Yoga-Sutra Abschnitt 6

DER WEG


II,1 Grundlage der Yogapraxis sind Disziplin, selbsterforschende Vertiefung in die überlieferte Lehre und hingebungsvolles Streben zu Gott.
II,2 Das Ziel ist, den Zustand des Einsseins zu erreichen und die Leidursachen zu sublimieren.

II,3 Die fünf Ursachen des Leides sind: das Nicht-Wissen um die wirkliche Natur der Dinge, die Vorstellung von der Existenz des Ichs, Zuneigung, Abneigung und die Sorge um das eigene Leben.
II,4 Das Nicht-Wissen liegt den anderen Leidursachen zugrunde, sie können gerade nicht wirkend, schwach wirksam, in ihrer Wirkung unterbrochen oder stark ausgeprägt sein.

II,5 Nicht-Wissen ist es, Vergängliches für ewig dauernd zu halten und Unreines für rein, das Leidvolle nicht als solches zu erkennen und für angenehm zu erachten und das eigentliche Wesen im Unwesentlichen zu sehen.
II,6 Die Ich-Vorstellung ist Leidursache insofern, als man sich mit dem Körper, der Wahrnehmungs- und Denkfähigkeit identifiziert und darin sein eigentliches Wesen sieht.
II,7 Zuneigung entsteht aus der Verfolgung von angenehmen Gefühlen.
II,8 Abneigung entsteht aus der Verfolgung von unangenehmen Gefühlen.
II,9 Die Sorge um das eigene Leben liegt allem Lebendigen zugrunde und ist selbst dem Weisen noch eigen.

II,10 Diese tiefverwurzelten fünf Leidursachen sind nur durch Zurückströmenlassen zu beseitigen.
II,11 Die von ihnen herrührende geistige Bewegtheit und Unruhe sind durch Meditation unter Kontrolle zu bringen.

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Kommentare: 5
  • #1

    Clemens (Freitag, 22 März 2019 12:12)

    "II,3 Die fünf Ursachen des Leides sind: das Nicht-Wissen um die wirkliche Natur der Dinge, die Vorstellung von der Existenz des Ichs, Zuneigung, Abneigung und die Sorge um das eigene Leben."

    Bezüglich des zweiten Punktes "Vorstellung von der Existenz des Ichs" muss ich mich immer wieder als Anhänger der erloschenen Schule der Pudgalavadins bekennen. Wir sollten hier richtiger Lesen: "die Identifikation mit der AP" oder "die Vorstellung von der Dauerhaftigkeit/Unveränderlichkeit der AP".

  • #2

    Clemens (Freitag, 22 März 2019 12:15)

    Und Zuneigng und Abneigung selbst sind nicht das Problem (sie sind eher Ausdruck der zu erwerbenden und schon erworbenen Individualität) - das eigentliche Problem ist die Anhaftung an Zu- und Abneigung. Unsere Unfreiheit ihnen gegenüber, wenn es um rechtes Tun etc. geht.

  • #3

    Clemens (Freitag, 22 März 2019 12:20)

    "II,9 Die Sorge um das eigene Leben liegt allem Lebendigen zugrunde und ist selbst dem Weisen noch eigen."

    Ein gutes Beispiel für den animalischen Imperativ. Solange wir im Fleische wandeln, wandelt das Fleisch mit uns und hat seine eigenen Bedürfnisse. Auch hier geht es nicht um die Überwindung der animalischen Ebene - das geht gar nicht. Es geht um (schrittweise zu erwerbende) Freiheit gegenüber den Impulsen, damit rechtes Tun etc. zuletzt in jeder Situation möglich wird.

  • #4

    Clemens (Freitag, 22 März 2019 18:38)

    "II,7 Zuneigung entsteht aus der Verfolgung von angenehmen Gefühlen.
    II,8 Abneigung entsteht aus der Verfolgung von unangenehmen Gefühlen."

    Verfolgung! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: "Abneigung entsteht aus der VERFOLGUNG von unangenehmen Gefühlen."

  • #5

    Ruth Finder (Freitag, 22 März 2019 22:51)

    II,1 und als eine Ergänzung zu #3 bezüglich II,9:

    "Triebe brechen"

    Ein junger Mann gab dem Riziner ein Bittzettel, auf dem stand, Gott möge ihm beistehen, damit es ihm gelinge, die Bösen Triebe zu brechen.
    Der Rabbi sah ihn lachend an: "Triebe willst du brechen? Rücken und Lenden wirst du brechen, und einen Trieb wirst du nicht brechen. Aber bete, lerne, arbeite im Ernst, dann wird das Böse an deinen Trieb von selbst verschwinden."

    II,6 (siehe dazu auch #1):

    Ich

    "Ich stehe zwischen Gott und Euch."
    Rabbi Michal von Zlotschow sprach zu diesem Schriftsatz: "Nur das ICH, das Empfinden des eigenen Ich, ist die Scheidewand zwischen uns und Gott. Denn Gottes Herrlichkeit ruht nur auf demjenigen, der sich für nichts hält."