Wer ist ein Heiliger?

Ein Padeschah sah einer ebenso wichtigen wie schwierigen Unternehmung entgegen. Da legte er vor Gott ein Gelübde ab und versprach, daß er eine große Geldsumme an Männer von heiligem Lebenswandel verschenken werde, falls ihm bei seinem Vorhaben Erfolg beschieden sei. Und sieh da! Das Glück war dem König hold; und als er nun sein Ziel erreicht und sein Gemüt sich beruhigt hatte, gedachte er auch wieder jenes Gelübdes. Was er damals in der Stunde der Not und Bedrängnis gelobt hatte, dem wollte er jetzt im Triumph nicht untreu werden.


So füllte denn unser Schah einen großen Beutel bis oben mit Silberstücken und übergab diesen Schatz einem seiner vertrauten Pagen mit der Weisung, ihn unter die heiligen Männer in der Stadt zu verteilen. Dieser Page nun war ein Jüngling, der für seinen hellen Kopf und gewitzten Sinn bei jedermann bekannt war. Was tat er, um seinen Auftrag getreu zu erfüllen? Wohl streunte er den lieben langen Tag durch alle Gassen und Winkel; doch als er um die Abendzeit wieder im Königspalast vor seinem Herrn erschien, war der randvolle Beutel noch immer in seiner Hand und schien auch kein bißchen leichter und leerer geworden...


Der Page küßte ehrfurchtsvoll das ihm anvertraute Gut, legte es der Majestät zu Füßen und erklärte: »Wie sehr ich auch in jeder Ecke dieser Stadt, treppauf und treppab, gesucht und geforscht habe - heilige Männer sind mir doch nirgends unter die Augen gekommen!«


»Was sind das für seltsame Märchen, die du mir da erzählst«, rief der Schah, »es soll hier nicht weniger als vierhundert solche Männer geben, so hat man mir gesagt!«


»O Weltbeherrscher«, erwiderte da der Jüngling schlagfertig, »das kann doch nicht wahr sein; denn wer ein heiliger Mann ist, der nimmt kein Geld an, und wer es also annimmt, der ist kein heiliger Mann...«


Da mußte der König laut lachen. Er wandte sich seinen Höflingen zu und sprach: »Wie lieb und teuer mir selbst auch die Gottesmänner sind, so übel scheint ihnen dieser Frechdachs da gesinnt - und zu allem Überfluß ist, was er sagt, auch noch richtig!«

Wenn dein Gold und deine Silberlinge
ein frommer Gottesmann begehrt,
so suche einen frömmern dir,
der Gott und nicht dein Geld verehrt.

 

(Saadi von Schiras, geboren um 1200 n. Chr., aus "Geschichten aus dem Rosengarten")

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Kommentare: 2
  • #1

    Jonas (Dienstag, 12 Februar 2019)

    Wahrheiten sind wie immer nichtlinear und multifaktoriell, nur unsere AP liebt ein schwarz-weiß Denken, da das für sie so praktisch und so einfach ist. Die Guten und die Bösen, Heilige und Sünder, Reiche und Arme...
    In der Geschichte kommt dieses AP Denken auch gut zum Ausdruck, der bauernschlaue Page unterstellt einfach, dass Heilige kein Geld annehmen, da sie ja heilig sind. Und dem Padeshah kommt das auch sehr gelegen, denn dann kann er ja sein Geld behalten. So sind alle AP´s glücklich und zufrieden.

    In Wirklichkeit würde der Heilige das Geld natürlich auch annehmen, wenn es denn der Geschicktheit der Mittel entspricht bzw. Teil des göttlichen Plans ist.

    Da sind wir selbst auch gefordert, im Alltag darauf zu achten, dass wir nicht in dieses schwarz-weiß Denken verfallen, auch wenn es so verführerisch einfach und praktisch erscheint.

  • #2

    R.G. (Dienstag, 12 Februar 2019 14:44)

    Erinnert mich ein wenig an jemanden, der sich nicht an Regeln hält mit der Begründung, wahre Weise mit richtiger innerer Haltung würden sich auch nicht an Regeln halten. Das impliziert, dass sich an Regeln halten gleichbedeutend ist mit falscher innerer Haltung. Und das nutzt er - wie der Page, der einfach den ganzen Tag herumstreunte statt die heiligen Männer zu suchen , - um zu tun, was ihm und seiner AP gefällt.