Einrichtung als Kontrollversuch

Einrichtung ist das Gegenteil von Ausrichtung, sagen wir kurz gefasst. Man kann Einrichtung aber auch noch genauer untersuchen und dabei verschiedene Aspekte entdecken.

 

Sie entspringt beispielsweise (unter anderem?) unserem Bedürfnis nach festen Rahmenbedingungen. Nach einem Endpunkt, nach etwas Verlässlichem, nach Wandellosigkeit.

 

Dabei wissen wir tief in uns, das Veränderung sich nicht aufhalten lässt, dass unsere Einrichtungen bedroht sind. Doch diese Erkenntnis lassen wir nicht an die Oberfläche kommen. Wir legen immer noch eine Schicht Einrichtung über unser inneres Wissen, und es wird dadurch gleichzeitig eine verborgene Angst und Unsicherheit, von der wir uns wiederum mit unterschiedlichen Strategien abzulenken versuchen. Und wie zu erwarten, sind Einrichtungsstrategie und Ablenkungsstrategie oft identisch.

 

Einzelne Menschen haben ein einziges Strategiemodell, zumindest eine vorherrschende Hauptstrategie. Andere verfolgen aber auch einige gleich starke Strategien nebeneinander. Manche haben situationsabhängig diverse Strategien verfügbar.

 

Es ist interessant, sich selbst dahingehend zu untersuchen - leichter fällt es uns zumeist, wenn wir andere Menschen beobachten, um Beispiele zu bekommen. Die können und sollten wir dann aber auch mal bei uns selbst als möglicherweise vorhanden annehmen und genauer hinschauen, damit wir schrittweise zu einem wacheren Sein jenseits schematischer Handlungsabläufe gelangen können.

 

Nennen wir mal ein paar Beispiele, die dann wieder selbst näher zu untersuchen und zu definieren wären. Gewiss sind auch noch weitere Beispiele hinzuzufügen:

 

- Helfen: Sich selbst unverzichtbar machen. Hier helfen, dort aufbauen, hier zeigen, wie es geht, da zupacken - immer ein Angebot sein: Nutze meine Hilfsbereitschaft.

 

- Bedürftigkeit: Opferrolle, Schwäche, Unfähigkeit. Die Suche nach Unterstützern, unterstützenden Organisationen, unterstützenden Umfeldern. Das Einfordern von Leistungen.

 

- Kontrolle: Der Macher sein. Alles wird durchgeplant. Alle Fäden werden gezogen. Was nicht selbst gemacht wird, wird so gemacht, wie man es haben will.

 

- Erfolg: Ein Mann will nach oben (eine Frau auch). Man qualifiziert sich weiter und weiter. Man steigt auf. Sucht neue und größere Aufgabenfelder. Immer noch eine Überstunde für den Sieg.

 

- Vergnügen: Jedes Jahr dreimal Urlaub. Jedes Mal an exotischeren Plätzen. Nach der Arbeit ein Bier, ein Film, online Einkaufen. Am Wochenende Party, je mehr, desto besser. Partnerverschleiß...

 

- Drama: Herbeiführung dramatischer Lebensumstände vom Bungeejumping (physisch gefühltes Drama) über Beziehungsdramen bis Zwischenträgereien mit dem Ziel, sich am Unfrieden zu ergötzen.

 

- Sport: Alles für den Ironman. Jahre der Vorbereitung, detaillierte Trainingspläne, maßgeschneidertes Essen. Oder Ähnliches: der perfekte Angler, Segler, Surfer etc. werden.

 

Klar, wir sagen auch kurz gefasst, dass man alles auf die richtige und auf die falsche Weise tun kann. Hier ist natürlich immer von falschen Weisen die Rede - die Weisen, die eben der Einrichtung und der Ablenkung vom Unwohlsein über das Wissen der Vergeblichkeit von Einrichtung dienen.

 

Bedürftigkeit als Strategie ist also falsch - nicht tatsächliche Bedürftigkeit. Ein perfekter Angler sein ist vielleicht eine coole Sache. Nur nicht für die Fische. Aber man muss das nicht als Einrichtungs- und Ablenkungsstrategie betreiben. Und so weiter.

 

Wahrscheinlich können wir jetzt schon ergänzen und erkennen uns hier und da selbst.

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Kommentare: 15
  • #1

    TvB (Sonntag, 19 Mai 2019 12:28)

    Woran kann man erkennen, dass die Ablenkungsstrategien vor allem das sind, und nichts anderes? Das sie eben nicht auf die rechte Weise getanes Tun sind?

