Züchtigungen

In der Schul des Schargoroders gab es einst eine große Diskussion, in der man keine Einigung finden konnte. Ein Schüler hatte davon berichtet, dass einer seiner Onkel auf seinen Handelsreisen im Osten auf Religionen gestoßen sei, die die Vorstellung pflegten, dass jedwedes Tun, sei es gut oder schlecht, dem Täter mit gleicher Münze zurückgezahlt werde und des Menschen wiederholter Wandel auf Erden so ganz und bis ins kleinste Detail durch seine vorangehenden Taten bestimmt sei.


Auf der einen Seite gab es Bewunderer der großen Gerechtigkeit dieses Konzeptes. Auf der anderen Seite gab es welche, die die Starre dieser Vorstellung kritisierten, da sie scheinbar keinen Raum für ein freies Wirken des Höchsten ließ.


Der Reb, der diese Gespräche mit Wohlgefallen sah, solange sie nicht zum Streit wurden, erinnerte die Schüler an die Geschichte aus der Überlieferung, in der ein Rabbi erst schuldig und dann begnadigt wurde.


Die Geschichte berichtete davon - wie der Schargoroder für die Runde zusammenfasste - wie einst ein Kalb zum Schlachten geführt wurde und, von seinem vorausahnenden Instinkt getrieben, fortlief und bei einem Rabbi mit dem Kopf unter dem Rockzipfel Schutz suchte. Doch der sagte nur zu dem Kalb, dass es gehen solle, da es ja geschaffen worden sei, um geschlachtet zu werden.


Und der Himmel entschied, dass wegen seiner Mitleidlosigkeit Züchtigungen über den Rabbi kommen sollten. So wurde der Rabbi viele Jahre hindurch von verschiedenen Krankheiten gequält.
Als dann eines Tages die Magd des Rabbis das Haus reinigte, fegte sie einige junge Wiesel aus einer Ecke mit fort, doch der Rabbi befahl ihr, dass sie die Tiere lassen sollte und sagte dazu: "Gottes Erbarmen umfasst alle seine Geschöpfe."


Und wegen seines Erbarmens erbarmte sich der Himmel seiner und seine Schmerzensjahre endeten.


Nachdem alle das eine Weile erwogen hatten, ergriff Rabbi Jakov erneut das Wort: "Wir können zwar Hypothesen über die Art der göttlichen Gerechtigkeit aufstellen, aber die verworrenen Vorgeschichten jedweder Schuld und jedweden segensreichen Tuns können wir nicht entwirren. Dies ist nur dem Höchsten gegeben und beide Ansichten, die hier vorgetragen wurden, ließen sich für das menschliche Begreifen als Beleg und auch als Widerlegung der Überlieferung sehen. Bleiben wir also einfach bei der Annahme und Hoffnung, dass es Gerechtigkeit gibt und das sie herbeigeführt wird. Tun wir selbst unser Möglichstes und lassen den Rest in Gottes Hand."


(Clemens Satorius)

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