Brei aus Axt

"Ein Märchen ist ein Lug, doch ist es kein Betrug.
Hinweis ist es und Lehre, für den, der gut und klug." - sagt der Russe.

Ich möchte gerne zur Deutung ein russisches Märchen anbieten. Bin gespannt, was da kommt.
Habe selber zwei Interpretationslinien, lasse euch aber erst den Vortritt.

Brei aus Axt

Ein altgedienter Soldat hatte einen kurzen Urlaub und war auf dem Weg in seine Heimat. Unterwegs wurde er müde und hungrig. Als er ein Dorf erreichte, klopfte er gleich an der ersten Tür. "Ein müder Wanderer bittet um Einlass!", meldete er sich.

Eine alte Frau machte die Tür auf."Komm rein", sagte sie zu dem Soldaten.

"Gute Frau, hast du vielleicht etwas zu essen?"

Die Alte hatte zwar alles in Hülle und Fülle, war aber geizig. Sie sei doch arm wie die Kirchenmaus, klagte sie. "Ach, Onkelchen, ich habe heute selber gar nichts gegessen, gar nichts."

"Tja, dann ist das so", sagte der Soldat, gleich aber entdeckte er neben dem Ofen eine Axt.

"Wenn du nichts anderes hast, dann kann ich ein Brei aus dieser Axt machen."

Die Hausherrin schlug die Hände zusammen: "Wie geht das denn?!"

"Wirst du gleich sehen! Gib mir einen Kessel."

Die Alte reichte ihm den Kessel. Der Soldat wusch die Axt, tat sie in den Kessel, goss Wasser hinein und stellte alles auf das Feuer. Die Alte beobachtete den Soldaten argwöhnisch. Der aber nahm einen Löffel, rührte damit beherzt den Kesselinhalt um und probierte etwas davon. "Und, wie ist es?", fragte die alte Frau.

"Fast fertig", antwortete der Soldat. "Schade nur, dass man nichts zum Salzen hat."

"Naja, ein bisschen Salz hab' ich schon", sagte die Alte.

Der Soldat salzte das Wasser und probierte wieder. "Mmm, lecker! Wenn ich nur ein wenig Hafergrütze haben könnte!"

Die Alte verschwand eilig hinter dem Ofen und brachte ein Säckchen Getreide."Nimm nur, mach das wie es sich gehört", sagte sie.

Der Soldat streute die Grütze in den Kessel. Er rührte und wartete, rührte wieder und probierte schließlich noch einmal. Die Alte kuckte ihn mit großen Augen wie gebahnt an.

"Oh, schmeckt das gut!", schmatzte der Soldat. "Ein Stückchen Butter rein, was wäre das für ein Leckerbissen!", schwärmte er.

Nun fand plötzlich die Alte auch Butter irgendwoher. Und der Brei wurde zu guter Letzt auch damit angereichert.

"So, Mütterchen, gib noch Brot dazu, nimm dir einen Löffel und lass uns speisen!"

"Nie im Leben dachte ich, dass man aus einer Axt solch einen leckeren Brei kochen kann", staunte die Alte nicht schlecht.

Die beiden langten kräftig zu. Dann fragte aber die Alte: "Soldat! Wann essen wir denn die Axt?"

"Die ist leider noch nicht ganz gar", antwortete der Soldat. "Ich werde sie unterwegs zu Ende kochen und dann essen!"

Er steckte die Axt in seinen Ranzen, verabschiedete sich von der Hausherrin und ging seines Weges.

So hatte er doch etwas zu Essen gekriegt und auch noch die Axt mitgenommen!

 

(Ruth Finder)

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Kommentare: 12
  • #1

    Clemens (Mittwoch, 05 Dezember 2018 11:24)

    Ja, spaßig. Das kann man auf vielfältige Weise auslegen. Nah liegt mir hier wieder (wie R.F. ganz treffend und etwas spöttelnd bemerkt ^^), eine HS/AP-Geschichte daraus zu machen. Hab ich ehrlich gesagt heute bei der Arbeit auch schon im Geiste getan. Aber man kann es z.B. auch feministisch lesen. Oder allgemeiner und ohne geschlechtsspezifische Gewichtung, als Beschreibung von Beziehungsabläufen. Darüber hinaus fallen mir sicher noch ein paar Varianten ein. Bin gespannt, was hier noch kommt...

