Interessante Frage

Fromm wirft in seinem "Haben oder Sein" mit einer Bemerkung am Rande - er spricht davon, dass früher "Profit" Gewinn für die Seele geheißen habe und sich das erst in den letzten Jahrhunderten geändert habe. Er schreibt dann etwas weiter:

 

"Dies geschah in jener Epoche, als das Bürgertum nicht nur die politischen Fesseln abwarf, sondern auch alle Bande der Liebe und Solidarität, und zu glauben begann, wer NUR für sich selbst sei, sei mehr er selbst, nicht weniger."

 

Wer nur für sich selbst ist, ist mehr er selbst, nicht weniger. Da kann man trefflich über beide Richtungen (ja und nein) meditieren.

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Kommentare: 3
  • #1

    Simon (Freitag, 26 April 2019 18:26)

    Selbst, auch: Selbstkonzept, ein in Psychologie, Pädagogik und Philosophie in unterschiedlicher Bedeutung genutzter, unscharfer Begriff:
    – nach C.G.Jung als regelnde Instanz im Unbewussten, die er vom bewussten Ich abgrenzte (Analytische Psychologie);
    – als Wesenskern oder Urgrund der Persönlichkeit bzw. personalen Seins, der unabhängig von wechselnden Bewusstseinsinhalten oder Situationen existiert (Identität, Individualpsychologie);
    – als Grundstruktur von Einschätzungen des eigenen Denkens und Handelns mit Bezug auf Eigenheiten des sozialen Bezugssystems (Freundschaft; Bindungsforschung),
    – als relativ überdauerndes Grundmuster individueller Erfahrungen über die Besonderheiten der Beziehungen zur sozialen Umwelt.

    Wir können das Selbst mit der Erfahrung unserer Person in Einklang bringen, dann hat das Selbst etwas unbeständiges, dynamisches und wandelbares.
    In diesem Kontext:
    Wer hier nur für sich "selbst" ist, ist weniger er selbst, nicht mehr.

    In einem erweiterten Kontext, der über das Personelle hinausgeht könnte man das Selbst als etwas schauendes sehen (sehen ist das falsche Wort, aber mir fällt nichts besseres ein). Beständig, wahrscheinlich dynamisch und vielleicht auch wandelbar (wer dazu eine Idee hat, ich würde sie gerne hören). ^^
    In diesem Kontext:
    Wer nur für sich selbst ist, ist mehr er selbst, nicht weniger.

  • #2

    R.G. (Samstag, 27 April 2019 11:35)

    Ja: "Die Tyrannei des Wir, dieses ganze Gerede von Wir, all dieser Mist, den das Wir einem aufladen will. Er wollte nichts mit der Tyrannei des Wir zu tun haben, das alles daransetzt, einen einzusaugen, dieses zwingende, einvernehmende, historische, unvermeidliche, moralische WIR mit seinem hinterhältigen E pluribus unum." (Philip Roth, Der menschliche Makel)
    Nein: Denn ohne ein In-Beziehung-Gehen mit Anderen kann man sich leicht der Illusion hingeben, man hätte bereits alles für ein treffliches Selbst erreicht.

  • #3

    Jonas (Sonntag, 28 April 2019 11:47)

    "Wir können das Selbst mit der Erfahrung unserer Person in Einklang bringen" - wenn man daran anknüpft, könnte man das Selbst zum einen Teil als die derzeitige Persönlichkeit betrachten, die fehlerbehaftet einem permanentem Wandel, Versuch und Irrtum unterworfen ist. Das ist aber nur ein winziger Teil von uns, den wir hier ausdrücken. (NEIN)

    Wenn wir andererseits unser Selbst als permanente Persönlichkeit ((Teil der) Seele?) auffassen, also die Essenz all unserer Erfahrungen, gelernten Lektionen und destillierten Weisheit in den Welten der Trennung, würden wir mehr wir selbst sein - (JA)