Warum die Meister tanzen

"Warum heißt es, dass die Meister immerzu tanzen? Nicht nur auf den Feiern unserer großen Feste?" wurde Jakov ben Katz einmal im Stillen von einem Schüler gefragt, als außer ihnen noch keine anderen in der Schul eingetroffen waren. "Ich habe schon davon gehört, dass mit dem Tanzen der Meister ihre Fähigkeit gemeint ist, in wechselnden Situationen immer das Richtige zu tun, aber gibt es darüber hinaus mehr zu wissen?"


Der Rebbe strich sich über den Bart und meinte: "Lassen wir zuerst einmal deine überzogene Vorstellung von Meistern außer Acht, die 'immer das Richtige tun'. Wenn ich dir die Geschichte dahinter erzähle, dann wirst du das Tanzen selbst mehr als Weg, denn als Endzustand begreifen. Es ist nämlich so:


Als unser aller Seelen zum ersten Male in diese Welt hinabgestiegen sind, waren sie von großer kindlicher Freude und Begeisterung erfüllt. Diese Begeisterung trug sie auch noch, als sie mit ihrer Ankunft in den Schatten des Nicht-Erinnerns eintraten. Sie sahen sich in der Welt um, und erlebten sich plötzlich als ganz allein im Zentrum stehend - alles andere und auch alle anderen Seelen waren um sie herum gruppiert und schienen ganz auf die einzelne Seele im Zentrum bezogen und gerichtet zu sein.


Da begann die Einzelseele in ihrer Begeisterung sich zu drehen, zu tanzen, sich zum einen hinzubewegen, anderes berührend, manches zu meiden und spielerisch sich in mehr und mehr Beziehungen zu setzen. Sie verwickelte sich zunehmend, die Leichtigkeit der Bewegung schwand, aber gleichzeitig war das Tanzen, das Ergreifen, die Lust daran zum Selbstzweck geworden. Dies ist der Zustand, in dem die Vielen in dieser Welt seitdem verharren - immer bereit, noch eine Drehung zu all den anderen hinzuzufügen.


Die Rückbesinnung, die Umkehr tritt bei manchen Menschen ein, wenn sie sich ganz bis in die tiefsten Tiefen der Welt und der Verwicklung hineingetanzt haben, und wirklich keine einzige Bewegung mehr weiter hinein möglich ist. Andere begreifen schon etwas früher, dass sie diese Art Tanz zu nichts führt.


Manchmal - und wünschenswerterweise - ist es Rechtleitung durch einen Weg wie den der Chassidim. Manchmal finden die Seelen selbst heraus, was sie bisher falsch gemacht haben. Alle aber beginnen langsam einen Tanz in die andere Richtung. Zuerst ist das vielleicht nicht wirklich spürbar. Es mag mehr eine geistige Umorientierung sein.


Aber - wenn die Seele nicht doch wieder an neuen Dingen haftet, neue Eindrücke ergreift und sich in ihnen verwickelt - bei allen beginnt der Tanz langsam an Geschwindigkeit, an Zielgerichtetheit, auch an Grazie und Schönheit zuzunehmen. Und bei denen, die wir Meister nennen, sind diese Eindrücke schon so klar, dass Außenstehende es spüren, erkennen, davon beeindruckt sein können. Aber um ehrlich zu sein, der Tanz heraus aus der Verwicklung ist bei ihnen nicht beendet. Sonst wären sie ja nicht mehr hier und müssten, und könnten, und dürften weiter tanzen.


Denn du musst wissen, der Tanz heraus ist eine große Freude. Eine wirkliche Freude. Und diese Freude versuchen die Meister sichtbar zu machen, wenn sie auf unseren Festen tanzen, dass sich die Balken in den Festsälen biegen und himmlisches Licht hell zwischen den flackernden irdischen Kerzen und Leuchtern strahlt."


Und dann, nachschauend, ob nun denn schon andere in die Schul hineinzustreben begännen, fasste der Rebbe seinen Schüler bei den Händen und hob an, für ein paar flüchtige Augenblicke mit dem Schüler zu tanzen, die dieser aber sein Leben lang nicht wieder vergaß, denn er fühlte sich und seinen Lehrer dabei in eben dem beschriebenen himmlischen Licht sich drehen und in die rechte Richtung tanzen.

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