Das letzte Geschenk

Am Neujahrsfest rief Rabbi Jakov ben Katz seine Gemeinde zu Einkehr und Umkehr auf, wodurch jeder die Liebe zu Gott und seinen Mitmenschen entfalten könnte.

Später in der Schul erzählte er dann, wie jedes Jahr, für die Neuzugänge unter seinen Schülern zur Verdeutlichung diese Geschichte:

"An einem kalten, dunklen Wintertag lag der Lehrer eines Chassiden im Sterben. Der Alte blieb ruhig und klar, während sein Schüler sich in bitteren Klagen erging: 'Mein Ein und Alles, verlasse mich nicht! Wie kann mein Herz ohne dich die Liebe je wieder verspühren und erwidern! Es bleibt leer und traurig zurück'.

Dem Lehrer tat sein Schüler leid, aber noch mehr schmerzte ihn, dass sein Chassid in all den Jahren der Lehre engherzig geblieben war und die Zuneigung nur zu ihm, seinem Rabbi, empfand.

Der Sterbende machte ein Zeichen, dass der Mann sich zu ihm neigen sollte, und sprach dann leise: 'Sei nicht so bekümmert! Ich werde dich aus dem Jenseits besuchen'. Sprach's und entschlief sogleich.

Seitdem hielt der Chassid bei all seinen Begegnungen Ausschau nach einem Mann, der dem Rabbi ähnlich sehen könnte. Er musterte alle Glaubensgenossen immerzu und blieb zurückhaltend. Lange ging das so weiter. Der Rabbi erschien nicht, und das Herz des Chassiden verengte sich zunehmend.

Nach einer Weile dünkte ihm aber, dass sein Lehrer sich ihm womöglich in einer anderen Gestalt zeigen würde. Seitdem erwiderte er ehrlichen Herzens jedem freundlichen Chassiden dessen Freundlichkeit - denn es stand für ihn außer Frage, dass sich sein Lehrer nicht anderes als freundlich und einnehmend geben würde. Und das tat dem Chassiden gut und die Traurigkeit wich langsam aus seinem Herzen. Aber ein deutliches Zeichen, dass eines dieser Treffen seinen Rabbi zu ihm geführt hatte, bekamm er immer noch nicht.

Die Zeit verging, schließlich dachte unser Schüler, dass sein Lehrer ihn gewiss prüfen wollen würde, und ihm in Gestalt eines gleichgültigen, abweisenden oder gar unangenehmen, ja unausstehlichen Chassiden erscheinen würde. Und dass es für ihn zu lernen gilt, auch jeden solchen Genossen in sein Herz zu schließen - denn es könnte ja der Rabbi sein. Dabei musste er viele Rückschläge erdulden und Ablehnung und Misstrauen erfahren. Er blieb aber standhaft und beharrlich. Sein Herz öffnete sich weiter. Und siehe da, auch manche von diesen Groben,Verschlossenen, Misstraurischen, Ablehnenden waren weicher, vertrauter, empfänglicher geworden. Das alles erfüllte unseren Chassiden gar sehr. Freude und Milde zogen in sein Herz ein. Trotzdem blieb ihm noch der leichte Hauch einer Sehnsucht, dass einer von ihnen sein Lehrer sein möge.

Nun dauerte es nicht mehr lange, da glaubte der Chassid, dass sich sein Rabbi ihm nicht nur in einem seiner Glaubensbrüder, sondern auch in einem beliebigen Mann, in einer Frau und in einem Kind offenbaren könnte! Mit dieser Erkenntnis schloß er endlich Frieden mit sich und ließ seine Erwartungen los. Sein Herz trug jedem Menschen liebende Güte entgegen.

Es war Frühling geworden. Im Garten des Chassiden stand ein alter Apfelbaum, der seit Jahren nicht blühte. Aber jetzt auf einmal trug er wieder zahlreiche liebliche Blühten. Das erfüllte den Chassid mit großer Dankbarkeit und Freude zu allem, und er begriff, dass der Rabbi ihm damals ein letztes Geschenk machte - in seiner Weisheit pflanzte er ihm mit seinem "Versprechen" den Samen umfassender Liebe ins Herz."

(Ruth Finder)

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    R.G. (Sonntag, 23 Dezember 2018 12:45)

    Macht einer Weihnachtsgeschichte in der Tat alle Ehre.
    Schnief...^^

  • #2

    L. (Dienstag, 25 Dezember 2018 06:56)

    * :-)