Yoga-Sutra Abschnitt 1

I,1 Es folgt die Darlegung des Yoga.
I,2 Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Bewegungen des Geistes.
I,3 Dann findet der Mensch sich in seinem eigentlichen Wesen.
I,4 Ansonsten glaubt er, identisch mit dem jeweiligen geistigen Zustand zu sein.

I,5 Es gibt fünf Arten von Bewusstseinszuständen, sie können sowohl leidbehaftet sein als auch leidbefreiend wirken.
I,6 Dies sind: die richtige Auffassung einer Sache, die falsche Auffassung, das begriffliche Denken, der traumlose Schlaf und das Erinnern.

I,7 Direkte Wahrnehmung, korrekte Schlussfolgerung aus Wahrem oder das verlässliche Zeugnis anderer führen zu einer richtigen Auffassung.
I,8 Eine falsche Auffassung entsteht aus unrichtigem Wissen, das nicht auf dem tatsächlichen Wesen der Sache beruht.
I,9 Begriffliches Denken basiert nur auf Wort-Wissen, ohne Bezug auf reale Dinge.
I,10 Der traumlose Schlaf ist ein Bewusstseinszustand, dessen Wesen in Nicht-Geschehen besteht.
I,11 Erinnern heißt, erlebte Dinge nicht entgleiten zu lassen.

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Kommentare: 3
  • #1

    Clemens (Donnerstag, 14 März 2019 11:11)

    I 2-4 sprechen (um mal auf die Konvergenz zu schauen) von dem, was wir die "Lücke" nennen. Die Lücke zwischen den Gedanken, den Emotionen, den Körperempfindungen - wobei die Lücke zwischen den Gedanken am klarsten erkennbar ist. Wenn man von der aktiven zeitlichen Ausdehnung der Lücken als Methode (z.B. via Loslassen) absehen wollte, dann können wir auch über die Nicht-Identifikation mit den Vorgängen (Gedanken/Emotionen/Körpergefühle) deren Frequenz und Amplitude verringern. Hilfreich: Einspitzigkeitsübung.

  • #2

    Ruth Finder (Donnerstag, 14 März 2019 13:01)

    Im Sinne der Konvergenz habe ich versucht/ werde ich im Verlauf versuchen, die chassidischen Erzählungen auszusuchen, welche aus meiner Sicht mit den (wahrscheinlich nicht mit allen) Sutren "zusammenlaufen" (konvergieren). Bin gespannt, was dabei raus kommt.

    I 2-4 :

    Das Rad und das Pünktlein

    Rabbi Jizchak Meir erzählte: "Wenn einer Führer wird, müssen alle nötigen Dinge da sein, ein Lehrhaus und Zimmer und Tische und Stühle, und einer wird Verwalter, und einer wird Diener und so fort. Und dann kommt der böse Widersacher und reißt das innerste Pünktlein heraus, aber alles andere bleibt wie zuvor, und das Rad dreht sich weiter, nur das innerste Pünktlein fehlt." Der Rabbi hob die Stimme: "Aber Gott helfe uns: man darf es nicht geschehen lassen!"

    I 5 :

    Man könnte sich fragen, ob "sowohl...als auch" auf alle fünf "Regungen" (eine andere Übersetzung des Yoga-Sutra) zu übertragen wäre. Zugegeben - weit ausgeholt, aber wenn man sich im "Guten" einrichtet und wenn das "Böse" als Ausgangpunkt des Lernens betrachtet, dann würde das wiederum einen Sinn machen. Deswegen:

    Von allen lernen

    Rabbi Jechiel Michal von Zloczow erklärte: "...Nicht von denen allein ist zu lernen, die als Lehrer wirken, sondern von jedem Menschen. Auch von dem Unwissenden, ja auch von dem Bösen, kannst du eine Einsicht erlangen, wie du dein Leben zu führen hast."

  • #3

    Ruth Finder (Donnerstag, 14 März 2019 13:40)

    Noch was zu der Überlegungen zu sowohl "leidbefreiend" als auch "leidbehaftet":

    Gut und Böse

    Rabbi Nachman von Brazlaw lehrte: "Das Gute soll nicht nur als Gut und das Böse nicht nur als Böse angesehen werden. Alles Gute kann durch Frömmelei, Humorlosigkeit und Selbstgerechtigkeit zum Bösen werden, und alles Böse kann durch Einsicht und Liebe zum Guten gekehrt werden. Hinter jeder Fratze eines Dämons steht und lächelt bereits ein Engel, der auf die Umkehr und Erlösung wartet."

    I,8-9:
    Götzendienst

    Der Rabbi Mendel von Kozk sprach: "Wenn ein Mensch ein Gesicht macht vor einem Gesicht, das kein Gesicht ist, das ist Götzendienst."

    I,11:
    Erinnern

    In Ropschitz, Rabbi Naftalis Stadt, pflegten die Reichen, deren Häuser einsam oder am Ende des Ortes lagen, Leute zu dingen, die nachts über ihren Besitz wachen sollten. Als Rabbi Naftali sich eines Abends spät am Rande des Waldes erging, der die Stadt säumte, begegnete er solch einem auf und nieder wandelnden Wächter.
    "Für wen gehst du?" fragte er den Mann.
    Der gab Bescheid, fügte aber die Gegenfrage hinzu: "Und für wen geht Ihr, Rabbi?"
    Das Wort traf den Zaddik wie ein Pfeil. "Noch gehe ich für niemand", brachte er mühsam hervor, dann schritt er lange schweigend neben dem Mann weiter.
    "Willst du mein Diener werden?" fragte er endlich.
    "Das will ich gern", antwortete jener, "aber was habe ich zu tun?"
    "Mich zu erinnern", sagte der Rabbi.