Onkel Cioran V

So... ich habe jetzt das letzte Kapitel aus Ciorans Büchlein durchgestöbert. Das Kapitel heißt "Martyrium der Luzidität". Das lässt ja einiges erwarten: Wie auch immer: Beenden wir damit einstweilen den Exkurs durch C.s Aphorismenwelt.

 

"Die guten Eigenschaften eines Neophyten werden unter der Einwirkung der neuen Überzeugungen hervorgehoben und vertieft. Das weiß er genau, nicht aber, dass seine Mängel im gleichen Verhältnis zunehmen. Daraus leiten sich seine Hirngespinste und sein Hochmut ab."

 

"Von allen enttäuscht, muss man es schließlich von sich selbst sein, es sei denn, man hat damit angefangen."

 

"Jeder klammert sich, wie er nur kann, an seinen Unstern."

 

"Wie habe ich mich nur einen Augenblick lang mit dem abfinden können, was nicht ewig ist? Dennoch passiert es mir, zum Beispiel, sogar in diesem Augenblick."

 

"Auf einem brandigen Planeten sollte man es unterlassen, Pläne zu schmieden, aber man macht immer welche, da der Optimismus, wie bekannt, eine Schrulle von Sterbenden ist."

 

"Je mehr man im Alter voranschreitet, um so mehr stellt man fest, dass man sich von allem befreit wähnt und in Wirklichkeit von nichts befreit ist."

 

"Vergebens auf den Glücksfall warten, endlich alleine zu sein. Immer vom eigenen Ich eskortiert."

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Kommentare: 8
  • #1

    Simon (Dienstag, 24 September 2019 06:39)

    Auf spiritueller Ebene ist jeder Schmerz eine Chance – nur auf spiritueller Ebene.
    (Emile Michel Cioran)

  • #2

    Jonas (Dienstag, 24 September 2019 07:34)

    "Je mehr man im Alter voranschreitet, um so mehr stellt man fest, dass man sich von allem befreit wähnt und in Wirklichkeit von nichts befreit ist."

    Es ist ein zu beobachtendes Phänomen, dass sich Menschen mit zunehmenden Alter in ihren Meinungen und Konzepten festfahren und verkrusten. Diskussionen sind da oft sinnlos, es wird felsenfest auf dem eigenen Standpunkt beharrt und dieser als die ultimative Wahrheit postuliert.

    Um dieser Entwicklung persönlich gegenzuwirken sollte man sich selbst gegenüber sehr kritisch bleiben und immer in Erwägung ziehen, dass man falsch liegen könnte, zumal wir so gut wie niemals über eine umfassende Information verfügen, wir haben lediglich Bruchstücke.
    Um sich eine gewisse Offenheit zu bewahren scheint mir auch hilfreich zu sein, in der Diskussion keine absoluten Formulierungen zu verwenden, sondern von Möglichkeiten zu sprechen. Im Kreis wird das ja so gehandhabt und das finde ich sehr gut.

    Die Warnung von Cioran, dass man seine eigenen Ketten gar nicht sieht, obwohl man meint, sie schon abgelegt zu haben, stimmen mich schon sehr nachdenklich. Da leistet die AP ganze Arbeit...

  • #3

    Jonas (Dienstag, 24 September 2019 09:12)

    Mir gefällt der Begriff "brandiger Planet", damit kommt meines Erachtens sehr gut die Unbeständigkeit und Vergänglichkeit der Dinge auf der materiellen Ebene (=eine gigantische Schulungsebene) zum Ausdruck.

    Denn Brand bedingt Feuer, und die wichtige Bedeutung dieses Elements liegt in der Verwandlung. Nichts ist beständig hier, alles ist im Fluss, auch wir selbst als AP und HS.

    Es ist also sinnlos, sich an Materielles zu klammern (Pläne schmieden), auch wenn es noch so schön ist (Schrulle von Sterbenden). Und das letzte Hemd hat ja bekanntermaßen keine Taschen.

  • #4

    Jonas (Dienstag, 24 September 2019 11:35)

    "Vergebens auf den Glücksfall warten, endlich alleine zu sein. Immer vom eigenen Ich eskortiert."

    Solange man vom eigenen Ich (als AP) nur eskortiert und nicht - wie im Normalfall - korrumpiert wird, ist es ja noch nicht so schlimm.

    Aber alleine zu sein wäre schon ein wünschenswerter Zustand, im Sinne von "mit ALLem EINs" sein.

  • #5

    Clemens (Dienstag, 24 September 2019 11:39)

    Menno, jetzt hat Jonas schnell nachkommentiert... ^^ Ich wollte gerade über das letzte Hemd witzeln. Geschäftsmodell: Letzte Hemden verkaufen. MIT Taschen!!! (Würde zwar auch nichts nützen, braucht man aber nicht so offensiv drauf hinweisen.)

  • #6

    Clemens (Dienstag, 24 September 2019 11:44)

    Und das mit dem "brandigen Planeten" fand ich auch klasse. Meine Assoziation war allerdings der Wundbrand. Ein brandiger Planet - ein zutiefst verwundeter Planet... Von uns verwundet, und die Wunden zudem von uns "befallen".

  • #7

    Simon (Dienstag, 24 September 2019 19:07)

    Ich glaube, die katholische Kirche besitzt ein solches Geschäftsmodell schon Clemens.
    Wenn ich es mir recht überlege, werden sie an jeder Ecke angeboten. ^^

  • #8

    Clemens (Dienstag, 24 September 2019 19:16)

    Cool, ich habe GENAU das (mit der Kirche) gedacht. Nur nicht zu sagen getraut... ^^