  • #2

    Clemens (Sonntag, 19 Mai 2019 13:03)

    Die Frage gebe ich gerne mal weiter. Die für mich naheliegende Antwort maile ich Dir. Naheliegend heißt übrigens nicht "allein zutreffend" oder auch nur "richtig" (naja, hier schon, denke ich ^^).

  • #3

    R.G. (Sonntag, 19 Mai 2019 14:21)

    Wir erkennen es daran, dass wir Leben zu einer linearen Rechenaufgabe machen wollen, in der eins plus eins gleich zwei ist. Also kein Platz für "SEIN Wille geschehe".

  • #4

    Simon (Sonntag, 19 Mai 2019 22:06)

    Das Wesen der Einrichtung erfreut sich daran, das Alte im Neuen zu erfahren.
    Das Wesen der Ausrichtung erfreut sich daran, das Neue im Alten zu erfahren.

    Die Einrichtung dient dem Finden, die Ausrichtung dient der Suche.

    Ablenkungsstrategien dienen der Zukunft, bauen auf Vergangenheit und stehlen das "Jetzt".

    Ablenkung scheint mir der Gegenpol von Aufmerksamkeit (im Sinne von Achtsamkeit) zu sein.

  • #5

    Clemens (Montag, 20 Mai 2019 11:44)

    Ablenkungsstrategien erweisen sich als solche, wenn sie nicht funktionieren. Wenn also beispielsweise die anvisierte Ablenkung wegen irgendwelcher Umstände ins Wasser fällt. Oder wenn die Bedürftigkeitsstrategie nicht funktioniert, und sich keiner "kümmert". Oder wenn vom Helfer keiner Hilfe annehmen will. In diesem Fall wird der Ablenkungsstratege wahrscheinlich mit Ärger, Zorn oder Hass in irgendeiner Form und Ausprägung reagieren.

    Einem schlicht hilfsbereiten Menschen, der zudem einigermaßen gut in der Gegenwart verankert ist, wird das kaum geschehen. Vergleichbare Beispiele für alle anderen Strategien liegen auf der Hand.

  • #6

    Ruth Finder (Montag, 20 Mai 2019 18:50)

    Ich finde Clemens Antwort sehr einleuchtend. Das Naheliegende ist nicht immer gleich zu sehen.

    Mein Ansatz in der Sache wäre:

    Man erkennt die Ablenkungsstrategien als solche daran, dass sie letztendlich eine oder mehrere der Drei Säulen des spirituellen Lebens nicht berücksichtigen/ sie tragen nicht zur deren Aufbau bei.

    Stattdessen errichtet der Ablenkungsstratege Potemkinsche Dörfer, die einem selbst und den anderen etwas vortäuschen, und/oder Kartenhäuser, die irgendwann unweigerlich zusammenbrechen.

  • #7

    L. (Dienstag, 21 Mai 2019 07:13)

    Fuer Satz zwei, drei und vier von S. haette ich gerne Erklaerungen.

  • #8

    Clemens (Mittwoch, 22 Mai 2019 09:50)

    Einrichtung richtet sich nach außen,
    Ausrichtung richtet sich nach innen.

  • #9

    R.G. (Mittwoch, 22 Mai 2019)

    Zu 4.:
    „Ablenkungsstrategien dienen der Zukunft“ - Wir haben den starken Wunsch danach, anzukommen, etwas zu erreichen/ zu schaffen. Und wir haben auch eine Vorstellung davon, wie es aussieht, wenn wir „unser Glück“ erreicht haben. „Ich habe fertig.“ Wieder etwas, was wir von unserer To-Do-Liste (oder besser To-Be-Liste) streichen können/wollen. Und das liegt immer in einer Zukunft, denn in der Gegenwart fehlt uns anscheinend immer etwas zum Glück.

    „...bauen auf Vergangenheit“ - Unsere Begründungen finden wir darin, dass wir entweder immer schon gut damit gefahren sind oder aufgrund unserer Vergangenheit so geprägt sind, dass wir nicht anders können.

    „...und stehlen das JETZT.“ - Das, was wir im gegenwärtigen Augenblick wahrnehmen, wollen/können wir nicht aushalten und verpassen so, wahrhaft innerlich wachsen und aus den vielen Möglichkeiten schöpfen (und an unserer Ausrichtung arbeiten) zu können.

  • #10

    Jonas (Donnerstag, 23 Mai 2019 08:16)

    zu 2: "Das Wesen der Ausrichtung erfreut sich daran, das Neue im Alten zu erfahren".