  • #2

    Clemens (Mittwoch, 05 Dezember 2018 12:25)

    Die "feministische Deutung" (wobei Feminusmus natürlich eigentlich vielfältig ist und eine blickwinkelstarre Deutung dem sicher nicht gerecht wird - aber man spielt ja auch gerne mit Klischees ^^) könnte die Geschichte beispielsweise getreu des Spruches "Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad" dahingehend auslegen, dass hier ein Mann eine Frau einfach ausnutzt, und dann weiterzieht - stellvertretend dafür, wie es angeblich IMMER zwischen Mann und Frau laufen soll:
    Wenn ein Mann von seinem kriegerisch durch die Welt ziehen müde und hungrig geworden ist (sexuell "hungrig"?), dann sucht er sich im nächstbesten Dorf eine Frau und bittet um einen Ort, wo er sich von seiner Müdigkeit erholen kann und seinen "Appetit" gestillt bekommt. Die Frau lässt ihn erst einmal freundlich ein, ziert sich aber noch ein wenig (ist "geizig"). Der Mann verweist auf die "Axt", die plötzlich im Raum "steht" (^^ - die Deutung überlasse ich jedem selbst) und bequatscht die Frau, was er damit alles Tolles machen kann.
    Dazu braucht er von der Frau alles Mögliche... Selbst die "Axt" hat er ja nicht ohne die Frau. Zumindest steht sie nicht im Raum. Dann braucht er noch ihren Kessel, ihr Wasser, ihr Salz, ihre Grütze, ihre Butter und ihr Brot. Das könnte man alles auch noch durchdeuten. Sagen wir an dieser Stelle verkürzt: Der Mann genießt die volle häusliche Versorgung und zaubert dafür etwas mit der Axt. Die Frau ist damit soweit erstmal ganz zufrieden.
    Als der Mann erholt und gesättigt ist - die Axt ist "weichgekocht", aber noch nicht ganz gar - zieht es ihn wieder in die Welt hinaus, um seinen Geschäften nachzugehen. Die Axt nimmt er mit, um sie unterwegs zuende zu kochen (!), wahrscheinlich dann bei anderen Frauen. Zurück bleibt Frau Nummer 1 (oder wieviel auch immer) und hat, genauer betrachtet, den ganzen Spaß praktisch allein bezahlt.
    Eine etwas weniger strenge feministische Richtung könnte dem Mann vielleicht aufgrund seiner "Kochkunst" eine gewisse Teilleistung zugestehen.
    Das Urteil wäre aber trotzdem vernichtend. ^^

  • #3

    TvB (Mittwoch, 05 Dezember 2018 19:10)

    ^^ !

  • #4

    Ruth Finder (Mittwoch, 05 Dezember 2018 21:22)

    Mit seiner unerwarteten und pointierten Darstellung hat mich Clemens total aus dem Konzept gebracht. ^^

  • #5

    L. (Donnerstag, 06 Dezember 2018 07:36)

    Ja, mich auch.

  • #6

    Clemens (Donnerstag, 06 Dezember 2018 10:13)

    Die zweite von mir gesehene Variante ist eben die, diese Geschichte als allgemeinere und ohne geschlechtsspezifische Gewichtung gedachte Beschreibung von Beziehungsabläufen zu lesen. Da würde jeder (Mann wie Frau) versuchen (mehr oder weniger unbewusst), die Rolle des "Mannes" einzunehmen und von Beziehungen aller Art in irgendeiner Form stärker profitieren, als das Gegenüber ("Frau").

    Es gibt da einen interessanten Mechanismus, den ich verschiedentlich schon erwähnt habe. Ich werde dazu mal einen kurzen Blogbeitrag verfassen, da einiges etwas über die Geschichte selbst hinausgeht.

  • #7

    Ruth Finder (Donnerstag, 06 Dezember 2018 13:13)

    Lieber L., wenn Dein Kommentieren das trifft, was ich denke, dann habe ich keine Worte bzw. ganz viele (aber irgendwie peinlich genug so durchschaut zu werden). Wenn ich es mir aber alles nur eingebildet habe, hat's trotzdem geholfen.

    Eine "Linie" von mir ist folgende:

    Es geht darum, die Dinge nicht anzunehmen wie sie sind, um den zähen Widerstand und um die Folgen davon. Die Frau (wir) hat dem Soldaten (der Situation) immerhin die Tür aufgemacht und ihn rein gelassen, das heißt, die Umstände treten an uns heran - ob freiwilig oder nicht. Aber statt diese Situation anzunehmen, sich ihr zu öffnen und sich ehrlich zu beteiligen, kapseln wir uns ab. Allein, das hilft nicht! Die Umstände zwingen uns, uns zu bewegen - und nicht immer so sanft, wie der Soldat das gemacht hat.

    Nur, passiert dieses Zubewegen oft unbewusst, auch wenn uns das Resultat am Ende gefällt oder passt: Die Alte hat den Brei gelobt, ihre anschließende Frage nach der Axt zeigt aber, dass sie den Sinn nicht erkannt hat. Aber dieses Unbewusste/Widerständische bringt karmische Auswirkungen für uns mit sich (die Verlust der Axt), und lässt uns mit großer Wahrscheinlichkeit wieder in eine Falle tappen.

