Über den unbekannten Vater

Was die erhabenen Dinge betrifft, über die wir etwas aussagen können, ist es angemessen, mit dem Vater zu beginnen, der die Wurzel des Alls ist, derjenige, von dem wir die Gnade empfangen haben, etwas über ihn aussagen zu können.

Er existierte, bevor irgendetwas anderes außer ihm entstand. Der Vater allein ist Einer, wie eine Zahl, denn er ist der Erste und der, der allein er selbst ist, indem er aber nicht jemandem gleicht, der für sich allein ist. Denn wie könnte er sonst ein Vater sein? Denn wo immer es einen 'Vater' gibt, folgt der Name 'Sohn'.


Aber der Eine, welcher allein der Vater ist, ist wie eine Wurzel mit einem Baum, Ästen und Früchten. Es wird über ihn gesagt, dass er ein Vater ist im eigentlichen Sinne, denn er ist unnachahmbar und unveränderbar.

Deswegen ist er ein Einziger im eigentlichen Sinne, und er ist ein Gott, denn weder ist jemand anderes für ihn Gott, noch gibt es jemanden, der für ihn Vater ist. Denn er ist ungezeugt, und es gibt weder einen anderen, der ihn gezeugt hat, noch einen anderen, der ihn geschaffen hat. Denn wer selbst jemandes Vater oder sein Erschaffer ist, hat auch seinerseits einen Vater und Erschaffer.

 

Es ist nun möglich für ihn, ein Vater und Erschaffer dessen zu sein, der entstanden ist aus ihm, und dessen, den er geschaffen hat, denn er ist kein Vater im eigentlichen Sinne, auch kein Gott, denn er hat jemanden, der ihn gezeugt hat und der ihn erschaffen hat.

Es ist nun allein der Vater und Gott im eigentlichen Sinne, den niemand anderes gezeugt hat. Bezüglich der Allheiten - er ist es, der sie gezeugt und geschaffen hat.

Er ist ohne Anfang, und er ist ohne Ende. Er ist nicht allein ohne Ende - er ist unsterblich deswegen, weil er ungezeugt ist -, sondern er ist auch unverrückbar in seinem ewigen Sein und in seinem Selbst-Sein und in dem, durch das er fest steht, und in dem, durch das er groß ist. Weder wird er sich selbst zurückziehen von dem, durch das er ist, noch wird irgendjemand anderes ihm Gewalt antun, ein Ende herbeizuführen, welches er niemals gewünscht hat.

Er hat niemanden gehabt, der seinem Sein einen Anfang gesetzt hat. So ist er selbst unwandelbar, und niemand anderes ist in der Lage, ihn wegzubewegen von seinem Sein und seinem Selbst-Sein, in dem er ist, und von seiner Größe, so dass er nicht weggenommen werden kann; auch ist es nicht möglich, dass ein anderer ihn in eine andere Form umwandle

oder ihn vermindere
oder ihn umwandle
oder ihn verringere.

Denn dies ist im eigentlichen Sinne seine) wahre Art: Er ist der Unwandelbare, der Unveränderbare, wobei die Unveränderlichkeit ihn kleidet.


Nicht allein ist er der, über den man sagt: 'Er ist ohne Anfang' und 'Er ist ohne Ende', denn er ist ungezeugt und unsterblich; sondern genauso wie er keinen Anfang und kein Ende hat, wie er ist, ist er unübertreffbar in seiner Größe,

unergründbar in seiner Weisheit,
unergreifbar in seiner Macht,
und unerforschbar in seiner Süße.

In der eigentlichen Weise ist er allein - der Gute, der ungezeugte Vater und der vollkommene Mangellose - der, der voll ist von all seinen Nachkommen und von jeder Tugend und von jedem, was nützlich ist. Und er hat noch mehr, das ist das Fehlen von jedem Unheil, damit man es findet, dass, wer immer etwas hat, dem Vater gehört, denn er gibt es, indem man ihn nicht erreichen kann und indem er nicht ermüdet durch das, was er gibt, da er reich ist an Dingen, die er gibt, und indem er ruht in den Gnadenerweisen, die er gewährt.

