Das Evangelium der Wahrheit (NHC I,3) III

über Jesus und sein Erlösungswerk

Dies ist das Evangelium dessen, nach dem man sucht, welches geoffenbart wurde denen, die vollkommen sind durch die Gnadenerweise des Vaters, das verborgene Mysterium, Jesus Christus. Durch dieses hat er die erleuchtet, die in Finsternis waren durch das Vergessen. Er erleuchtete sie; er zeigte ihnen einen Weg. Dieser Weg aber ist die Wahrheit, die er sie lehrte.

Deswegen hat der Irrtum seinen Zorn gegen ihn erhoben, er hat ihn verfolgt, er hat ihn gequät, er hat ihn vernichtet. Er wurde an ein Holz genagelt, und er wurde eine Frucht der Erkenntnis des Vaters, die kein Verderben brachte, wenn man sie aß. Diejenigen aber, die sie aßen - er veranlasste, dass sie sich freuen in dem Finden. Denn er fand sie in sich, und sie fanden ihn in sich.

Der Unbegreifbare, der Undenkbare, der Vater, der Vollkommene, der das All geschaffen hat - in ihm ist das All, und an ihm hat das All Mangel. Obwohl er seine Vollkommenheit, die er dem All nicht gegeben hatte, in sich zurückgehalten hatte, ist der Vater nicht neidisch. Denn welcher Neid könnte zwischen ihm und seinen Gliedern sein? Denn wenn dieser Äon so ihre Vollkommenheit empfangen hätte, hätten sie es nicht vermocht zu kommen [...] zum Vater. Er hält in sich selbst ihre Vollkommenheit zurück, indem er sie ihnen gibt als eine Rückkehrmöglichkeit zu ihm und als ein vollkommenes, einzigartiges Wissen. Er ist derjenige, der das All schuf, und in ihm ist das All, und das All hatte Mangel an ihm.

Wie jemand, in bezug auf den einige unwissend sind, wollte er, dass sie ihn erkennen und ihn lieben, so - denn an was könnte das All Mangel haben außer an dem Wissen um den Vater? - wurde er ein Wegweiser, ruhig und ausdauernd.

In den Schulen trat er auf und er sprach das Wort wie ein Lehrer. Es kamen welche, die sich für weise hielten, wobei sie ihn auf die Probe stellten. Er aber beschämte sie, denn sie waren leer. Sie hassten ihn, denn sie waren nicht wirklich weise.

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Kommentare: 5
  • #1

    Jonas (Freitag, 07 Juni 2019 08:00)

    "Denn er fand sie in sich, und sie fanden ihn in sich." - wunderschöne, berührende Formulierung der logoischen Einheit aller Menschen in Christus. Solche Sätze sind für mich ein offenes Tor zum Einstieg in die contemplatio. Man braucht nur durchzugehen und sich dann fallen zu lassen.

    "Er aber beschämte sie, denn sie waren leer" - könnte man so interpretieren, dass sie im besten Fall nur trockenes, intellektuelles Wissen in sich hatten, sie sich mit theologischen Spitzfindigkeiten auseinandersetzten und ihnen dadurch die eigentlich Essenz des Glaubens fehlte.
    Die innerliche Leere wäre dann die fehlende Verbindung zum Vater. Sie spürten nicht die liebevolle, lebendige, starke Präsenz in sich, die es erst ermöglicht, spirituelle Texte auf die richtige Art zu verstehen.

  • #2

    Jonas (Freitag, 07 Juni 2019 11:11)

    Unglaublich stark der Text, geht runter wie Öl. Beim Lesen wie ein Sog hinein ins Sein.

  • #3

    Ruth Gabriel (Sonntag, 09 Juni 2019 09:28)

    "...er veranlasste, dass sie sich freuen in dem Finden."
    Interessant: es wird nicht davon gesprochen, dass die Freude darin liegt, gefunden zu HABEN, sondern eher IM FINDEN als einem fortlaufenden Prozess.

  • #4

    Simon (Sonntag, 09 Juni 2019 13:14)

    "Denn wenn dieser Äon so ihre Vollkommenheit empfangen hätte, hätten sie es nicht vermocht zu kommen [...] zum Vater. Er hält in sich selbst ihre Vollkommenheit zurück, indem er sie ihnen gibt als eine Rückkehrmöglichkeit zu ihm und als ein vollkommenes, einzigartiges Wissen.“

    Die „Rückkehrmöglichkeit“ wird gefunden, der Weg will/muss gesucht werden.

    Scheint mir ein perfektes Konzept zu sein, was die Geschicktheit der Mittel angeht, um Selbstgewahrsein (Individuation) des Menschen in die W(i)ege zu leiten.

  • #5

    Simon (Sonntag, 09 Juni 2019 13:39)

    "Er hält in sich selbst ihre Vollkommenheit zurück, indem er sie ihnen gibt als eine Rückkehrmöglichkeit..."

    Hier liegt vielleicht auch ein Schlüssel zu einem besseren Verständnis bereit, die AP mit all ihren Einschränkungen als einen Akt der Liebe zu erkennen.
    Sie unterscheidet sich nicht qualitativ vom HS, so wie wir uns nicht Qualitativ vom Absoluten Sein unterscheiden.

    Hier könnte es meinem Verständnis nach, auch noch Entwicklungsspielraum auf das HS bezogen geben.