Apophthegmata Patrum 638

Ein Bruder fragte den Altvater Poimen: "Ist es recht, den Fall eines Mitbruders, den ich sehe, zu bedecken?"

 

Der Altvater sagte: "Zu der Stunde, in der wir den Fehler unseres Bruders zudecken, deckt Gott auch den unseren zu. Und in der Stunde, in der wir den des Bruders aufdecken, offenbart Gott auch den unseren."

 

Hier ist das offensichtlich naheliegende Verständnis möglicherweise nicht richtig. Ein zugedeckter Fehler hat etwas von Co-Abhängigkeit. Und macht auch noch blind für den eigenen Fehler ("Gott" deckt ihn zu - vielleicht besser, die, von Gott zugrundegelegte, Prozessmechanik deckt ihn zu).

 

Dagegen ist das Aufdecken es Bruderfehlers dem Beschreiter des Pfades der bewussten Entwicklung immer ein Hinweis auf eigene Fehler, die dann ohne Karmaprozess bearbeitet werden können.

 

Aufdecken des Bruderfehlers heißt ja übrigens auch nicht, es auf der Straße herausschreien. Es kann bedeuten, dass man den Fehler dem Bruder zu seinem Heil aufdeckt - wenn er das an sich heranlassen mag. Oder auch nur, den Fehler des Bruder vor sich selbst aufdecken, ihn nicht länger beschönigen, und dann eben wie gesagt als hilfreichen Hinweis für sich selbst sehen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Ruth Finder (Samstag, 02 November 2019 14:05)

    Eine stimmige Erklärung!

    Folgende Geschichte schlägt in die gleiche Kerbe:

    Einmal sprach Rabbi Jehuda Zwi von Rozdol: "Hat einer einen Fehler gemacht und danach bereut er diesen Fehler mit all seiner Kraft und macht es wiedergut, hat Gott diesen vergessen. Aber die leichthin abgestreiften Fehler sind bei ihm verwahrt."