Nachhall

Wenn wir eine Glocke läuten, dauert unsere Handlung nur einen Augenblick; der Nachhall aber dauert an. In unserem Bewusstsein dauert der Nachhall nur so lange an, wie er uns hörbar ist; dann schwingt er weiter, ohne uns noch hörbar zu sein. Aber irgendwo ist er noch vorhanden und dauert fort. Wenn wir einen Stein ins Meer werfen und er das Wasser in Bewegung setzt, bedenken wir wohl nicht, in welchem Maße diese Schwingung auf das Meer wirkt. Was wir sehen können, sind nur die kleinen Wellen und Kreise, die der Stein vor unseren Augen hervorgebracht hat, und wir sehen sie tatsächlich. Allein die im Meer verursachte Schwingung reicht viel weiter, als wir uns vorzustellen vermögen. Was wir den Raum nennen, ist eine viel feinere Welt; nennen wir ihn Meer, so ist es ein Meer von feinster Fluidität; nennen wir ihn Land, so ist es ein unvergleichlich fruchtbareres Land als alles, was wir sonst als Land kennen. Es nimmt alles in sich auf und lässt es keimen; es ernährt alles und bringt es zum Wachsen; aber unsere Augen sehen es nicht, unsere Ohren hören es nicht.

Wird uns nicht bei diesem Gedankengang bewusst, dass wir für jede unserer Bewegungen, für jeden unserer Gedanken, für jedes Gefühl, das unseren Sinn, unser Herz durchzieht, verantwortlich sind? Denn wir vergeuden nicht einen einzigen Augenblick unseres Lebens, sobald wir wissen, wie wir unser Tun nutzbar machen sollen, wie wir unser Denken leiten und in richtigen Worten ausdrücken, wie wir es durch unser Tun fördern und wie wir es empfinden sollen, damit es seine Atmosphäre zu schaffen vermag. Welche Verantwortung! Die Verantwortung, die jeder Mensch trägt, ist größer als die eines Herrschers. Jeder hat gleichsam sein eigenens Königsreich, für das er verantwortlich ist. Daraus sollen wir lernen, bedachtsam, gewissenhaft und in allem unserem Tun unserer Verantwortung bewusst zu sein. Nicht jeder Mensch empfindet so; er kennt sich selber nicht und weiß nichts vom Geheimnis des Lebens. Er wandelt wie ein Trunkener durch die Straßen der Stadt. Er weiß nicht, was er tut und ob er es für sich oder gegen sich tut.

(Ruth Finder zitiert Hazrat Inayat Khan)

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