Krücken

Sieben Jahre wollt kein Schritt mir glücken,
Als ich zu dem großen Arzte kam
Fragte er: Wozu die Krücken?
Und ich sagte: Ich bin lahm.

Sagte er: Das ist kein Wunder,
Sei so freundlich, zu probieren!
Was dich lähmt, ist dieser Plunder.
Geh, fall, kriech auf allen Vieren!

Lachend wie ein Ungeheuer
Nahm er mir die schönen Krücken
Brach sie durch auf meinem Rücken
Warf sie lachend in das Feuer.

Nun, ich bin kuriert: ich gehe.
Mich kurierte ein Gelächter.
Nur zuweilen, wenn ich Hölzer sehe
Gehe ich für Stunden etwas schlechter.

(Ruth Finder zitiert Bertolt Brecht mit dem Wunsch nach trefflichen Interpretationen)

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Kommentare: 4
  • #1

    Jonas (Mittwoch, 24 April 2019 16:30)

    Eine mögliche Interpretation: Krücken sind einmal Hilfsmittel, um sich fortbewegen zu können. Im übertragenen Sinn könnte man sie als Glaubens-, Religions- oder spirituelle Systeme betrachten, die wir glauben zu brauchen, um uns weiterentwickeln zu können. Sie sind uns lieb und teuer, wir mögen sie, was durch den Begriff der für uns "schönen" Krücken zum Ausdruck kommt.

    Wir sind unsere Krücken gewohnt, verwenden sie bereits sehr lange (7 Jahre) und erfahren erst durch die Hilfe des Arztes (Meister, Lehrer), dass wir diese Lehrgebäude gar nicht brauchen, ja, dass sie unserem Fortschreiten sogar hinderlich sind.

    Wir werden davon in einem Katharsis- Erleben befreit, indem sie durch unseren Rücken zerbrochen und im Feuer der (eigenen) Erkenntnis verbrannt werden.

    Die Krücken können auch allgemeiner gesehen für unsere Gewohnheiten/Einstellungen stehen, die unseren Fortschritt behindern und durch den Arzt (Karma) im Fegefeuer des Leidens aufgelöst werden.

  • #2

    R.G. (Donnerstag, 25 April 2019 16:51)

    Klingt nach einer Beschreibung des beginnenden sich Herausdrehens aus der Verwicklung, nach Weg-Arbeit.

    „Nur zuweilen, wenn ich Hölzer sehe
    Gehe ich für Stunden etwas schlechter.“
    Und immer wieder die Verwechselung mit der AP.

  • #3

    Clemens (Donnerstag, 25 April 2019 17:36)

    Bei dem Seh-Effekt der Hölzer auf die Verfassung dachte ich an eigentlich überwundene Elementale, die immer mal wieder zurückkehren und - möglicherweise auf etwas höherem Niveau - prüfen, ob sie nicht doch noch andocken und etwas ätherische Vitalität absaugen können. Was ja hier im Beispiel auch temporär, wenn auch nicht wieder dauerhaft (Stunden statt sieben Jahre) funktioniert!

  • #4

    Ruth Finder (Donnerstag, 25 April 2019 20:02)

    Ja, dieses Gedicht hat es in sich. Ich stimme allen Kommentatoren zu.

    Hier noch etwas:

    "Lachend wie ein Ungeheuer nahm er mir die schönen Krücken" und weiter "Mich kurierte ein Gelächter".

    Es ist die Angst der AP vor Veränderung und ihr Sich-dagegen-Streuben, welche einem das "berühmte" Furcht vor dem Meister/Lehrer/Gottes Offenbarung verspühren lässt. Der Meister lächelt ruhig und wohlwollend und vor allem wissend, aber der AP kommt das als schallendes, ungeheuerliches Gelächter vor: Sie brennt in seinem, des Meisters, Licht! Eine verkehrte Welt eben.