Das Karma (Sri Aurobindo)

Diese Wahrheit vom Karma ist im Osten in der einen oder anderen Form immer anerkannt worden, aber den Buddhisten gehört die Ehre, ihr den klarsten und vollsten universalen Ausdruck und die höchst eindringlichste Bedeutung gegeben zu haben. Im Westen ist die Idee ebenfals andauernd wiedergekehrt, dies aber in äußerlichen, in fragmentarischen flüchtigen Eindrücken, als Anerkennung einer pragmatischen Erfahrungswahrheit und hauptsächlich als ein führendes ethisches Gesetz oder Verhängnis, das über den Eigensinn und die Stärke des Menschen gesetzt ist. Sie wurde jedoch von anderen Vorstellungen, unvereinbar mit jeglicher Gesetzesherrschaft überwölkt, von vagen Ideen irgendeiner höheren Laune oder einer göttlichen Eifersucht - das war eine Vorstellung der Griechen, - eines blinden Schicksals oder einer unergründlichen Notwendigkeit (Ananke) oder später, als mysteriöse Wege einer launenhaften, obwohl ohne Zweifel allweisen Vorsehung. Und dies alles bedeutete, daß es eine unvollständige Halbeinsicht vom Wirken einer Gewalt gab. Das Gesetz ihres Wirkens aber und die Natur der Sache ansich, entgingen der Wahrnehmung, - wie es tatsächlich unvermeidbar war, da das geistige Auge des Westens, absorbiert von der Leidenschaft des Lebens versuchte, die Arbeitsweise des Universums im Lichte des einzelnen Geistes und Lebens des Menschen zu lesen.

Aber jene Abläufe sind viel zu gewaltig, uralt, ungebrochen in der Zeit und fortlaufend in dem alles durchdringenden Raum, - nicht in materieller Unendlichkeit allein, sondern in der ewigen Zeit und dem ewigen Raum der Unendlichkeit der Seele - um durch solch fragmentarische Schimmer gelesen werden zu können. Seit die östliche Idee und der östliche Name des Gesetzes vom Karma der modernen Mentalität vertraut gemacht wurde, hat eine Seite davon eine wachsende Anerkennung erhalten, - vielleicht weil in letzter Zeit diese Mentalität von den großen Entdeckungen und Verallgemeinerungen der Wissenschaft, für eine vollere Vision kosmischer Existenz und für eine geordnetere und majestätischere Vorstellung vom kosmischen Gesetz bereit geworden war. Ebensogut ist es dann beim Herangehen an diese Frage vom Karma möglich, von der physischen Basis an zu beginnen, obwohl wir schließlich finden könnten, daß wir um ihre ganze Bedeutung zu begreifen und auch um die Grenzen ihrer Bedeutung festzusetzen, vom anderen Ende des Seins schauen müssen, von seinem spirituellen Gipfel, statt seiner materiellen Stütze. Im wesentlichen besteht die Bedeutung vom Karma darin, daß alle Existenz das Wirken einer Universalenergie, von einem Prozeß und einer Aktion und einem Aufbau von Dingen dieser Aktion ist, - ebenso eines Abbaus, aber als ein Schritt zu weiterem Aufbau. Daß weiter alles eine fortlaufende Kette ist, in der jedes Glied unlöslich an die vergangene Unendlichkeit zahlloser Glieder gebunden ist und daß das Ganze durch feste Beziehungen einer festen Verbindung von Ursache und Wirkung beherrscht wird und das gegenwärtiges Tun das Ergebnis vergangener Tat, wie zukünftiges Tun das Ergebnis gegenwärtiger Tat sein wird, sowie alle Ursache ein Wirken von Kraft und alle Wirkung ebenfalls ein Wirken von Kraft ist. Die moralische Bedeutung ist die, daß unsere ganze Existenz ein Ausströmen einer Kraft ist, die in uns ist und von welcher wir gemacht sind und so wie die Natur der Kraft die als Ursache herausgestellt ist, so soll die der Kraft die als Wirkung zurückkehrt sein, daß weiter dies das Universalgesetz ist und das nichts in der Welt, das von und in unserer Welt ist, seinem beherrschenden Auftreten entkommen kann. Das ist die philosophische Wirklichkeit der Theorie vom Karma und so ist auch die Sehweise, die von der physischen Wissenschaft entwickelt worden ist. Aber ihr Sehen ist beim Fortschritt in Richtung der vollen Größe ihrer eigenen Wahrheit, von zwei beharrlichen Fehlern behindert worden. Erstens, dem hartnäckigen paradoxen Versuch, - unvermeidlich und nützlich ohne Zweifel, als ein Versuch menschlicher Vernunft der seine Gelegenheit haben mußte, aber zum Fehler vorverdammt - supraphysische Dinge durch eine physische Formel zu erklären und einen verdunkelnden zweiten Fehler, hinter die Universalregel des Gesetzes als ihrer wirkende Ursache, die ziemlich entgegengesetzte Vorstellung von der kosmischen Herrschaft des Zufalls zu setzen. Die alte Vorstellung von einer unverständlichen höheren Laune, - unverständlich muß sie natürlich sein, da sie das Wirken einer unintelligenten Gewalt ist, - verlängerte auf diese Art ihre Herrschaft und bekam Seite an Seite mit der wissenschaftlichen Vision der gefestigten und verketteten Folge vom Universum Einlaß.

 

(Sri Aurobindo, aus "Das Karma")

Kommentar schreiben

Kommentare: 0