Nachfragen umgegangen wird.

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Kommentare: 1
  • #1

    TvB (Sonntag, 02 Februar 2020 15:10)

    Auch Religionen bzw. religiöse Systeme lassen sich bezüglich ihrer Qualität mit Hilfe der drei Säulen messen.