Eine Hommage an die Achtsamkeit

Wir alle verfügen über die geistige Fähigkeit der Achtsamkeit.

Bei ganz alltäglichen Handlungen sind wir automatisch achtsam. Wir müssen zum Beispiel achtsam sein, wenn wir eine Zwiebel schneiden, um uns dabei nicht zu verletzen. Das nennen wir die alltägliche Achtsamkeit.

Bei der spirituellen Achtsamkeit gehen wir einen Schritt weiter. Dann beginnen wir, die Zwiebel wirklich bewusst zu schneiden, und lassen alle Gedanken und Konzepte, mit denen wir uns gewöhnlich neben Routinehandlungen beschäftigen, fallen. In diesem Moment wird das Schneiden der Zwiebel zur wichtigsten Sache.

Achtsamkeit ist ungeteilte Aufmerksamkeit.

Dabei geht es nicht mehr darum, was wir tun, sondern eher darum, wie wir es tun. Es ist die Fähigkeit, genau hinzuschauen und bewusst, mit Respekt und voller Würde, elegant, leicht und entspannt zu handeln. Ob wir ein Brot schmieren, etwas unterschreiben, telefonieren oder uns die Zähne putzen. Achtsamkeit ist eine Lebenskunst. So betrachtet bekommt die Übung Schönheit. Wenn wir Glücksmomente bei einem Sonnenuntergang oder bei einer köstlichen Mahlzeit erleben, so ist es weder der Sonnenuntergang noch die sind es die Speisen, die uns das Glück bescheren, sodern es ist die Art und Weise unserer Aufmerksamkeit. Der Grad unserer Aufmerksamkeit und die Möglichkeit, diese beständig aufrechtzuerhalten, sind Ursache für unser Glücksempfinden.

Wir erfahren mit der Achtsamkeitspraxis, dass wir häufig Glück, Zufriedenheit und Gelassenheit erleben können. Dazu müssen wir jedoch unsere Tendenz zur ständigen Beurteilung überwinden. Den Zustand stabiler Gegenwärtigkeit nennen wir auch urteilsfreies Gewahrsein.

Achtsamkeit beendet unsere geistige Zerstreutheit. Wir können sogar lesen, ohne zu lesen. Aus dieser Trance können wir erwachen.

Achtsamkeit ist immer dann vorhanden, wenn wir Momente des bewussten Gegenwärtigseins erleben. Wenn wir achtsam sind, dann erleben wir alles intensiver und inmittelbar. Damit verlassen wir die Ebene, auf der wir in Gedanken bereits in der Zukunft oder noch in der Vergangenheit beschäftigt sind. Wir leben im Grunde häufig an der Realität vorbei. Nicht gegenwärtig fühlen wir uns verloren, getrennt und schnell verwirrt. Bewusst zu leben bedeutet, den gegenwärtigen Moment zu erleben.

Achtsamkeit ist keine Anstrengung. Im Gegenteil, es ist ein Sich-hinein-Entspannen, ein Sich-Loslassen in den Augenblick, es geht um Weichheit statt um Druck.

So ist die Achtsamkeit immer mit der freundlichen Aufforderung verbunden, ins Hier und Jetzt zurückzukehren. Was ist Jetzt? Und dann der nächste Augenblick ... und der nächste ... Klares Bewusstsein und reines Gegenwärtigsein kommen hier zusammen. Jede Tageszeit kann zu einem solchen Moment werden, jeder Augenblick, in dem wir atmen.

Ein achtsames Leben zu führen bedeutet, das persönliche Leben bewusst wahrzunehmen.

Oftmals bringt uns ein plötzliches Geschehen in den Augenblick, in das Gegenwärtigsein, in die Präsenz, zum Beispiel eine unliebsame oder auch liebsame Überraschung. Vielleicht halten wir die Intensität dieses Augenblicks nicht aus, weil wir es nicht gewohnt sind, so inmittelbar mit dem Erleben verbunden zu sein. Stattdessen sind wir meistens ein wenig auf der Flucht, und damit vermeiden wir den direkten Kontakt mit der Wirklichkeit.

Achtsamkeit führt nicht nur zu Präsenz und ist nicht nur eine Qualität, die unseren Alltag bereichert, sondern sie bildet vor allem eine Grundlage für die Möglichkeit tiefer Einsicht in die körperlich-geistigen Phänomene.

Einsicht entsteht durch die spirituelle Praxis, und die Achtsamkeit ist die Voraussetzung dafür,  praktizieren zu können. Wenn wir Achtsamkeit einüben, festigen wir gleichzeitig unseren Gleichmut. Was auch immer geschieht, können wenige Augenblicke der Achtsamkeit uns wieder ins Gleichgewicht bringen. Dieses Etwas bleibt zwar, aber es bekommt eine andere Färbung, da wir nicht gänzlich diesem verhaftet sind. Vielmehr sind wir inmitten unseres Seins fest verankert. Diese Erfahrung wiederum bringt Vertrauen in unseren Geist und damit Leichtigkeit und Freude.

(Ruth Finder zitiert aus "Segeln im Sturm" von Sylvia Kolk)

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