Über das Annehmen

Einfache Übung - schwer zu meistern.

Wer von uns kennt nicht diesen Widerstand gegen das, was gerade ist, und das Herbeiwünschen dessen, was gerade nicht ist?

Ablehnende Bewusstseinszustände können sich zum Beispiel in Form von Widerstand, Kritik, Verurteilung, Vergleich oder Ausgrenzung zeigen.

Erfahren wir Schmerz, wünschen wir uns, dass der Schmerz verschwindet. Sitzen wir im Zug, wollen wir schon angekommen sein. Leben wir in einer festen Partnerschaft, fühlen wir uns eingeengt. Leben wir allein, fühlen wir uns einsam. Werden wir morgens wach, wollen wir nicht aufstehen, und abends sitzen wir vor dem Fernseher und wollen nicht ins Bett. Das, was jetzt ist, wollen wir nicht, und so begehren wir genau das, was nicht vorhanden ist.

Im Laufe unserer Entwicklung, versuchen wir auf viele Arten, diese Verkrampfungen und unangenhmen Gefühle loszuwerden. Manchmal gelingt es uns sogar, aber nie dauerhaft. Dann denken wir, dass irgendjemand, den wir mit der frustrierenden Erfahrung verbinden, schuld an unseren unangenehmen Gefühlen sei, und beginnen diesen Menschen abzulehnen und zu bekämpfen. Damit schüren wir jedoch lediglich die Gefühle des Getrenntseins, des Misstrauens sowie der Angst.

Wie können wir uns aus diesem Dilemma befreien? Indem wir spirituelle Praxis anwenden, dadurch zu einer umfassenden Sicht gelangen, die uns zurückbringt zu uns selbst und zu unserer Intention, das Heilsame zu fördern. Das wiederum hat unmittelbare Wirkung auf unser Vertrauen zu uns selbst und, dass wir nicht darauf warten müssen, dass andere was tun.

Mit dem Annehmen was ist, lassen wir von der verbissenen Abwehr und der Vorstellung los, mit unangenehmen Empfindungen nicht zurechtkommen zu können. Sie sind nun einmal da, und sie wegzuwünschen, bewirkt das Gegenteil. Es entsteht noch mehr Druck. Annehmen bedeutet hier ein Einlassen in den Befreiungsprozess hineien - ohne Vorstellung.

Im Grunde ist die Übung darin unkompliziert. Und sie bezieht sich auf alle auftretenden Gedanken, köperliche Empfindungen, Gefühle und Bewusstseinszustände.

Sie lautet in Kurzform: innehalten - erkennen - benennen - annehmen

Erkennen meint hier, wahrzunehmen, ohne sofort zu reagieren. Ist das möglich, so haben wir den ersten Schritt zur Freiheit vom Leiden getan.

Das bedeutet jedoch nicht, alles gutzuheißen, was und wie es ist, in Fatalismus abzudriften oder schlechte Gewohnheiten zu entschuldigen. Manchmal müssen wir spontan handeln und in einer Situation eingreifen, um Unheil zu verhindern oder Schaden zu begrenzen. Geht es jedoch um schwierige Bewusstseinszustände und Lebenserfahrungen, die unvermeidbar sind, dann kommt diese kraftvolle Übung des Annehmens zur Geltung. Diese lehrt uns, dass es nicht darum geht, angenehme Gefühle zu haben, sondern Freiheit zu erfahren.

Die Übung ist täuschend einfach. Wir werden erfahren müssen, dass es nicht so leicht ist, uns immer wieder an sie zu erinnern und sie auch zu meistern. Daher brauchen wir geduldige Nachsicht und Durchhaltevermögen.

Auf dem spirituellen Weg lautet die zentrale Übung, wahrnehmen zu lernen, ohne das Wahrgenommene korrigieren oder beurteilen zu müssen.

Um zum Beispiel einen Schmerz unmittelbar wahrnehmenzu können, brauchen wir Achtsamkeit. Sie beurteilt nicht, was wahrgenommen wird, und hofft auch nicht, dass der Schmerz durch diese sanfte Aufmerksamkeit verschwindet. Sondern voller Interesse nimmt Achtsamkeit diesen Prozess des aufkommenden oder sich veränderten Schmerzes und geistigen Reaktion wahr. Und erst einmal wird uns bewusst, wie sehr wir uns im Widerstand verfangen haben. Wir erfahren bewusst, wie der ablehnende Geist sich durchsetzt und der begehrende Geist wirkt.

Es ist ein Training von frühmorgens bis spätabends. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Bewusstsein im reinen Gewahrsein ruht, durchleben wir eine intensive Phase der Selbsterkenntnis. In diesem Prozess erkennen wir unsere persönlichen Muster.

Bei der Bewältigung dieser Strecke hilft uns eine hohe Frustrationstoleranz. Denn sie verhindert, dass wir gleich ins Fantasieland der Erleuchtung oder in die Folterkammer der Selbstabwertung abschwirren. Über viele Jahre des Praktizierens hinweg erkennen wir, wie sehr sich unser Denken und Handeln um Ablehnung und Begehren dreht. Auf die Art sind wir nie gegewärtig, denn selten ist es gut so, wie es ist. Im Laufe unserer Praxis werden wir immer klarer erfassen, wie sehr wir unter dieser Haltung der Ablehnung und des Begehrens leiden.

Wir berühren diese Erkenntnis mit dem Herzen. Genau das wird uns auf tiefe Weise wandeln. Es handelt sich weniger um ein verstandesmäßiges Wissen als vielmehr um ein intuitives Erkennen.

(Ruth Finder zitiert und überarbeitet aus "Segeln im Sturm" von Sylvia Kolk)

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Kommentare: 1
  • #1

    Clemens (Dienstag, 21 Januar 2020)

    Erkennen, benennen, annehmen WO auf dem Weg wir uns befinden. Ohne das gibt es keinen AUSGANGSPUNKT.