Linquan Conglun

Der Caodong(Sôtô)-Mönch Linquan Conglun (ohne Lebensdaten) war ein Dharma-Erbe von Wansong Xingxiu (1166-1246), dem Abt des Tempels Bao'en si in Yanjing, dem heutigen Beijing. Er stellte die Kôan-Sammlungen Konggu ji ("Anthologie des Leeren Tales") zusammen. Daraus:
Der Fall
Yaoshan sagte zum Novizen Gao: „Ich hörte, dass es in Changan sehr laut ist.“ Der Novize erwiderte: „Meine Provinz ist friedlich.“ Yaoshan sagte erfreut: „Hast du das durch die Lektüre von Schriften erkannt oder infolge von Befragungen?“ Der Novize antwortete: „Weder noch.“ Yaoshan sagte: „Viele Menschen lesen keine Schriften und stellen keine Fragen – warum erkennen sie es nicht?“ Der Novize antwortete: „Ich behaupte nicht, sie würden es nicht erkennen. Es ist aber so, dass sie sich weigern, es umzusetzen.“
Linquans Kommentar:
Als Gao zum ersten Mal Yaoshan begegnete, fragte dieser ihn: „Woher kommst du?“ Gao sagte: „Von Nanyue.“ Der Meister fragte: „Wo gehst du hin?“ Gao sagte: „Nach Jiangling, um die Gebote zu empfangen.“ Der Meister fragte: „Was ist der Sinn des Gebote-Empfangens?“ Gao sagte: „Geburt-und-Tod zu entfliehen.“ Der Meister fragte weiter: „Es gibt jemanden, der keine Gebote empfängt und nicht Geburt-und-Tod entfliehen muss – kennst du ihn?“ Gao erwiderte: „Was ist dann der Sinn von Buddhas Regeln?“ Der Meister meinte: „Dieser Novize hat noch immer Lippen und Zähne.“ Gao verbeugte sich und zog sich zurück. Daowu gesellte sich zu Yaoshan, der sagte: „Dieser lahmende Mönch, der gerade angekommen ist, hat doch noch Leben in sich.“ Daowu meinte: „Man sollte ihm noch nicht ganz vertrauen. Stelle ihn zuerst erneut auf die Probe."
   Am Abend ging Yaoshan in die Halle und fragte: „Wo ist der Novize, der heute früh ankam?“ Gao trat aus der Versammlung nach vorn. Yaoshan fragte: „Ich hörte,  in Changan sei es sehr laut. Weißt du davon oder nicht?“ Der Novize sagte: „Meine Provinz ist friedlich.“ Yaoshan erkannte in der Antwort des Novizen eine Grundlage und fragte weiter: „Hast du das durch Lesen von Schriften oder durch Befragen anderer erkannt?“ Gao ging nicht in diese Falle und erwiderte: „Ich habe es weder durch Schriftstudium noch durch Befragen erlangt.“ Yaoshan begriff, dass er ihn nicht in die Enge treiben konnte. Er wandte ein anderes lebendiges Mittel an und sagte fordernd: „Viele Menschen lesen weder Schriften noch stellen sie Fragen – warum erkennen sie es nicht?“ Gaos ganzer Körper war Hände und Augen, man konnte ihn nicht binden oder überwältigen. Gao sagte: „Ich behaupte nicht, sie würden es nicht erkennen. Es ist aber so, dass sie sich weigern, es umzusetzen.“ An diesem Punkt konnte der Wagen nicht mehr zur Seite geschoben werden, das Prinzip konnte nicht auf krumme Weise beschlossen werden. Yaoshan blickte zu Daowu und Yunyan und fragte: „Ihr habt wohl nicht geglaubt, was ich gerade über ihn sagte?“ Um die Menge zu übertreffen, muss man ein herausragender Geist sein, und Feinde zu erobern ist eine Aufgabe für einen Löwen. Nur wenn du bis hierhin sehen kannst, kannst du wahrhaft behaupten, wunschlos inmitten von Begierden zu sein, unbefleckt inmitten von Staub, und durch ein Dickicht von hundert Blumenarten gehen zu können, ohne dass eine einzige Blüte auf dich herabfällt. Wenn du sowohl Lärm wie auch Stille vergessen kannst, wirst du sicher die gleichzeitige Verwirklichung von Absolutem und Relativem verstehen. Wie sollte nun das Urteil ausfallen?

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Clemens (Sonntag, 17 März 2019 11:17)

    Da ich nicht weiß, ob das überbringende Wesen hier genannt sein will, nenne ich es erstmal nicht. Ich fand die moderne Variante des "umfallenden Baumes im Wald - Koans" jedenfalls (mit)teilenswert:

    "Wenn ein Mann im Wald spaziert und keine Frau ist in der Nähe - ist er trotzdem im Unrecht?"

    (Eckart von Hirschhausen)