Yoga-Sutra Abschnitt 17

IV,10 Die unterbewussten Antriebe sind ohne Anfang, so wie der Drang zur Entfaltung der Welt innewohnt und keinen Anfang hat.
IV,11 Die Entstehung der Eindrücke basiert auf den fünf Leidursachen, dem Zweck des jeweiligen Handelns und der Hinwendung zu weltlichen Dingen, und mit dem Verschwinden dieser Faktoren entstehen auch keine neuen Eindrücke mehr.

IV,12 Das schon Gewesene und das noch nicht Gewesene existieren in ihrer jeweils eigenen Art, so wie Vergangenheit und Zukunft der Wesensformen von verschiedener Seinsform sind.
IV,13 Die drei Ur-Wirkformen machen die Wesensformen aus, seien diese sichtbar oder verborgen.
IV,14 Ein Objekt entsteht und existiert in seiner Eigenart, wenn die Träger der Ur-Wirkformen sich dafür im Einklang befinden.

IV,15 Aus der Verschiedenheit eines Bewusstseins vom anderen, auch während sie dasselbe Objekt wahrnehmen, lässt sich schließen, dass Welt und Vorstellung zwei tatsächliche unterschiedliche Seinsweisen sind.
IV,16 Es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass ein Objekt nur in Bezug auf das Eine Bewusstsein existierte; denn was hieße es dann "zu sein"?

IV,17 Ein Bewusstsein erkennt ein Objekt in dem Maße, wie es von diesem gleichsam gefärbt wird.
IV,18 Das dem Bewusstsein übergeordnete Selbst hingegen unterliegt keinen Veränderungen und erkennt dessen Zustand immer und unmittelbar.
IV,19 Da das Bewusstsein also wahrgenommen wird, ist es nicht die Quelle der Wahrnehmungskraft an sich.
IV,20 Und ein Bewusstsein kann nicht Objekt der eigenen Wahrnehmung sein.

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Kommentare: 8
  • #1

    Clemens (Dienstag, 30 April 2019 20:31)

    Hier wird Mitdenken nochmal sehr spannend...

  • #2

    R.G. (Mittwoch, 01 Mai 2019 06:50)

    IV,17 Ein Bewusstsein erkennt ein Objekt in dem Maße, wie es von diesem gleichsam gefärbt wird.
    Wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Färbungen? Dadurch, dass wir unterschiedlich in Resonanz mit Objekten gehen?

  • #3

    R.G. (Mittwoch, 01 Mai 2019 06:54)

    IV,18 Das dem Bewusstsein übergeordnete Selbst hingegen unterliegt keinen Veränderungen und erkennt dessen Zustand immer und unmittelbar.

    Das HS außerhalb der Trennungswelten?

  • #4

    Jonas (Donnerstag, 02 Mai 2019 08:29)

    #3: Ja, nur so macht der Text Sinn. Unser HS innerhalb der Trennungswelten soll ja lernen, sich als "Ich" zu erleben, sich zu individualisieren, als scheinbar getrenntes Wesen. Aufgabe ist es, unserem Selbst Ausdruck zu verleihen - es verändert sich in diesem Prozess permanent.

    Inwieweit die Teile unseres Selbstes, die außerhalb der Welten der Trennung sind, dadurch auch mitverändert werden, darüber kann man spekulieren. Meiner Ansicht und Erfahrung nach ist zumindest eine Beeinflussung gegeben, denn ansonsten wäre unser ganzes Ausbildungsprogramm "Mensch" ja sinnlos.

    Denn dann würde alles, was wir in den Trennungswelten gelernt haben, unsere mühsam errungene Individuation, unsere Erfahrungen und die gewonnene Weisheit, im Zuge der Theose wieder vollständig aufgelöst werden. Das scheint mir unlogisch zu sein.

    Aber vielleicht übersieht man bei dieser Überlegung, dass unser HS außerhalb der Trennungswelten möglicherweise einen sehr weiten Bereich mit vielen Zwischenstufen beinhaltet, sodass allgemeine Aussagen darüber auch in dieser Hinsicht nicht zielführend sind.

