Blinde Flecken

Oft bemerken wir das Ausmaß unserer eigenen blinden Flecken nicht. Wir sehen nicht, wie wenig Selbsterkenntnis wir haben und wie viel - endloses - Unheil wir bei uns und anderen anrichten. Es kann durchaus sein, dass wir alles über den Übungsweg wissen. Es kann auch sein, dass wir über alle Techniken Bescheid wissen. Doch manchmal unterschätzen wir die Schonungslosigkeit und Ehrlichkeit, die wir brauchen, um uns wirklich den Ängsten zu stellen, aus denen all unsere blinden Überzeugungen und Verhaltensweisen hervorgehen.

 

In gewisser Weise besteht das Problem darin, dass wir zu viel wissen. Zweifelsohne denken wir zu viel. Häufig reden wir zu viel. Es ist sehr einfach, die harte - und oft schmerzhafte - Arbeit authentischen Übens durch Wissen, Denken und Reden zu ersetzen. Ich will damit nicht sagen, dass das Üben eine bittere und schreckliche Angelegenheit sein muss. Je ehrlicher wir uns selbst anschauen und unsere blinden Flecken und Versteckspiele durchschauen, desto unbeschwerter werden wir. Warum? Weil wir mit zunehmendem Bewusstsein unnötiges Gepäck ablegen können - die Selbstbilder, an die wir uns klammern, die Masken und die Vorstellung von dem besonderen Menschen, der wir meinen sein zu müssen.

 

(Ezra Bayda, "Zen sein - Zen leben")

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Kommentare: 2
  • #1

    Ruth Finder (Donnerstag, 16 Mai 2019 17:02)

    Das Falsche

    Ein Chassid kam zu Rabbi Jakov ben Katz von Schargorod und fragte nach seiner Hilfe: „Rabbi, mein Gewissen lastet schwer auf mir: All die schlechten Gewohnheiten, all die Verirrungen und Verfehlungen. Ich bin ratlos und es fällt mir schwer, das Wahre zu sehen. Sag mir, was ich erlangen sollte, um zügiger meinen Weg beschreiten zu können!“

    Der Rabbi sagte schlicht: „Lassen! Versuche das Falsche zu lassen.“

    Der Chassid schrie auf: „Rabbi, Ihr spottet meiner! Von ganz weit weg habe ich Euch aufgesucht und gehofft, die Fülle zu erhalten, aber Ihr gebt mir nichts.“

    Der Reb antwortete: „Ich möchte dir ein Gleichnis erzählen. Wenn du dann immer noch denkst, dass ich dein Anliegen nicht ernst genommen habe, erstatte ich dir alle Reisekosten und entschuldige mich.“

    Der Mann willigte ein.

    „Ein Jude, tief gebeugt von der Last seines Brustbeutels, kam mit Hilfe eines Engels an Gottes Thron vorbei. In der Tasche waren seine Sünden, die er vor sich her schleppte und die ihn kaum noch den Weg erkennen ließen, so dass der Mann wie ein Sehbehinderter taumelte. Gott fragte den Mann, was er begehre. Der Jude flehte den Allmächtigen an, dass er ihm ganz viele Tugenden in seinen Rucksack lege, damit er sich Dank des Gegengewichts endlich aufrichten und dann mit klarerer Sicht weitergehen könne. Voller Erbarmen griff Gott in die Brusttasche des Juden hinein und schmiss ein paar blinde Flecken heraus - so konnte der Mann seinen Herren etwas besser sehen - und sagte: „Jetzt muss du selber versuchen, deine Lasten wegzuwerfen, dann kannst du gerader gehen, den Weg erkennen und das Richtige tun.“

    Als der Chassid die Geschichte zu Ende gehört hatte, verbeugte er sich vor dem Rabbi und ging nach Hause.

  • #2

    K (Donnerstag, 16 Mai 2019 21:02)

    Eine ganz weise Geschichte :)