Versuch einer Deutung

L. schrieb:

 

"Der Beitrag ("Einrichtung als Kontrollversuch" vom 18. Mai 2019) ist, ebenso wie eine ganze Reihe anderer, erhellend und weitergehender Beleuchtung wuerdig. Hier ist das recht gut gelungen."

 

Ich lese hier "Beiträge" als auf einzelne Blogbeiträge bezogen. Klar sind die nicht alle erhellend! Ist ja auch mal Geblödel dabei. Obwohl - das wäre ja, wenn gelungen, zumindest stimmungsmäßig erhellend...

 

Natürlich gibt es auch erhellende Kommentare. Und auch die wären, wie eine ganze Reihe von Beiträgen, gewiss "weitergehender Beleuchtung würdig".

 

Aber worum geht es denn eigentlich in L.s Aussage? Es geht um spirituelle Praxis. Als eine solche wird von L. die mündliche und schriftliche Interpretation, Auslotung und Ergänzung von mündlichen und schriftlichen Aussagen und Texten gesehen. Kurz: Interpretationsarbeit.

 

Ich wurde von L. schon von Anfang an immer mal wieder angehalten, gelesene Texte mit eigenen Worten wiederzugeben oder zusammenzufassen. Später dann auch weiterzuspinnen, Ausblicke zu entwerfen. Das hat über die Jahre eher zugenommen. Oder besser, ich bin weiter darauf eingestiegen. Und ich bin auch stärker in die Verschriftlichung eingestiegen - die ist nämlich von weitergehender Qualität, da Bleibenderes geschaffen wird.

 

Und: Es ist bei der Interpretationsarbeit wie bei der Meditationsarbeit - man kommt an kein Ende. Daher ist es auch kein Problem, wenn man zum zehnten oder zum hundertsten Mal einen Text auf eine bestimmte Sache hin interpretiert, untersucht, durchleuchtet. Abgesehen davon, dass sich immer aufgrund der permanenten Bewegung von allem Nuancen ergeben, findet auch immer weiter Verankerung und Vertiefung statt.

 

Letztlich wird Interpretationsarbeit, wie alle spirituelle Praxis, zu einer dauerhaften Erscheinung. Wir lernen, in allem Tagesgeschehen die spirituelle Dimension und Bedeutung zu sehen und zu erkennen. Und das natürlich nicht in wahnhafter Ausschließlichkeit, sondern ergänzend zu allen anderen Erkenntnisebenen - die eben dadurch auch nicht zu wahnhafter Ausschließlichkeit gerinnen können!

 

Eine Schulungsmöglichkeit ist für diese Interpretationsarbeit eben der Blog. Jeder kann da Beiträge verfassen. Dinge einstellen, die er interpretiert (etc.) sehen will. Jeder kann da alles kommentieren, erörtern, zerlegen und erweitern.

 

Ich denke, auf all dies wies L. mit seinen knappen Worten hin. Wenn nicht, so war dies zumindest ein recht gutes Stück Interpretationsarbeit. ^^

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Kommentare: 3
  • #1

    Clemens (Montag, 03 Juni 2019 12:05)

    Sehen wir das Ganze als eine weiter gefasste Form der Lectio divina, der göttlichen Lesung, bei der wir eben nicht nur in der Bibel, sondern quasi in allem LESEN lernen/üben. Die "Meditatio" ist dann die Auseinandersetzung mit dem Gelesenen. Das Einsinken-Lassen, das Groken, auch die intellektuelle Auseinandersetzung. "Oratio" könnten wir dann als Formulierung der Ergebnisse unserer Bemühungen sehen. "Cotemplatio" wäre dann das Schwelgen in der Gegenwart (Gottes), das Staunen über den Zipfel dessen, was wir an herrlicher Regelung erkennen durften, die Freude. Und auch der innere Dank.

  • #2

    L. (Donnerstag, 06 Juni 2019 07:15)

    !

  • #3

    Ruth Finder (Donnerstag, 06 Juni 2019 17:47)

    Da ist er - der Wink mit dem Scheunentor: "!" - eine Steigerung der knappen Worte, ein noch deutlicherer Hinweis. (Den Ausdruck "Jemandem mit dem Scheunentor winken" als Steigerung zu "Mit dem Zaunpfahl winken" gibt es wirklich.)

    Die Knappheit als Geschicktheit der Mittel.

    Dazu zwei chassidische Geschichten zur Erinnerung:


    VIELLEICHT

    Einer der Aufklärer, ein sehr gelehrter Mann, der von Berditchewer gehört hatte, suchte ihn auf, um auch mit ihm, wie er es gewohnt war, zu disputieren und seine rückständigen Beweisgründe für die Wahrheit seines Glaubens zuschanden zu machen. Als er die Stube des Zaddiks betrat, sah er ihn mit einem Buch in der Hand in begeistertem Nachdenken auf und nieder gehen. Des Ankömmlings achtete er nicht. Schließlich blieb der Zaddik stehen, sah ihn flüchtig an und sagte: "Vielleicht ist es aber wahr." Der Aufklärer nahm vergebens all sein Selbstgefühl zusammen - ihm schlotterten die Knie, so furchtbar war der Rabbi anzusehen, so furchtbar sein schlichter Spruch zu hören. Rabbi Levi Jizchak aber wandte sich ihm nun völlig zu und sprach ihn gelassen an: "Mein Sohn, die Großen der Thora, mit denen du gestritten hast, haben ihre Worte an dich verschwendet, du hast, als du gingst, darüber gelacht. Sie haben dir Gott und sein Reich nicht auf den Tisch legen können, und auch ich kann es nicht. Aber, mein Sohn, bedenke, vielleicht ist es wahr." Der Aufklärer bot seine innerste Kraft zu Entgegnung auf; aber dieses furchtbare "Vielleicht", das ihm Mal um Mal entgegenklang, brach seinen Widerstand.


    REDE IM SCHWEIGEN

    An Rabbi Mendel von Workis Tisch saßen einst die Chassidim beisammen. Man konnte die Fliege an der Wand hören, so groß war das Schweigen. Nach dem Tischgebet sagte der Rabbi von Biala zu seinem Nachbarn: "Ist das heut ein Tisch gewesen! Er hat mich so geprüft, dass mir die Adern zu platzen drohten, aber ich habe standgehalten und habe auf alle Fragen Antwort gegeben."


    Wir müssen uns aber nicht fürchten (zumindest nicht zu sehr), denn das ist beim Antwort-geben hinderlich.