    Was mir aber ziemlich sicher erscheint und das möchte ich in diesem Zusammenhang anmerken, ist, dass wir auch jenseits der Welten der Trennung ein "Selbst" haben, wir uns also als (von Gott nicht getrenntes) WESEN empfinden, auch wenn wir diesem unserem Selbst keinen Ausdruck verleihen. Wir sind dort TEIL des Ganzen.

    Bitte um Korrektur, wenn ihr das anders seht.

  • #5

    Clemens (Donnerstag, 02 Mai 2019 09:18)

    Ja, die Aussage "das dem Bewusstsein übergeordnete Selbst" scheint mir auch einfach verkürzt. Es ist wohl eher so, wie Jonas das mit dem "sehr weiten Bereich" in Erwägung zieht. Wenn man von "großer Tiefe" spräche, dann könnte man auch vom "Wesensgrund" sprechen. Dort könnte unveränderliche Selbstidentität mit Gottesidentität zusammenlaufen. Quasi die innerste, göttliche Wesensnatur des HS. Spannend!

  • #6

    Jonas (Donnerstag, 02 Mai 2019 10:36)

    In dem Zusammenhang erhält der von Meister Eckhart geprägte Begriff des Urgrundes möglicherweise seine Bedeutung. Es wäre dann der finale Bereich, wo unser Selbst tatsächlich endet.

  • #7

    Jonas (Donnerstag, 02 Mai 2019 14:14)

    #2: "Wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Färbungen?" - meiner Meinung nach durch unsere AP, durch ihren kulturellen Kontext, ihre Erfahrungen, Konzepte, Sicht auf die Welt. In dem Moment, wo wir etwas neutral wahrnehmen, mischt sich schon die AP ein und sagt uns, ob es blau oder weiß, gut oder schlecht ist und ruft uns dazu alte Erinnerungen ins Bewusstsein. Das läuft bei Jedem anders ab, daher die unterschiedlichen Färbungen ein- und derselben Wahrnehmung.

    Im Zustand des Seins - auf HS Ebene - würde das wegfallen, wir würden das Entstehen und Vergehen der Eindrücke, die auf der Leinwand (im leeren Raum) unseres Bewusstseins auftauchen, ohne zu Bewerten einfach nur registrieren. Wir wären nur (HS-) Beobachter, die das Kommen und Vergehen von Sinneseindrücken, Gefühlen und Gedanken aus der Distanz heraus betrachten und wären als HS ohne Färbung. Die "Färbung" hätte ich also so verstanden, dass wir als AP durch die Eindrücke in irgendeiner Weise affektiert/berührt werden. Das ist an und für sich nichts Schlechtes, wir sollen ja durch die Färbung Erfahrungen machen.

    Wobei das Bewusstsein selbst meiner Meinung nach nicht gefärbt wird, es ist bloß Träger der Farbe - im Gegensatz zum Text, wo proklamiert wird, dass das Bewusstsein selbst farblich verändert wird (IV,17).

    IV,20 "Und ein Bewusstsein kann nicht Objekt der eigenen Wahrnehmung sein"
    - wenn man das Wort "Objekt" nicht allzu streng materialistisch auslegt und von der HS-Ebene ausgeht, dann würde ich das Gegenteil behaupten: Man kann sein Bewusstsein auch wahrnehmen. Beispielsweise wenn man es über die Körpergrenzen hinweg etwa in den Raum hinein ausdehnt, wo man sich gerade befindet. Oder in einen Gegenstand hinein. Dadurch wird es ja erst möglich, dass man über "Attunement" (Daskalos) Eindrücke davon aufnehmen kann.

  • #8

    Clemens (Samstag, 04 Mai 2019 20:19)

    Ja, die unterschiedlichen Färbungen... Sehr verkürzt und auch auf kosmologische Perspektive bezogen könnte man sagen: In einem bewegten System (frei im Raum und immer voran in der Zeit) kann es niemals identische Blickrichtungen geben. Dazu dann noch all die individuellen Aspekte des Blickenden wie Jonas sie ausführt.