Hesychasmus

Evagrios Ponticos (345-399) beschreibt in seinem "Praktikos" die die göttliche Wesensnatur und ihre Verwirklichung einschränkenden und korrumpierenden destruktiven Gedankenversuchungen und die von ihnen hervorgebrachten Leidenschaften folgendermaßen:

 

"Es gibt acht grundlegende Gedankenkategorien, in denen alle Gedanken enthalten sind. Die erste ist die Gaumenlust, es folgen dann die Unkeuschheit, die Habsucht, die Traurigkeit, der Zorn, der Überdruß, die Ruhmsucht und zuletzt kommt der Stolz. Ob diese Gedanken uns belästigen oder nicht, liegt nicht in unserer Macht. Ob sie aber in uns herumlungern oder nicht und damit unsere Leidenschaften entfachen, darüber haben wir Macht."

 

Interessant finde ich den Ansatz, dass wir nicht die Macht über das Vorkommen der Gedankenformen haben. Also, dass wir diesen Gedanken alle mehr oder weniger und in unterschiedlicher Kombination ausgesetzt sind. Wir können also nicht aktiv daran arbeiten, dass bestimmte Gedanken nicht auftauchen, in unserem Gedankenkörper erscheinen.

 

Woran wir aber arbeiten können und müssen, ist, in welchem Maße wir ihnen Bewegungsspielraum in uns lassen. Denn - lassen wir ihnen diesen Raum - entstehen daraus Leidenschaften. Also Emotionsformen und aktiv, grobstofflich ausgelebtes Tun/Nichttun. Spätestens hier entsteht Karma. Oder Schuld und Sünde, wie es im christlichen Kontext eher heißt.

 

Interessant auch der Unterschied zu den mittelalterlichen sieben Todsünden:

1. Hochmut (Stolz, Eitelkeit, Übermut)
2. Geiz (Habgier, Habsucht)
3. Wollust (Ausschweifung, Genusssucht, Begehren, Unkeuschheit)
4. Zorn (Jähzorn, Wut, Rachsucht)
5. Völlerei (Gefräßigkeit, Maßlosigkeit, Unmäßigkeit, Selbstsucht)
6. Neid (Eifersucht, Missgunst)
7. Faulheit (Feigheit, Ignoranz, Überdruss, Trägheit des Herzens)

 

Aufgefallen? Ja, "Traurigkeit" oder auch in anderer Übersetzung "Kummer" kommt unter den Todsünden nicht vor. Was wäre denn da die Leidenschaft, die aus Traurigkeit entsteht? Oder was ist Traurigkeit als Leidenschaft, wie äußert sie sich?

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Kommentare: 8
  • #1

    R.G. (Samstag, 11 Mai 2019 20:09)

    Sie äußert sich in einer gewissen Egozentrik, also darin, nicht gut von sich selbst absehen zu können. Dadurch ist es auch kaum möglich, sich positiv mit Anderen zu verbinden und in Beziehung zu gehen, Dinge zu tun, die sich und Andere erfreuen.

  • #2

    Ruth Finder (Samstag, 11 Mai 2019 20:17)

    Und immer wieder:

    Rabbi Jizchak Meir von Ger hat mit starken Worten in einer Predigt vor Selbstpeinigung gewarnt: "Wer ein Übel, das er getan oder erfahren hat immerzu beredet und besinnt, hört nicht auf, das Gemeine, das er getan oder erfahren hat, zu denken. Und was man denkt, darin liegt man, mit der Seele liegt man ganz und gar darin. Er wird gewiss nicht umkehren können, denn sein Geist wird grob und sein Herz stockig werden, und es mag auch noch die Schwermut über ihn kommen. Was willst du? Rühr' her den Kot, rühr' hin den Kot, bleibt's doch immer Kot. Ja, gesündigt, nicht gesündigt, was hat man im Himmel davon? In der Zeit, wo ich darüber grüble, kann ich doch Perlen reihen dem Himmel zur Freude. Darum heißt es: "Weiche vom Bösen und tue das Gute" - wende dich von dem Bösen ganz weg, sinne ihm nicht nach und tue das Gute. Unrechtes hast du getan oder erduldet? Tue Rechtes ihm entgegen."

