Fasten

Bei einem Drittel des Studienkreises war/ist zur Zeit "Fastenfieber" ausgebrochen. ^^

Dazu eine schöne Geschichte aus einem Fastenbuch ("Leben spüren" von Peter Müller), das die seelischen, geistigen, spirituellen Aspekte des Fastens darstellt. Aus meiner Sicht bietet aber diese Geschichte mehr Raum für Interpretationen. Ich halte mich mit meinen Überlegungen erstmal etwas zurück. Vielleicht hat jemand ein paar Ideen dazu.

Khing, der Meisterschnitzer, schnitt einen Glockenständer aus kostbarem Holz. Als er fertig war, meinten alle, die ihn sahen, das sei das Werk der Geister, so Schönes könne einem Menschen nicht gelingen.

Der Fürst von Lu fragte den Schnitzer: "Hast du ein Geheimnis?"

Khing erwiderte: "Ich bin ein Handwerker und habe kein Geheimnis. Es ist einfach so: Als ich über das Werk nachzudenken anfing, das du mir aufgetragen hattest, sammelte ich meinen Geist, dachte nicht mehr an Kleinigkeiten, die am Rande liegen. Ich fastete, damit mein Inneres zur Ruhe käme. Nach drei Tagen strengen Fastens hatte ich Lohn und Erfolg vergessen. Nach fünf Tagen dachte ich nicht mehr an Lob und Tadel. Nach sieben Tagen spürte ich meinen Körper nicht mehr und keines meiner Glieder. Ich wusste nicht mehr, dass ich am Hofe Eurer Hoheit war. Alles, was mich von der Arbeit ablenken konnte, war fortgetilgt. Ich war auf einen Punkt hin gesammelt: den Glockenständer.

Dann ging ich in den Wald und sah mir die Bäume an, wie sie gewachsen waren. Als ich dann den einzig richtigen Stamm erblickte, war die Figur des Glockenständers schon in ihm, ganz klar und rein. Ich ging an die Arbeit, und die Form des Glockenständers schälte sich wie von selbst heraus.

Hätte ich nicht jenen bestimmten Baum erblickt, gäbe es diesen Glockenständer nicht. Was eigentlich geschah? Mein einziger gesammelter Gedanke traf auf die verborgene Gestalt im Holz. Aus dieser Begegnung erwuchs das Werk, das ihr den Geistern zuschreibt."

(Ruth Finder)

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Kommentare: 4
  • #1

    Jonas (Donnerstag, 18 April 2019 14:57)

    Zwei Dinge zeigen sich meiner Meinung nach recht deutlich in der Geschichte:

    - Das stufenweise, immer tiefer gehende Frei-Werden von sich selbst (von der AP) durch Verzicht (durch Fasten), obwohl das die AP überhaupt nicht mag, weil sie sich dadurch angegriffen fühlt, und erfahrungsgemäß recht kratzbürstig darauf reagiert.

    Fasten sollte man nicht nur auf die eigenen drei trennungsweltlichen Körper bezogen sehen, sondern auch hinsichtlich der anderen zwei spirituellen Säulen. Es hat eine umfassendere Bedeutung als nur der bloße Entzug von materieller Nahrung.

    Dieses schrittweise, umfassende Leer-Werden bedingt, dass sich das Göttliche in den Menschen ergießt (s. Meister Eckhart).

    - Die Einheit des Schöpfers im Akt der Schöpfung mit dem Geschaffenen (atonement), hier die völlige Auflösung des eigenen Willens, der eigenen Vorstellungen/Konzepte und daraus resultierend die absolute Umsetzung des göttlichen Willens. Daraus resultiert die unglaubliche Perfektion des Geschaffenen.

  • #2

    Clemens (Donnerstag, 18 April 2019 19:30)

    Ich finde hier auch die drei STUFEN der Fastenwirkung interessant. Und überlegenswert ist auch, ob und wie wir sie direkt auf die/unsere spirituelle Entwicklung übertragen können - und wo wir uns möglicherweise befinden (und wo noch nicht):

    "Nach drei Tagen strengen Fastens hatte ich Lohn und Erfolg vergessen.
    Nach fünf Tagen dachte ich nicht mehr an Lob und Tadel.
    Nach sieben Tagen spürte ich meinen Körper nicht mehr und keines meiner Glieder.
    Alles, was mich von der Arbeit ablenken konnte, war fortgetilgt."

    Interessant auch, dass dann letztlich ARBEIT übrigbleibt. Und die ungestörte Fähigkeit, sie auszuüben! Wir denken doch eher anders herum: Ich arbeite für Lohn und Erfolg, für Lob und Tadel, für den Erwerb (drei-)körperlichen Wohlempfindens...

  • #3

    R.G. (Samstag, 20 April 2019 09:11)

    "Hätte ich nicht jenen bestimmten Baum erblickt, gäbe es diesen Glockenständer nicht."
    Durch Weg-Arbeit erkennen wir immer mehr, dass alles bereits da ist und durch uns nur verwirklicht werden muss.

  • #4

    Ruth Finder (Samstag, 20 April 2019 18:37)

    "Khing, der Meisterschnitzer, schnitt einen Glockenständer aus kostbarem Holz. Als er fertig war, meinten alle, die ihn sahen, das sei das Werk der Geister, so Schönes könne einem Menschen nicht gelingen":

    Wie oft sagt man zu jemandem, dem "so Schönes" in seinem Leben gelingt - sei es im Denken, im Reden oder in seinem Tun : "Ja, du hast es gut" oder "Dir fällt das eben leicht" oder "Ja, du hast gut reden." Als ob alles wie von Geisterhand passieren würde bzw. vom Himmel fallen würde. Dass dieser jemand sich bemüht hat, an sich zu arbeiten, will das unwissende, unwillige Ego des Gegenübers in seiner Eitelkeit nicht anerkennen und macht es madig.

    Auch die Zeiträume bei den einzelnen Etapen des Freiwerdens - drei Tage "Lohn und Erfolg", fünf Tage "Lob und Tadel", sieben Tage "Körper und Glieder" - sind aus meiner Sicht nicht umsonst in so einer Reihenfolge gewählt worden. Man kann relativ leicht auf die eigene Wirkung in der Welt verzichten, es fällt einem aber ungleich schwer, die Geltungssucht des Egos zu überwinden (es gibt ein parr schöne chassidische Geschichten über Asketen dazu). Und die Beherrschung der animalischen Ebene dauert noch länger. Das ist allerdings keine starre Abfolge. Die "Stufen" werden teils gleichzeitig bearbeitet.

    Und die Geister spielen NATÜRLICH eine Rolle im Ganzen: Das ist der Gnadenaspekt. Aber die Gnade ist eben KEINEM vorenthalten!