Euthymios (*377 - †473) und das Maßhalten

"Die wahre Enthaltsamkeit besteht darin, das Nötigste zu nehmen zur Zeit des Essens, das Herz zu bewahren und im Stillen gegen die geheime Leidenschaft zu kämpfen.

 

Die Waffen des Mönchs sind die beständige Übung, die Unterscheidung, die Selbstbeherrschung und der gottgemäße Gehorsam."

 

Darüber lässt sich eine ganze Menge sagen. Wahrscheinlich wesentlich mehr, als ich jetzt gerade vor Augen habe. Beispielsweise der Teilsatz "im Stillen gegen die geheime Leidenschaft (...) kämpfen":

 

Geht schon los bei "Leidenschaft" - jeder kennt die Erklärung "Leidenschaft ist das was Leiden schafft". Ebenso kennt jeder die innere Unruhe, die entsteht, wenn man in einer vielleicht ganz entspannten Situation plötzlich einen Umsetzungsimpuls (einer) seiner Leidenschaft(en) verspürt. Schon da entsteht oft unnötiges Leid. Je nach Leidenschaft dann oft auch noch auf dem Wege zur Umsetzung, während der Umsetzung oder nach der Umsetzung. Und was alles Leidenschaft sein kann, wenn man genauer hinsieht.

 

Dann die Frage, warum "im Stillen kämpfen"? Was heißt das? Während (anstelle?) des Kampfes nicht hauptsächlich auf mit anderen darüber quatschen fokussiert sein? Gut möglich. Einfach mal in der Stille des Augenblicks, unabgelenkt, allein, aktiv die Sache aushalten, ausloten, durchstehen, angehen, relativieren, auflösen, untersuchen...

 

Dies Ganze oben also mal als Meditationsobjekt. Viel Vergnügen dabei.

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Kommentare: 6
  • #1

    Ruth Finder (Mittwoch, 29 Mai 2019 10:06)

    Euthymios und Chang Sanfeng - Brüder im Geiste.

    Enthaltsamkeit und "das Herz zu bewahren" - ist auch interessant.

    Das Gegenteil wäre, maßlos und herzlos zu sein: Egoistisch, hochmütig, den anderen wegnehmend, sich ausbreitend, die anderen beschränkend, dominierend.

    Das Herz zu bewahren, bedeutet dann: Wohlwollen und liebende Güte, demütig, den anderen gebend, sich auf sich besinnend, den anderen Raum lassend, sich nicht wichtig nehmend. Das ist die wahre Enthaltsamkeit.

  • #2

    R.G. (Mittwoch, 29 Mai 2019 10:44)

    Maßlosigkeit ist nur möglich mit Herzlosigkeit. Andersherum hat Herzlosigkeit immer Maßlosigkeit zur Folge.
    Maßlosigkeit verstanden als das Gegenteil vom richtigen Maß.

  • #3

    Ruth Finder (Samstag, 01 Juni 2019 03:32)

    In einem Artikel gelesen:

    "(...) der Geist lässt Faust über die Erkenntnis der Welt und ihrer Zusammenhänge feststellen:

    Die wenigen, die was davon erkannt,
    Die thöricht g’nug ihr volles Herz nicht wahrten,
    Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
    Hat man von je gekreutzigt und verbrannt. (...)"

    Das lässt eine etwas andere Erklärung (die sich bei näherer, tieferer Betrachtung doch der aus dem # 2 ähnelt) zu "Enthaltsamkeit und das Herz zu bewahren" zu. Nämlich, dass man die Geschicktheit der Mittel anwendet/ anzuwenden lernen muss: Die Menschen dort abholen, wo sie stehen, oder sie auch erst mal stehen lassen.

    Zu offensives "Werben" könnte für den Einen unangenehme Folgen haben, ... oder auch für die Anderen, wenn man ungeduldig, mit zu großem Nachdruck, gefühls- und emotionsübergriffig vorgeht, ja quasi militant wird.

    Also wie gesagt, Sanfeng und Euthymios - Brüder im Geiste:

    1. Beruhige deinen Geist! - Das Herz bewahren.
    2. Kontrolliere deine Begierden! - Im Stillen gegen die geheime Leidenschaft kämpfen.
    3. Vereinfache dein Leben! - Das Nötigste nehmen zur Zeit des Essens.

  • #4

    Ruth Finder (Samstag, 01 Juni 2019 03:33)

    Auch "militant" zu sich selber zu sein, beruhigt nicht den Geist und bewahrt nicht das Herz.

  • #5

    Ruth Gabriel (Samstag, 01 Juni 2019 22:24)

    Ich habe mich gefragt, warum es heisst gegen die GEHEIME Leidenschaft zu kämpfen. Dabei bin ich darauf gestoßen, dass das Wort "geheim" auch bedeutet "vertraut, gut bekannt (Person, Sachgebiet; von daher auch der Begriff "Geheimrat"). Geheime Leidenschaft kann dann auch als ein vertrauter und gut bekannter Aspekt gesehen werden, der unsere (Alltags-) Persönlichkeit "ausmacht". Das Kämpfen wäre dann das Freiwerden von der Identifikation mit diesen Persönlichkeitsaspekten.

  • #6

    Ruth Gabriel (Sonntag, 02 Juni 2019 10:57)

    "Das Herz zu bewahren."
    Bewahren in seiner alten Bedeutung des hütens und pflegens könnte dem Satz die Bedeutung geben, sich um eine mitfühlende, liebevolle Haltung zu bemühen und sie zu bewahren. Dies würde dann auch einschließen, sich um das zu bemühen, was diese Haltung erleichtert und unterstützt, wie z.B. ein dementsprechendes Umfeld, und Vermeidung von dem, was das Herz in Aufruhr bringt (hier finden wir im Buddhismus detaillierte Aufzählungen).