Er ist von solcher Art und Gestalt und großem Wuchs,
dass niemand anderes bei ihm war von Beginn an,
noch gibt es einen Ort, an dem er ist oder aus dem er hervorgekommen ist

oder in den er gehen wird,
noch gibt es eine erste Form, deren er sich als Vorbild zur Nachahmung bedient, indem er wirkt,
noch ein Leiden, das ihm zueigen ist, indem es ihm folgt in dem, was er tut,
noch eine Materie, die bei ihm niedergelegt ist, die erschafft, was er erschafft,
noch gibt es ein Wesen in ihm, aus dem er zeugt, was er zeugt,
noch einen Mitarbeiter in ihm, der mit ihm arbeitet an den Dingen, an denen er arbeitet.
Etwas in dieser Weise zu sagen, zeugt von Unwissenheit.

Vielmehr sollte man von ihm reden als Gutem und Fehlerlosem,

indem er vollkommen ist,
indem er voll ist,
indem er selbst das All ist.

Denn keiner von den Namen, die man mit dem Verstand erfasst oder die man spricht oder die man sieht oder die man begreift, keiner von ihnen passt für ihn, auch wenn sie sehr ruhmreich, vergrößernd und geehrt sind. Aber es ist möglich, diese Namen zu gebrauchen ihm zur Herrlichkeit und Ehre, entsprechend dem Vermögen jedes einzelnen von denen, die ihm Ehre erweisen.

 

Aber ihn, wie er existiert, wie er ist,

und die Gestalt, in der er sich befindet,
kann weder ein Verstand verstehen,
noch wird ein Wort ihn wiedergeben können,
noch wird ein Auge ihn sehen können,
noch wird ein Körper ihn ergreifen können
- wegen seiner unergründbaren Größe
und seiner unbegreifbaren Tiefe
und seiner unmessbaren Höhe
und seines unerfassbaren Willens.

Dies ist die Natur des Ungezeugten, der nichts anderes berührt und auch nicht mit irgendetwas verbunden ist in der Art von etwas, das begrenzt ist. Sondern er besitzt diese Beschaffenheit, indem er weder ein Gesicht hat noch eine Gestalt - Dinge, die man durch Wahrnehmung erkennt, woher auch das Epitheton 'der Unbegreifbare' kommt.

 

Wenn er unbegreifbar ist, dann folgt daraus,
dass er nicht mit dem Verstand erfassbar ist,
dass er der ist, der nicht durch Verstand begreifbar ist,
unsichtbar durch irgendein Ding,
unaussprechbar durch irgendein Wort,
unberührbar durch irgendeine Hand.
Er allein ist der, der sich selbst kennt, wie er ist,
mit seiner Gestalt und seiner Größe und seinem Wuchs;
und nur er hat die Möglichkeit, sich zu verstehen,
sich zu sehen,
sich zu benennen,
sich zu ergreifen;
er allein ist Verstand für sich selbst,
Auge für sich selbst,
Mund für sich selbst,
Form für sich selbst;
und er ist das, was er denkt,
was er sieht,
was er spricht,
was er ergreift,
er selbst, derjenige, der unverstehbar,
unaussprechbar,
unbegreifbar,
unwandelbar ist,
wobei er Nahrung ist,
wobei er Wonne ist,
wobei er Wahrheit ist,
wobei er Freude ist,
wobei er Ruhe ist für das, was er begreift,
was er sieht,
über das er spricht,
was er als Gedanken hat.
Er übersteigt jede Weisheit,
und er überragt jeden Verstand,
und er überragt jede Herrlichkeit,
und er überragt jede Schönheit
und jede Süße
und jede Größe
und jede Tiefe
und jede Höhe.

Wenn dieser, der unerkennbar ist in seiner Natur, zu dem alle Größen, die ich vorher erwähnt habe, gehören, wenn er aus der Tiefe seiner Süße Erkenntnis geben will, auf dass man ihn erkenne, dann hat er die Möglichkeit, so zu handeln.

Er hat seine Kraft, die sein Wille ist. Nun aber ergreift er sich selbst im Schweigen, er, der der Große ist, der die Ursache ist für die Hervorbringung der Allheiten in ihre ewige Existenz. Es geschieht in dem eigentlichen Sinne, dass er sich selbst als Unaussprechbarer erzeugt, weil er allein der Selbstgezeugte ist, da er sich versteht und da er weiß, wie er ist. Das, was seiner Bewunderung und der Herrlichkeit und der Ehre und des Lobpreises würdig ist, bringt er hervor

wegen der Grenzenlosigkeit seiner Größe
und der Unerforschbarkeit seiner Weisheit
und der Unmessbarkeit seiner Macht
und seiner unschmeckbaren Süße.

 

aus "Der dreiteilige Traktat" (NHC I,5)

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