Aufsteigen und Absteigen

Die Rebbes der chassidischen Gemeinden waren sich untereinander in manchen Fällen sehr verbunden - in anderen Fällen waren sie sich nicht grün. Erstere standen naturgemäß miteinander in Kontakt und Austausch. Letztere waren auf umlaufende Berichte angewiesen, um ihren Animositäten Nahrung zu verschaffen. Dadurch wurde das nachvollziehbare und in einem Klima geistiger Freiheit wünschenswerte Interesse der Schüler an Geschichten über die verschiedenen Rebbes der Chassidim mit einer unguten Note vergiftet.


Jakov ben Katz von Schargorod trat zwischenträgerischen Erscheinungen dieser Art nicht sehr offensiv entgegen, aber er nutzte sie gerne für Belehrungen darüber, wie die größeren Wahrheiten hinter den kleineren erkennbar werden können.


Einmal hörte er in seinem Schulhaus einen Teil eines Gespräches zwischen seinen Schülern mit, als er gerade auf dem Weg zu seinem Pult vorbeischritt. Der von ihm aufgeschnappte Satz lautete: "...und ihr Reb ist dafür bekannt, dass er einen Satz aus der überlieferten Weisheit stundenlang auslegen kann - nicht aber dafür, dass er selbst nur einen einzigen weisen Satz aus sich heraus formuliert hätte."


Als der Zaddik dann vor seinen Schülern stand, griff er den Unterhaltungsfetzen auf: "Es gibt aufsteigende und absteigende Weisheit, Weisheit des Aufsteigens und des Absteigens und aufsteigende und absteigende Weise. Für den Höchsten ist das klar erkennbar. Für uns Menschen ist das - und das müssen wir in Demut anerkennen - lange, lange nicht zu durchschauen. Und den höchsten Meistern gelingt es letztlich vielleicht auch nur mit Gottes Hilfe.


Ein voranschreitender Schüler oder ein junger Meister kann möglicherweise einen sehr einprägsamen, weisen Satz formulieren. Auch ein hoher Meister vermag das vielleicht. Beim voranschreitenden Schüler wäre das aufsteigende Weisheit eines aufsteigenden Weisen, beim hohen Meister wäre es absteigende Weisheit eines absteigenden Weisen. Der Eine würde aber seinen eigenen weisen Satz nicht bis in die Höhen und Verästelungen ausdeuten können. Der Andere aber kennt die Höhen und Verästelungen, selbst wenn er nicht mit seinen Worten zu einen einprägsamen, weisen Satz herabsteigen kann."


Einer der Schüler meldete sich zu Wort: "Aber wäre das Unvermögen des hohen Meisters, seine Weisheit in prägnanten Worten mitzuteilen, nicht ein Mangel, der seine Höhe in Frage stellen würde?"


"Nein," entgegnete der Schargoroder, "es würde seinen gelungenen Abstieg in Frage stellen, nicht seinen gelungenen Aufstieg. Und wer sagt überhaupt, dass einer, den wir einen hohen Meister nennen, sowohl seinen Aufstieg, als auch seinen Abstieg abgeschlossen hat oder haben soll? Wie weit hinaus wir gelangen, und was wir mit herabzubringen vermögen, könnten doch wohl eigentlich nur gleichweit Gestiegene oder noch weiter Gelangte beurteilen.


Die Schüler bedürfen naturgemäß der glatten Worte. Sie sollten aber nicht zu sehr daran hängen, denn glatte Worte lassen sich leicht sehr unterschiedlich auslegen - und vermögen die Schüler zu erkennen, welche Auslegung die rechte ist? Daher sollten sie neben den Worten mehr auf das Sein ihrer Lehrer achten lernen. Widersprüche zwischen Lehre und Sein lassen sich nicht auf die gleiche Weise erklären, wie die zwischen Lehre und der Fähigkeit zur einfachen Zusammenfassung. Ja, mehr noch und weiter, jeder achte vor allem auf sich selbst."


(Clemens Satorius)

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