Apophthegmata Patrum 580

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Kommentare: 5
  • #1

    Clemens (Samstag, 26 Oktober 2019 18:56)

    Das Bild mit dem Toten ist vielleicht nicht sooo offensichtlich. Ich musste jedenfalls eine Weile grübeln. Ideen?

  • #2

    R.G. (Samstag, 26 Oktober 2019 20:00)

    Das eigene Leid, den eigenen Schmerz "liegen zu lassen" und stattdessen voller Mitgefühl für den Schmerz des anderen zu sein.
    Dieses Mitgefühl schließt ein Verurteilen aus, trennt nicht sondern bleibt verbunden.

  • #3

    Ruth Finder (Sonntag, 27 Oktober 2019 13:23)

    Ich habe bei dem "Toten-Satz" in ganz andere Richtung gedacht. Aber die letztendliche Erkenntnis auch aus dieser Richtung wäre das Lassen von Ver-/Vor-Urteilen und Kultivierung von Demut, Verständnis, Mitgefühl. Das deckt sich mit der Erklärung von R.G.

    Ich schreibe den Satz von Vater Poimen auf den "gefallenen" Bruder und Einsiedler bezogen (wahrscheinlich gibt es andere - "versteckte" - Deutungslinien) folgendermaßen um:

    Jeder hat (s)eine "Leiche" im Keller: Statt die "Leichenschau" bei den anderen zu betreiben, sollte man lieber bei sich in den Keller schauen und aufräumen. Und ich schlage weiter eine Brücke zu der Mahnung: "Wer ohne Schuld ist..."

  • #4

    Simon (Sonntag, 27 Oktober 2019 13:36)

    Mein erster Gedanke dazu war der Interpretation von R.G. sehr ähnlich. Also versuche ich es noch mal anders.

    „Zwei Menschen waren an einem Orte“: Spirituelle Ebene

    „und beide hatten einen Toten“: AP

    „der eine ließ aber seinen Toten liegen“: Erkennen der polaren Welt, Erkenntnis von illusorischen Identifikatoren mit der AP.

    „ging fort“: Zugang zum HS

    „und beweinte den des anderen“: Mitgefühl den Menschen gegenüber, die in ihrer Ich -identifikation sich selbst Schmerz zufügen und leiden.

  • #5

    Clemens (Montag, 28 Oktober 2019 12:24)

    "Zwei Menschen waren an einem Ort und beide hatten einen Toten. Der eine ließ aber seinen Toten liegen, ging fort und beweinte den des anderen."

    Ich habe mir besonders über die Frage Gedanken gemacht, wer denn in dieser Geschichte die Personen und die Toten sind, und wie sie in dem kurzen Textabschnitt oben unterzubringen wären. Es gibt eine Reihe von Variationen. Mir persönlich gefällt diese am besten.

    Die zwei "Menschen an einem Ort" sind der (Kloster-)Bruder, der im Koinobion "zu Fall kam" (Hat er ein Stück Brot zuviel gegessen? Ein paar Münzen besessen? Ist er bei der Nachtwache eingeschlafen?) und der Abt, der am Fall des Bruders Anstoß nahm. Und die Toten waren - im Sinne von "die Sünde tötet, die Sünde ist der Tod" - AUCH diese beiden. Einer jeweils der Tote des anderen.

    Die Sünde des Bruders ist, wenn auch ungenannt, offensichtlich. Die des Abtes ist auch ungenannt, aber ebenfalls erkennbar: er hat eine gnadenlose Haltung seinem Bruder gegenüber eingenommen. Für einen Mann in solch verantwortlicher Position nicht hinnehmbar - sollte er doch Seelenführer sein und nicht Seelenrichter.

    Und der rätselhafte Satz "Der eine ließ aber seinen Toten liegen, ging fort und beweinte den des anderen."? Gemeint ist wieder der Abt. Er ging zu dem Eremiten und beklagte sich. Und zwar wohl weniger über "seinen Toten", den Bruder, der gefallen war, als über "den Toten des anderen" (des Bruders) - nämlich sich selbst: "Oh, diese Schande, dass sowas in meinem Kloster passieren konnte, was sagen jetzt die anderen" etc.

    Und so ist auch der Satz des Eremiten bei Poimen verständlich. Poimen hat dem Eremiten die Augen darüber geöffnet, dass er sich der gleichen Gnadenlosigkeit schuldig gemacht hat, mit der sich auch der Abt in einen Toten verwandelt hat. Mehr noch, er hat dem Abt sogar selbst den Rat gegeben, den Bruder aus dem Kloster zu jagen.

    Der Eremit hat mit sehr irdischem Maßstab gemessen. Poimen aber mit einem Blickwinkel von oben vom Himmel (denn ER hat den Bruder bei SICH aufgenommen).