Das Evangelium der Wahrheit (NHC I,3) IX

Jesus als Hirte

Er ist der Schafhirte, der die neunundneunzig Schafe verließ, die nicht in die Irre gelaufen waren. Er kam, er suchte nach dem einen, das in die Irre gelaufen war. Er freute sich, als er es fand, denn neunundneunzig ist eine Zahl, die in der linken Hand ist, die sie hält. Aber wenn die eins gefunden wird, geht die ganze Zahl über auf die Rechte. Wie das, dem das eine fehlt - das ist die ganze rechte Hand - an sich zieht das, was mangelhaft ist und es von der linken Handseite nimmt und es zu der rechten Handseite bringt, ebenso wird die Zahl einhundert. Die Bedeutung dessen, der in ihrer Stimme ist: Es ist der Vater. Selbst am Sabbat arbeitete er für das Schaf, das er in die Grube gefallen fand.

Er gab dem Schaf Leben, indem er es aus der Grube zog, damit ihr innerlich wisst - ihr, die Söhne des inneren Wissens - was der Sabbat ist, an dem es nicht angemessen ist, für die Erlösung untätig zu sein, damit ihr sprecht von dem Tag oben, der keine Nacht hat, und von dem Licht, das nicht untergeht, weil es vollkommen ist.

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Kommentare: 2
  • #1

    Clemens (Mittwoch, 19 Juni 2019 17:39)

    Das Bild von der linken und rechten Hand ist erstaunlich. Ich frage mich hier, ob die 99 Schafe positiv zu bewerten sind. Das "in die Irre" gelaufene (auch "in die Grube gefallene") Schaf ist doch das Schaf, das ÜBERHAUPT mal losgelaufen ist - möglicherweise im Gegensatz zu den 99, die "in der linken Hand" sind.

  • #2

    Ruth Finder (Freitag, 21 Juni 2019 10:11)

    Die neunundneunzig Schafe sind die verschiedenen Erzengel. Sie sind bei Gott-Vater geblieben - nicht in die Welten der Trennung abgestiegen, also nicht in die Irre gelaufen waren.

    Das eine Schaf, das in die Grube gefallen war, ist der Mensch/ die Menschheit als Archetyp all jener Erzengel, die in die Welten der Trennung abgestiegen sind, also auf lange Zeit in die Irre gelaufen sind.

    Die Gegenüberstellung von 99 zu 1 veranschaulicht ganz gut, wie viel größer Gottes Reich im Vergleich zur diesseitigen Welt - "der Grube" - ist.

    Die 99 Schafe sind in der linken Hand - soll heißen, dass Erzengel und Engel unwissend, ohne Erfahrung und ohne Individuation sind.

    Gott-Vater hat seinen Sohn, Jesus Christus, aus Gnade und Liebe als Bote des Wissens/ der Erkenntnis/ der Wahrheit und als Begleiter/Beschützer (Hirte) zu den Menschen gesandt, damit dieser sie findet (dem "Schaf" das wahre Leben gibt). Und zwar zog Jesus die Menschen aus der Misere, in dem er ihnen den Weg aus der Verwicklung (aus dem Gefangensein in der Grube) zeigt, ihnen beim Aufsteigen aus der dunklen Tiefe der Unwissenheit in das Licht der Wahrheit hilft. Aber "es ist nicht angemessen, für die Erlösung untätig zu sein" - also, wenn wir beim Bild der Grube bleiben, könnte man Weg-Arbeit als aktive Mitwirkung beim Hochgezogenwerden aus "der Grube" sehen.

    Der Hirte (Jesus) erfreute sich dieser Aufgabe: Ein Hinweis, dass Freude auch unsere Begleiterin bei der Weg-Arbeit ist.

    "Selbst am Sabbat arbeitete er für das Schaf, das er in die Grube gefallen fand", also sieben Tage die Woche: Soll heißen, Gott ist immer für die Menschen da.

    Der zum wahren Leben errettete, durch inneres Wissen und Erfahrung weise gewordene Mensch ist in der "rechten Hand", also auf der rechten Seite. Er steht in seiner Entwicklung höher als die Erzengel, weil er im Gegensatz zu ihnen durch das Wissen/ durch die Individuation die Aufgabe der Gottesbewusstwerdung erfüllen kann - "damit ihr sprecht von dem Tag oben, der keine Nacht hat, und von dem Licht, das nicht untergeht, weil es vollkommen ist."

    Im Endeffekt, wenn der Mensch vollkommen geworden ist ("aber wenn die eins gefunden wird"), ist diese rechte Seite die einzige ("geht die ganze Zahl über auf die Rechte") bzw. es gibt keine Seiten mehr, sondern ein Ganzes: Gottes Reich, wo die beiden Welten vereint sind - "ebenso wird die Zahl einhundert".