Valentinus

Valentinus, der vom Parsismus, von Plato, dem Neuplatonismus, den Ophiten beeinflußt ist, gehört zu den bedeutendsten der »häretischen« Gnostiker. Nach seinem Emanationssystem ist das oberste Wesen der göttliche Vater (patêr) oder Vorvater (propatôr) die ewige, unendliche, ungewordene Einheit (monas agennêtos) die »Urtiefe« bythos der »vollkommene Äon« teleios aiôn dem nach manchen Valentinianern ein weiblicher Äon, das »Schweigen« (sigê oder ennoia) entspricht. Der Urvater setzt aus Liebe eine Geisterwelt aus sich heraus, dreißig Äonen, ewigwährende, göttliche Kräfte, deren Inbegriff das »Pleroma« (plêrôma) das Reich göttlich-geistiger Fülle und Lebendigkeit (im Gegensatz zum kenôma der stofflichen Leere) ist. Die zwei ersten Äonen sind, der eingeborene Verstand (nous) das Prinzip von allem archên tôn pantôn und die Wahrheit (alêtheia) die mit der Tiefe und dem Schweigen die erste Vierheit (tetraktys) bilden. Zur zweiten Vierheit gehören der Gedanke und das Leben (zôê) der Urmensch (anthrôpos) und die Gemeinde (ekklêsia). Aus dieser Achtheit (ogdoas) gehen eine Zehnheit und eine Zwölfheit von Äonen hervor, deren letzter die »Weisheit« (sophia) ist. Diese begehrte die Vereinigung mit dem Urvater, um ihn zu erfassen und zeugte einen formlosen Stoff, worauf sie durch den Äon »Grenze« (horos) gereinigt und ihres Begehrens und Leidens ledig wird. Dieses Begehren wurde von der Sophia als eine niedere Weisheit, Achamoth (achamôth) abgelöst und in eine niedere Region geschleudert. Die körperliche Welt hat der aus der Achamoth hervorgegangene Demiurg geschaffen. Eine Emanation von »Verstand« und »Wahrheit« ist Christus, ein anderes Produkt der Äonen der himmlische Jesus, mit dem der irdische Jesus sich verbindet. Durch Christus findet die Erlösung der Weisheit statt. Die Menschen zerfallen in »Hyliker« (materielle Menschen), wie die meisten Heiden, »Psychiker« (seelische Menschen), wie die meisten Juden, und »Pneumatiker« (Geistesmenschen), d.h. wahrhaft erkennende und erkenntnisgemäß handelnde Menschen, die der Werke nicht bedürfen (die Gnostiker).

(Eisler, "Philosophen-Lexikon")

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Kommentare: 1
  • #1

    Clemens (Donnerstag, 01 August 2019 15:29)

    Klar, ein paar der Aussagen sind mit Vorsicht zu genießen. Das spring schon ins Auge. Schon der ewige Synkretismusvorwurf: "Valentinus, der vom Parsismus, von Plato, dem Neuplatonismus, den Ophiten beeinflußt ist..." Da frag mal einen Religionswissenschaftler ohne theologische Bindung oder kirchliche Gehaltsabhängigkeit, wie denn "das Christentum" einzuordnen wäre. Das hört sich dann sehr ähnlich an. Selbst die Motive wie Gottessohnschaft, Jungfrauengeburt etc. scheinen dann alle zusammengeklaut.

    Also welche Religion ist denn ganz frei von Einflüssen vom Himmel gefallen? Da Religionen Menschenwerk sind, ist das auch nicht zu erwarten.

    Die Dreiteilung der Menschen in der obigen Form ist für mich auch sehr unglaubwürdig.

    Dazwischen aber ein paar interessante Anklänge.