Jesus-Agraphon 120

Jesus sagte: "Wenn dein Bruder mit seinem Wort gesündigt, dir dann aber Genugtuung geleistet hat, sollst du ihm siebenmal am Tag verzeigen." Da fragte Simon, sein Jünger: "Siebenmal am Tag?" Der Herr antwortete ihm: "Ich sage dir sogar: siebenmal siebzigmal am Tag. Auch bei den Propheten fand sich noch Sünde, nachdem sie schon mit dem Heiligen Geist gesalbt worden waren."

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Kommentare: 5
  • #1

    Jonas (Donnerstag, 25 Juli 2019 12:03)

    Jesus fordert hier uneingeschränktes Verzeihen dem Bruder (=unserem Nächsten) gegenüber, ausgedrückt durch "siebenmal siebzigmal am Tag". Bedingung dafür ist allerdings Wiedergutmachung (Genugtuung leisten), in der einfachsten Form zumindest als Einsicht des gefehlt Habenden.

    Begründet wird die Forderung damit, dass niemand frei von Sünde ist, woraus sich das Verzeihen als notwendiger Akt hinsichtlich des Zusammenlebens der Menschen ergibt.

    Vergessen wir in dem Zusammenhang auch nicht darauf, dass wir uns bei Fehlverhalten auch selbst verzeihen müssen.

  • #2

    R.G. (Donnerstag, 25 Juli 2019 15:06)

    Da selbst bei "den Propheten sich noch Sünde findet" ist das Verzeihen als ein gemeinsamer Prozess (wahre Einsicht des Einen und unerschütterliches Offen-bleiben des Anderen) in dieser Welt unumgänglich.

  • #3

    Clemens (Donnerstag, 25 Juli 2019 16:19)

    Ich finde den Hinweis, dass sich "auch bei den Propheten noch Sünde findet" interessant. Es gibt also, zumindest auf dieser Welt, quasi keine Vollkommenen - auch der werte Ludwig wies mich ja klar darauf hin, dass auch er ein Schüler sei. So ein Schüler wäre ich auch schon ganz gerne. Ich würde - um einen alten, resignativ wahren Witz zu bemühen - alles dafür tun, außer zu arbeiten. ^^

    Und dann mal "siebenmal und so weiter verzeihen" anders herum gedacht: Es geht dann nicht darum, dass der Bruder siebenmal am Tag gegen mich gesündigt hat (mit WORTEN übrigens! - auch bedenkenswert), sondern darum, dass ich ihm siebenmal etc. VERZEIHEN soll. Das könnte auch darauf hinweisen, dass Verzeihen gar nicht mal eben so geht. Die Empörung gegen den Bruder taucht nämlich unter Umständen immer wieder auf. Dann muss man wieder ran und die AP disziplinieren. Zur Not auch siebzig mal sieben Mal.

    Peinliches Beispiel aus dem täglichen Leben: Ich war heute bei 39 Grad im Garten und habe die Feldfrüchte gewässert. Danach kurz im Bioladen am Wegesrand. Schnell schnell das Nötige besorgt. War Mittags mit Sohn verabredet zum Essengehen. Daher etwas in Eile und zermürbt durch die Temperaturen. An der Kasse vor mir zum Glück nur eine Person, aaaaber: eine neue Kassiererin, die gerade beim Sprung ins kalte Wasser war. Offensichtlich sehr gefordert. Musste bei quasi jedem Artikel lange in den Listen suchen, zu den Regalen laufen, oder Kollegen in fernen Winkeln befragen. Im ersten Moment war ich genervt. Nach zwei Sekunden hatte ich die Situation erkannt und als "verzeihlich" eingestuft. Aber nichts da, die Genervtheit flammte immer wieder auf. Mindestens vier Mal musste ich streng am Zügel rucken und die Verzeihlichkeit in all ihrer Offensichtlichkeit (ich könnte da genauso sitzen und würde vielleicht noch weniger klarkommen und so) herausstreichen, tief atmen, liebevolle Haltung kultivieren, bis endlich Ruhe war. Wie gesagt: peinlich!

  • #4

    R.G. (Freitag, 26 Juli 2019 07:04)

    Ja, peinlich daran vor allem, dass wir Situationen und Verhalten Anderer (mit oder ohne Worte) als "Sünde" gegen uns empfinden, die nicht einmal zielgerichtet uns meinen, sondern nur sind wie sie sind. (Meintest du das gestern in unserem Gespräch, Simon?)

  • #5

    Simon (Freitag, 26 Juli 2019 14:05)

    Ja!