    In den sich ständig ändernden, für uns immer wieder neuen Situationen des Lebens ("das Neue") kommt es vor, dass wir darin göttliche Gesetzmäßigkeiten als wirkend erleben, die wir bereits vorher als Teil unserer Ausrichtung als wahr erkannt haben ("im Alten").

    Das Erkennen/Erleben des Wirkens Gottes in der jeweiligen Situation ist oft ein sehr erhebendes Gefühl, verbunden mit Freude ("Wesen...erfreut sich daran"). Unsere bestehende Ausrichtung (das Alte) wird dadurch im erlebten Teilaspekt (das Neue) als wahr erkannt, wird gefestigt und vertieft.

  • #11

    Ruth Finder (Donnerstag, 23 Mai 2019 11:06)

    Die Sätze sind HSelbst-erklärend und zugleich ent-Larve-nd:

    Zu 2. Es findet bei der Ausrichtung ein persönlicher spiritueller Modifikations-, Transformations- und Umwandlungssprozess statt: Es entsteht etwas Neues. Es findet aber nicht (!) ein Aufheben, ein Austausch, ein Ersetzen, ein Auslöschen der jetztigen Persönlichkeit statt, welche ihre Geschichte hat (alt ist). Das HS als perfekter Ausdruck der AP in den Trennungswelten bekommt bei der Ausrichtung neue erfreuliche Ausdruckszüge.

    Zu 3. "Sagt nicht: 'Ich habe die Wahrheit gefunden',

    sondern: 'Ich habe eine Wahrheit gefunden.'

    Sagt nicht: 'Ich habe den Weg der Seele gefunden.'

    Sagt: 'Ich bin auf meinem Weg der wandernden Seele begegnet.'

    Denn die Seele wandelt auf allen Wegen." (Khalil Gibran)

    Zu 4. Die Handlungen des HS sind unmittelbar, direkt, unbeeinflusst durch Hintergedanken, finden im Hier und Jetzt statt. Sie sind das Werk eines vereinten Wesens.

    Die der AP sind mittelbar: Sie laufen über Zwischenglieder. In diesem Fall über zukünftige und vergangene Gedanken. Man könnte sagen, sie werden von mindestens zwei Personen ausgeführt - wir erdachten Zukünftigen und wir gedachten Vergangenen.

  • #12

    Simon (Donnerstag, 23 Mai 2019 20:28)

    "Ablenkung scheint mir der Gegenpol von Aufmerksamkeit (im Sinne von Achtsamkeit) zu sein."

    Die Ablenkung ist eine Strategie der AP um sich selbst zu bestätigen. Ablenkung ist oder hat etwas trennendes und Trennung ist für die AP existenziell notwendig um sich als etwas eigenständiges zu erhalten.

    Man könnte meinen, Ablenkung ist doch auch eine Beruhigungsstrategie des Geistes die wir nutzen können, wenn die Gedanken zu sehr kreisen, etwas anderes uns gerade quält oder eine wichtige aber unbequeme Aufgabe auf uns wartet. Auf AP-Ebene macht das scheinbar auch Sinn. So nach dem Motto: erst mal Luft holen. Ist aber bei näherer Betrachtung eine (fast)endlose Tretmühle.

    (Ab)lenkungen werden unter der Aufsicht von Achtsamkeit zu einem aktiven und wachen Erleben.
    Das „Ab“ fällt weg. Die Lenkung aber bleibt über.

    Manche Ablenkungen werden durch Achtsamkeit klarer gesehen, manche bleiben aber relativ lange verborgen. Streckenweise können wir die Ablenkung beobachten, manchmal ist die Beobachtung selbst die Ablenkung. Häufig dann, wenn ein blinder Fleck mit im Spiel ist, z.B. die Achtsamkeit mit einem Ziel versehen wird, das uns nicht bewusst ist.
    Warum ein Gegenpol?
    Tendenziell nimmt die Ablenkung ab, wenn die Aufmerksamkeit/Achtsamkeit zunimmt und umgekehrt.

  • #13

    Simon (Freitag, 24 Mai 2019 18:54)

    Da war ich wohl abgelenkt,
    beim nächsten Mal also achtsamer sein.
    Dann schaffe ich es auch bis vier zu zählen. ^^

  • #14

    Ruth Finder (Samstag, 25 Mai 2019 12:40)

    Ich auch...
    Im #11 soll es heißen: "Die AP als perfekter Ausdruck des HS..."

  • #15

    L. (Donnerstag, 30 Mai 2019 06:36)

    Der Beitrag ist, ebenso wie eine ganze Reihe anderer, erhellend und weitergehender Beleuchtung wuerdig. Hier ist das recht gut gelungen.