Apophthegmata Patrum 809

Ein Bruder sagte zum Abbas Sisoes: "Wie kommt es, dass die Leidenschaften nicht von mir weichen?"

 

Der Greis sprach zu ihm: "Ihr Werkzeug ist in dir - gib ihnen ihr Pfand, und sie ziehen ab."

 

(Werkzeug? Pfand?)

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Kommentare: 5
  • #1

    R.G. (Sonntag, 17 November 2019 09:49)

    Ich find es knifflig und habe lange gebraucht für einen Ansatz.
    Im wictionary bin ich auf etwas Interessantes gestoßen. Dort steht, dass Pfand vom mittelhochdeutschen "pfant" und vermutlich auch aus dem lateinischen "pondus" (pendere=wägen) kommt. Was außer "Gewicht" auch "Gleichgewicht" bedeutet. Pfand als "Gegengewicht".
    Dann könnte man das Werkzeug als Ungleichgewicht in uns deuten und das Pfand als Gegengewicht, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Also nicht brachial ausmerzen und Krieg führen gegen unsere Leidenschaften, sondern gute und heilsame Eigenschaften (Tugenden) als Gegengewicht ausbilden und stärken.

  • #2

    R.G. (Sonntag, 17 November 2019 11:12)

    In der Praxis würde es bedeuten, dass wir statt andauernd über "Lösungen" brüten und somit das Ganze nur weiter befeuern, uns mehr mit dem beschäftigen, was heilsam ist.

  • #3

    Ruth Finder (Sonntag, 17 November 2019 12:10)

    Den Ansatz von R.G. beschreibt auch folgende Geschichte:

    Ein junger Mann gab dem Riziner ein Bittzettel, auf dem stand, Gott möge ihm beistehen, damit es ihm gelinge, die bösen Triebe zu brechen.
    Der Rabbi sah ihn lachend an: "Triebe willst du brechen? Rücken und Lenden wirst du brechen, und einen Trieb wirst du nicht brechen. Aber bete, lerne, arbeite im Ernst, dann wird das Böse an deinen Trieb von selbst verschwinden."

    Mein Ansatz ist dieser:

    Eine Leidenschaft ist eine Eigenschaft, die Leiden schafft. Und ihre Werkzeuge sind in uns: Es sind die der jeweiligen Leidenschaft spezifischen (aber auch allgemeinen) Gedanken, Gefühle, Emotionen, Vorstellungen, Erwartungen, Fantasien - das ganze Paket unheilvollen engmaschigen Verhaltens und Handeln, welches wir als Freiheit zu tun und zu lassen, was wir wollen, missverstehen.

    Diese VERMEINTLICHE Freiheit ist aber nichts anderes als KONTROLLE des Egos über uns - sie also ist der Pfand der Leidenschaften für die wir die wahre Freiheit - die Kontrolle des HS - (ab)gegeben haben.

    Wenn wir nach und nach loslassen - die Kontrolle/ das Paket der AP, an der/dem wir uns festhalten, abgeben, dann erlangen wir sukzessiv die Freiheit, aus der Perspektive des HS zu leben.

  • #4

    Simon (Sonntag, 17 November 2019 14:34)

    Das Werkzeug verstehe ich hier als AP.

    Der Pfand könnte auch die Verantwortung sein, die wir übernehmen.
    Die Erkenntnis bzw. Einsicht von Herkunft, Entstehung und der Beständigkeit von Leidenschaften wird dadurch gefördert.
    Die Vitalisierung jeglicher Leidenschaft geschieht in Eigenregie.
    Auch, wenn es (vermeintlich ^^) äußere Impulse sind.

  • #5

    Simon (Sonntag, 17 November 2019 14:35)

    Der Superlativ von (Leiden)schaft ist vielleicht Hingebung? ^^