Yaron und Kenan II

Yaron und Kenan gingen auf einem kleinen Pfad, der sich an einer Obstwiese entlangschlängelte, spazieren, und wie so oft entwickelte sich zwischen den beiden ein spielerisches Gespräch, von dem sie häufig nicht wussten, wohin es sie führte.


Yaron begann das Gespräch mit einer nicht ganz ernst gemeinten gespreizten Stimme: „Erinnerungen, gesunken in die Tiefen des Schlafes, unbesehen, aber dennoch lenkend. Erneut ins Bewusstsein getrieben. Verbinden sich mit dem Ich im Jetzt. Verändert sinken sie erneut hinab, abermals lenkend. Im Guten als auch im Schlechten. Was sind Erinnerungen?“

Kenan zuckte nur mit den Schultern, überlegte und nach einiger Zeit antwortete er mit ebenso übertriebener manierierter Stimme: „Hoffnung und Angst, die Zukunft vor sich her schiebend, ungeschehen, aber dennoch lenkend. Herabfallend auf das Ich im Jetzt, erneut aufsteigend, erneut herabfallend. Im Guten wie auch im Schlechten. Was ist Hoffnung, was ist Angst?“

Nun war es Yaron, der die Augen leicht verdrehte. Mit erhobenen Zeigefinger, einem gewinnenden Lächeln und verstellter dunkler Stimme, die ein bisschen an ihren Rabbi erinnerte, sagte er: „Gegenwärtigkeit, keine bewegende Erinnerung, keine bewegende Hoffnung, keine bewegende Angst. Nicht im Gutem und nicht im Schlechtem. Sehend und lenkend. Vollkommen und frei, obwohl es nicht meine Augen sind, die sehen und nicht meine Hände, die lenken.“

Kenan zu Yaron: „Glaubst Du eigentlich, wir verstehen überhaupt was wir hier reden?“

Yaron: „Ich kann mich nicht mehr erinnern? Was glaubst du denn?“

Kenan: „Ich hoffe schon.“

Lachend ließen sich beide ins Gras fallen und verbrachten den Rest ihrer Pause damit, den Wolken zuzusehen, wie sie am Himmel vorbeizogen.

 

(Simon)

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Kommentare: 3
  • #1

    K (Donnerstag, 13 Dezember 2018 16:03)

    Danke Simon für die Geschichte. Tut mir immer wieder gut, mich ganz gegenwärtig an das Thema der Geschichte zu "erinnern" - ohne bewegende Erinnerung und ohne bewegende Hoffnung versteht sich.^^

  • #2

    Ruth Finder (Freitag, 14 Dezember 2018 15:26)

    Eine Geschichte, bei der ein mich bewegendes (positiv besetzt) Bild entstand:

    Die ersten Aussagen der beiden Freunde zeigen treffenderweise, dass es alles auch in uns kreist und nicht linear verläuft, sprich, sich verändernd vermischt. So könnte man die Aussage "Man kann nicht zwei Mal in ein und denselben Fluss steigen" dahingehend ergänzen: "Man kann nicht zwei Mal als ein und derselbe in einen Fluss steigen".

    In diesem "Karusell" einen Punkt zu finden, von welchem man Überblick und Orientierung behält bzw. Einsicht und Zuversicht in DAS bekommt, was "sieht und lenkt" - wäre das nicht großartig gegen das Schwindeligwerden, gegen das Taumeln?!

    Ferner eine Geschichte von Rabbi Nachman, die das Ganze von der noch höheren Warte zusammenführt:

    "Die Welt ist wie ein kreisender Würfel, und alles kehrt sich, es wandelt sich der Mensch zum Engel und der Engel zum Menschen und das Haupt zum Fuß und der Fuß zum Haupt, so kehren sich und kreisen alle Dinge und wandeln sich, dieses in jenes und jenes in dieses, das oberste zu unterst und das unterste zu oberst. Denn in der Wurzel ist alles eines, und in dem Wandel und dem Wiederkehren der Dinge ist die Erlösung beschlossen." (Bubel)

  • #3

    Simon (Freitag, 14 Dezember 2018 16:15)

    Das wäre WIRKLICH "großartig"!