Mitte (von R.G.)

„Die Wahrheit kam in die Mitte (=wurde offenbar); und alle ihre Emanationen erkannten sie.“

(EvVer)

"Einem Menschen seinen Schatten gegenüberstellen heißt, ihm auch sein Licht zu zeigen". Wer zugleich seinen Schatten und sein Licht wahrnimmt, sieht sich von zwei Seiten, und damit kommt er in die Mitte [...] Er weiß, daß dunkel und hell die Welt ausmachen. Man kann diesen Gegensatz nur beherrschen, indem man durch die Anschauung der beiden sich von ihnen befreit und so in die Mitte kommt. Nur dort ist man den Gegensätzen nicht mehr unterworfen"

(Jung, in Jacobi 1971, S. 142). "

Diese beiden Blogbeiträge vom 12.06.19 haben mich die letzten Tage sehr beschäftigt und ich habe versucht, meine Gedanken dazu in Worte zu fassen, habe sie mehrmals wieder verworfen und war kurz davor, das auch mit dem sprichwörtlichen Handtuch zu tun.

Mir scheint, in der Mitte zu sein hat mit Wahrhaftigkeit zu tun, bedeutet vielleicht sogar, wahrhaftig zu sein.

Wikipedia:


"Wahrhaftigkeit ist eine Denkhaltung, die das Streben nach Wahrheit beinhaltet. Wahrhaftigkeit ist keine Eigenschaft von Aussagen, sondern bringt das Verhältnis eines Menschen zur Wahrheit oder Falschheit von Aussagen zum Ausdruck.[1] Die Wahrhaftigkeit kann falsche Aussagen nur durch einen Irrtum hervorbringen. Zur Wahrhaftigkeit gehört die Bereitschaft für wahr Gehaltenes zu überprüfen.

Nach Otto Friedrich Bollnow wendet sich die Wahrhaftigkeit nach innen, das heißt, sie lebt in der Beziehung des Menschen zu sich selbst: „Sie bedeutet die innere Durchsichtigkeit und das freie Einstehen des Menschen für sich selbst. […] Eine ehrliche Lüge ist etwas anderes als eine Unwahrhaftigkeit. […] Die Unwahrhaftigkeit aber setzt da ein, wo der Mensch sich selbst etwas vormacht, wo er auch sich selbst gegenüber nicht zugibt, dass er lügt, wo er sich die Verhältnisse vielmehr so zurecht legt, dass er sich selbst gegenüber den Schein der Ehrlichkeit wahrt. […] Viel gefährlicher aber wird es, wenn er sich die Verhältnisse so zurecht legt, dass er seine Aussage und sein Verhalten verantworten zu können glaubt.“

(Otto Friedrich Bollnow: Wesen TextWickert S. 229 ff.)“

Das setzt den Willen voraus, sich zu stellen. Dem stellen, was wir dann bei uns sehen, nämlich unseren derzeitigen individuellen Ausgangspunkt auf dem Weg in den Welten der Trennung, der doch aus unendlich vielen Ausgangspunkten besteht.


Wahrhaftigkeit bedeutet, aushalten zu können (wobei es dann auch kein Aushalten mehr ist), auf dem Weg statt angekommen zu sein. Ansonsten laufen wir Gefahr, uns selbst immer wieder zu korrumpieren, nur um der Wirklichkeit nicht ins Gesicht sehen zu müssen.


In der Mitte zu sein, scheint mir die Auflösung des Kampfes zu sein, das (An-)Erkennen und Gehen des Weges mit spielerischer Beharrlichkeit und Freude.

"Die großen Lebensprobleme sind nie auf immer gelöst [...]. Ihr Sinn und Zweck scheint nicht in ihrer Lösung zu liegen, sondern darin, daß wir unablässig daran arbeiten."

(Jung 1931, S. 450)

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Kommentare: 1
  • #1

    Clemens (Montag, 17 Juni 2019 09:33)

    „Die Wahrheit kam in die Mitte (=wurde offenbar); und alle ihre Emanationen erkannten sie.“ In die Mitte von WAS kam die Wahrheit, um erkannt zu werden?

    Ihre eigene Mitte? Was wäre dann Wahrheit, die NICHT in ihrer eigenen Mitte wäre? Also außer nicht offenbar...

    DIe Mitte von allem? Also zwischen allem? Was wäre das? Dies scheint mir am wenigsten herzugeben.

    Die Mitte all ihrer Emanationen? Klingt für mich am interessantesten. Die Emanationen müssen die Wahrheit in ihre Mitte nehmen/lassen (aus dieser Formulierung geht nicht hervor, ob es eine Tat der Wahrheit ist, eine Leistung der Emanationen, oder beides - als Eigenleistung der Emanationen erscheint es mir aber am relevantesten für uns, die wir uns ja auch als Emanationen der W. sehen können), damit sie sie erkennen können.