  • #3

    Ruth Finder (Samstag, 11 Mai 2019 21:03)

    Ich finde es wirklich interessant, dass dieser Blogbeitrag heute drin steht und auch noch, dass C. ihn seit vorgestern schon vorgesehen hat. Interessant nämlich, weil ich über dieses Thema bzw. über Ähnliches auch seit drei Tagen nachdenke.

    Beim Meditieren kam mir plötzlich der Gedanke (oder eher starkes Empfinden), dass unser Ego/AP ein FEIGLING ist (ich hatte nicht einmal die Zeit, aktiv darauf reagieren, dass dieser Gedanke bei mir nicht auftaucht ^^). In den nächsten Stunden und Tagen habe diesbezüglich hin und her überlegt.

    Es stimmt: Statt sich mit den ganzen Gedankenversuchungen auseinanderzusetzen, stürzt man sich aus Trägheit, Nicht-wissen-wollen, sie-nicht-aushalten-können und aus Feigheit hinein - im angeblichen Guten wie im Bösen.

    Unsere wahre Natur/HS ist aber GLEICHMÜTIG - ist MUTIG, also geht sie mit dem gleichen Mut des Wissens, der Erkenntnis, des weisen Herzens an die (Wider-)Sachen heran.

  • #4

    R.G. (Sonntag, 12 Mai 2019 08:04)

    Zu dem letzten Absatz von R.F. bezüglich unsrer wahren Natur/HS habe ich folgenden Gedanken:
    Da unsere AP zu jeder Zeit der vollkommene Ausdruck unseres HS in den Trennungswelten ist, muss sich die Aussage doch auf das HS außerhalb der Welten der Trennung beziehen. Was heißt das dann für unser Wirken in der Welt? Wohl dass wir üben müssen. Wir müssen lernen immer aufmerksamer zu werden. Ohne Innenschau und Selbstanalyse ist das nicht möglich. Da unser HS in den Trennungswelten noch lernen muss und nicht unfehlbar ist, sind wir auch auf Rückmeldungen unserer Gemeinschaft und unseres Lehrers angewiesen um nicht unwissentlich in die Irre zu gehen.

  • #5

    R.G. (Sonntag, 12 Mai 2019 08:16)

    Und das wiederum geht nur, wenn wir uns darauf einlassen Erfahrungen in der Welt zu sammeln, auszuprobieren, Entscheidungen zu treffen, mit dem Leben zu verschmelzen, unabhängig davon, was dieses Leben für uns bereit hält.

  • #6

    Ruth Finder (Sonntag, 12 Mai 2019 10:30)

    Wir sind beides - feige und mutig. Ich für mein Part sage: deutlich mehr feige als mutig. Dem Rest stimme ich zu.

  • #7

    Jonas (Montag, 13 Mai 2019 18:03)

    - gute, stimmige Gedanken von Euch allen.

    Für mich würde als Leidenschaft zur Traurigkeit/Kummer vor allem Selbstmitleid passen, denn die AP liebt es, sich bei Schicksalsschlägen selbst zu bedauern. "Warum passiert gerade mir das, warum werde ich bestraft?" wären klassische AP-Fragen, die immer wieder gewälzt werden und so auf den AP-Egoismus stärkend wirken.

    Auf der Gefühlsebene würden sich auch noch Minderwertigkeitsgefühle einstellen, man fühlt sich klein, wertlos, verloren und ungeliebt, den Peitschenhieben des Schicksals ungeschützt ausgeliefert.

  • #8

    Simon (Montag, 13 Mai 2019 20:41)

    Es gibt Tage, wo man so traurig ist, dass man sich noch trauriger machen möchte.
    (Gustave Flaubert)

    Mein bewährtes Rezept gegen Trübsinn: Diät, Beschäftigung, Einschränkung der Begierden.
    (Johannes von Müller)

    Bei Trauer bringe man sein ganzes Leid zum Ausdruck, aber man übertreibe nicht.
    (Konfuzius)