  • #8

    R.G. (Donnerstag, 06 Dezember 2018 15:23)

    Nach langem Hin- und Herbewegen habe ich nun folgende Deutungsidee:
    Der Soldat steht für das "Beherrschen" der Elementale. Er reagiert nicht wütend und zornig darauf, dass die Frau vorgibt, arm wie eine Kirchenmaus zu sein und ihm nichts zu essen geben will, obwohl sie in Hülle und Fülle hat. Dadurch, dass er stattdessen innerlich ruhig bleiben kann, weiß er geschickt mit ihr so umzugehen, dass er neben einem guten Essen letztendlich auch noch in den Genuss einer Axt kommt.

  • #9

    Ruth Finder (Donnerstag, 06 Dezember 2018 16:47)

    Die andere "Linie" geht so:

    Hier könnte man eine Beziehung Lehrer-Schüler und die Geschicktheit der Mittel in einer Situation, in einem Lebensabschnitt, in einem Leben oder über viele Leben hindurch entdecken.

    Der Schüler wird als bereit angesehen ("Die Alte hatte zwar alles in Hülle und Fülle") und der Lehrer nimmt sich seiner an ("Als er ein Dorf erreichte, klopfte er gleich an der ersten Tür.")
    Der Schüler hält noch seine "Talente" zurück bzw. weiß wenig davon oder von den Möglichkeiten des Voranschreitens ("war aber geizig"). Also er braucht sozusagen eine Starthilfe.

    Im Zuge seiner Geschicktheit der Mittel sieht der Lehrer vielleicht eine besondere Fähigkeit des Schülers und er wählt einen klugen Ansatz, welcher der Entwicklung des Schülers entspricht, um den Schüler "zu kriegen" und ihn zum spirituellen Leben zu bewegen ("gleich aber entdeckte er neben dem Ofen eine Axt" und "einen Brei aus dieser Axt machen").

    Es gelingt in mancher Hinsicht mit der Mitarbeit des Schülers ("reichte ihm den Kessel", "ein bisschen Salz hab' ich schon", "verschwand eilig hinter dem Ofen", "brachte ein Säckchen Getreide", "fand plötzlich", "kuckte ihn mit großen Augen wie gebannt an"), nach und nach die verborgenen Fähigkeiten des Schülers zu fördern ("Kessel,Wasser, Salz, Grütze, Butter, Brot"). Auch wenn nicht, wie so oft, ohne Widerstand, Unverständnis, Trägheit usw. ("schlug die Hände zusammen", "Wie geht das denn?!", "beobachtete den Soldaten argwöhnisch"). Aber es fand zu beider Freude eine Entwicklung statt ("ein leckerer Brei"), die die beiden auch erfreute ("Lass uns speisen!", "Nie im Leben dachte ich!", "Die beiden langten kräftig zu").

    Dass der Schüler noch ganz viele Fragen und all seine Unsicherheiten bezüglich seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten hat, dass es noch einen langen Weg für ihn bedeutet, offenbart die letzte Frage ("Soldat! Wann essen wir denn die Axt?"). Und auch die Antwort des Lehrers deutet auf diesen langen Weg ("Die ist leider noch nicht ganz gar").

    Doch hier beweist der Meister sein Lehrertalent, indem er auch mal auf Distanz zu seinem Schüler geht, indem er ihn dann alleine, sprich selbständig, an sich arbeiten lässt. ("Er verabschiedete sich von der Hausherrin und ging seines Weges".) Aber die Verbindung, die Zuneigung, die Erinnerung an das Gute, das Wissen um die Vorzüge seines Schülers sind/bleiben bei ihm ("Er steckte die Axt in seinen Ranzen", "So hatte er doch etwas zu Essen gekriegt und auch noch die Axt mitgenommen!").

    Das alles kommt mir bekannt vor.

  • #10

    R.G. (Donnerstag, 06 Dezember 2018 17:26)

    Die Deutung ist ne Wucht, R.F.!

  • #11

    Simon (Freitag, 07 Dezember 2018 00:19)

    Die Absicht entscheidet!

    Hier will ich mich R.G anschließen. Die Interpretation von R.F. ist bestens.

  • #12

    R.G. (Freitag, 07 Dezember 2018 12:42)

    R.F. und ich haben festgestellt, dass bei beiden Deutungen (8 und 9) noch Folgendes ergänzt werden kann:
    In beiden Fällen gibt es keinen "Verlierer". Die Frau/ der Schüler wird bereichert, obwohl bzw. geade weil sie/ er durch das geschickte Vorgehen des Soldaten etwas freiwillig geben kann.