Der Irrgang

Man sprach zu Rabbi Bunam von Zaddikim, die in den Verzückungen ihres einsamen Dienstes aufgingen. Er entgegnete: "Ein König ließ zu seinem Schloss einen weiten und verschlungenen Irrgang errichten. Wer sein Angesicht schauen wollte, hatte keinen anderen Weg als diesen, wo jeder Schritt in die unendliche Wirrnis verführen konnte. Die sich aus großer Liebe zum König hineinwagten, waren von zweierlei Art. Die einen dachten an nichts, als Stück vor Stück des Wegs zu überwinden, die anderen brachten an seinen bedenklichsten Krümmungen Zeichen an, die zum Weitergang ermutigten, ohne ihn leicht zu machen. Die ersten unterwarfen sich der Absicht in der Anordnung des Königs; die zweiten vertrauten dem Willen seiner Gnade."

 

(Bubel, S. 753)

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Kommentare: 6
  • #1

    Clemens (Montag, 04 März 2019 17:52)

    Ja, der letzte Satz macht es einem nicht leicht.

  • #2

    R.G. (Montag, 04 März 2019 21:32)

    Die ersten und die zweiten halten sich beide an die Anweisung, den Irrweg zu gehen, um des Königs Angesicht sehen zu können.
    Und beide tun dies aus Liebe zu ihm. Sie unterscheiden sich lediglich darin, in welchem Bewusstsein sie den Weg gehen. Die ersten sind sich seiner Absicht bewusst und die zweiten sind sich sowohl seiner Absicht bewusst und zudem seinem Willen, gnädig zu sein. Das bedeutet für die zweiten in der Konsequenz, dass aus dieser Gnade heraus ALLE diesen Irrweg einmal bis zum Ende gehen müssen und sie dabei dienlich sein wollen.

  • #3

    R.G. (Montag, 04 März 2019 21:51)

    Nachtrag:
    Dadurch, dass die zweiten darin vertrauen, dass der König den Willen der Gnade hat, er also nicht nur gnädig sein könnte sondern es auch will, wird ihnen klar, dass sich dieser Wille der Gnade somit auf alle (und nicht nur auf sie selbst) beziehen muss.

  • #4

    R.G. (Montag, 04 März 2019 21:55)

    Und mir fällt dazu noch ein:
    "Die letzten werden die ersten sein."

  • #5

    Simon (Montag, 04 März 2019 23:50)

    Da sitzt er nun und wartet auf sich. (Das HS lädt seinen Spross ein, sich zu finden.)

    "Die ersten unterwarfen sich der Absicht in der Anordnung des Königs; die zweiten vertrauten dem Willen seiner Gnade."
    Dieser Satz scheint mir so ein Zeichen zu sein. Einige der bedenklichsten Krümmungen des Weges könn(t)en so ohne Wirrnis gemeistert werden.
    Was das Ganze (unter anderem) nicht ganz leicht macht, ist das dieser Satz sowohl Problem als auch Problemlösung beinhaltet.
    Also eine mögliche Hilfe zur Wegfindung aufzeigt, aber auch gleichzeitig ein Teil des Weges selbst ist.

    Erinnert mich ein bisschen an Münchhausen.
    "...und fiel nicht weit vom andern Ufer bis an den Hals in den Morast. Hier hätte ich unfehlbar umkommen müssen, wenn nicht die Stärke meines eigenen Armes mich an meinem eigenen Haarzopfe, samt dem Pferde, welches ich fest zwischen meine Knie schloss, wieder herausgezogen hätte"
    Funktioniert und hat Logik. ^^

  • #6

    Ruth Finder (Dienstag, 05 März 2019 11:13)

    1. "Die ersten unterwarfen sich der Absicht in der Anordnung des Königs"

    2. "die zweiten vertrauten dem Willen seiner Gnade."

    Assoziationen:

    1a. - Jeder für sich (Zaddik im Pelz)
    1b. - Form
    1c. - Linearität
    1d. - Blinder Glaube
    1e. - Falsches Verständnis

    2a. - Bruder/Schwester-Laterne, Gemeinschaft
    2b. - Inhalt
    2c. - Multifaktorialität
    2d. - Wachsamer Glaube, Erkenntnis
    2e. - Richtiges Verständnis