San Juan de la Cruz II

Es gibt viele Arten des Erwachens Gottes in der Seele. Wollten wir alle aufzählen, kämen wir an kein Ende. Aber dieses Erwachen des Gottessohnes gehört aus meiner Sicht zu den größten und erhabensten Gnaden, die einer Seele zuteil werden können. Denn das Wort regt sich im Seelengrunde mit einer Kraft, Macht und Herrlichkeit und mit einer so alles durchdringenden Süße, dass die Seele meint, alle Blumendüfte und Wohlgerüche der Welt durchströmten sie und die Lieblichkeit bewege die Reiche und Mächte der Erde und des Himmels.

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Kommentare: 7
  • #1

    San Juan (Donnerstag, 15 August 2019 18:13)

    Wenn die Seele wach wird, erkennt sie durch Gott die Geschöpfe und nicht durch die Geschöpfe Gott.

  • #2

    San Juan (Donnerstag, 15 August 2019 18:21)

    Einige dieser Anfänger im geistlichen Leben verfehlen sich durch eine andere Art geistlichen Zorns. Sie geraten in Erbitterung und in einen gewissen stürmischen Eifer wider die Fehler anderer; sie beobachten andere und es erfaßt sie oft eine heftige Anwandlung, sie mit Entrüstung zu tadeln. Sie tun dies auch manchmal und benehmen sich, als ob sie Meister der Tugend wären. Dies alles aber ist ein Verstoß gegen die Sanftmut des Geistes.

  • #3

    San Juan (Donnerstag, 15 August 2019 18:22)

    Glücklich, wer das, was ihm schmeckt und ihn anzieht, auf die Seite gestellt hat, und die Dinge auf ihre Vernünftigkeit und Gerechtigkeit hin betrachtet, bevor er sie tut.

  • #4

    K (Freitag, 16 August 2019 11:17)

    zu #1: Beim "Erwachen der Seele" ist ein Erkennen/eine Schau aus einer höheren Warte aus möglich (...erkennt sie durch Gott die Geschöpfe...). "...durch die Geschöpfe Gott erkennen..." könnte in diesem Zusammenhang eher auf eine intellektuelle Schlußfolgerung hinweisen (was das Beteiligtsein von Emotionen nicht ausschließt).

  • #5

    K (Freitag, 16 August 2019 11:44)

    Ähnliche Themen: "Siehst du den Splitter im Auge des anderen, aber den Balken im eigenen Auge siehtst du nicht." oder so ähnlich. Oder "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein."
    "Anfänger im geistigen Leben" haben einen Zuwachs an Bewusstheit und Erkenntnis und bemerken mehr, was alles um sie herum bei anderen Menschen "suboptimal" läuft.
    Es geht aber in erster Linie darum, sich mit den eigenen Fehlern auseinanderzusetzen. Eine emotionale Aufregerei über die Fehler anderer hilft den anderen und einem selbst nicht weiter. Oft bewirkt das bei anderen Rechtfertigungsstrategien und Gegenbeschuldigungen und bei einem selbst ein Ablenken von eigenen Unzulänglichkeiten und Fehlern, schließlich ist man selbst auch nicht "Meister der Tugend". Die Fehler anderer "bemerken" ist gut, schließlich geht es um Verbesserung der Aufmerksamkeit. Als Konsequenz sollte dann nicht Aufregerei folgen, sondern verstärkte Weg-Arbeit bei sich selbst.

  • #6

    K (Freitag, 16 August 2019 11:48)

    zu #3: Von der AP-Ebene weg, die im Bereich von Zuneigung und Ablehnung lebt, hin zu einer höheren Betrachtungs- und Handlungsebene des HS.

  • #7

    Clemens (Freitag, 16 August 2019 16:02)

    zu #2 und K.s weitergehender Überlegung: Die Königsdisziplin ist, wenn wir bei anderen Menschen Fehler sehen/erkennen... und sie dann als UNS VORGEFÜHRT auf uns selbst beziehen und bei uns selbst suchen, finden und bearbeiten. Das geht dann in der Regel deutlich über das hinaus, was uns bei der rein ichbezüglichen Innenschau und Selbstanalyse ins Auge fällt - und zudem werden wir den Verfehlungen anderer Menschen gegenüber rückbezüglich zumindest graduell milder, weil wir ja auch bei uns selbst gewöhnlich milder urteilen.